Das Verhältnis des Komponisten Carl Orff zum Glauben

Eine religiöse Achterbahnfahrt samt Schrei nach Gottes Antwort

Ein Carl-Orff-Jahr mit vielen Aufführungen sollte 2020 werden, zum 125. Geburtstag des Komponisten. Corona verhinderte dies. Die Münchner Katholische Akademie widmete ihm nun verspätet einen Abend zum Thema Glauben.

Grabstätte von Carl Orff / © Christopher Beschnitt (KNA)
Grabstätte von Carl Orff / © Christopher Beschnitt ( KNA )

Carl Orff ein religiöser Komponist? Eine Messe, ein Requiem, ein Oratorium oder eine Passion lässt sich im Werkkatalog des Künstlers (1895-1982) nicht finden. Natürlich sind da sein Weihnachts- und Osterspiel und auch das nur selten aufgeführte "Spiel vom Ende der Zeiten", aber ansonsten muten seine Werke eher weltlich, ja "antik-heidnisch" an, wie der Direktor des Orff-Zentrums München, Thomas Rösch, am Montagabend in München einräumte. Für die Katholische Akademie in Bayern hatte er einiges Überraschendes zum ambivalenten Verhältnis des Musikers zu Glaube und Religion aus dem Archiv zu Tage gefördert.

Eine "geistige Achterbahnfahrt mit ein paar Schockelementen" versprach der Experte. Und er hielt Wort: Denn in den Orffschen Werken wimmelt es nur so von Hexen und Teufeln, die das Böse verkörpern, aber auch von hoffnungsvollen, berührenden Momenten, die einen gläubigen Menschen erkennen lassen. Es sind diese Widersprüche, die zeitlebens die Nähe und Ferne von Orff zum Glauben prägten.

Fromme katholische Erziehung 

In München hineingeboren in eine bayerische Offiziers- und Gelehrtenfamilie, wurde er auf den Namen "Karl Heinrich Maria" katholisch getauft. Für die religiöse Erziehung war Mutter Paula zuständig, eine ausgebildete Pianistin. Schon vor dem ersten Geburtstag lernte der Kleine das Beten, mit knapp drei konnte er das Kreuzzeichen, das Vaterunser und Ave Maria.

Die Gottesdienstbesuche, vor allem die Liturgie zu den Festtagen, faszinierten ihn. Das Spiel mit Musik und Licht ließen früh seine Begeisterung fürs Theater erwachen. 1915, als Orff bereits die Ausbildung an der Münchner Akademie für Tonkunst absolviert hatte, schrieb er zum Begräbnis seiner Tante Emmy Giehrl ein "Ave Maria". Ein Sturz von der Leiter hatte die Frau in jungen Jahren zu einem Pflegefall gemacht. Über 50 Jahre lag sie im Bett, wo sie erfolgreich Geschichten in religiös-erbaulichem Stil verfasste und damit auch im bayerischen Königshaus zu einer geschätzten Schriftstellerin wurde.

Mit der Bibel Probleme

Ihr Neffe hatte mit der Bibel eher seine Probleme. Noch während der Schulzeit erregte er sich im Religionsunterricht darüber, dass Abraham seinen Sohn Isaak opfern soll. Wie kann ein liebender Vater und letztlich Gott das zulassen? Als sich später ein Mitschüler das Leben nahm, weil er mit den katholischen Dogmen nicht zurechtgekommen war, wuchs die Distanz weiter. Die Erlebnisse des Ersten Weltkriegs taten das ihrige dazu. 1917 wurde Orff eingezogen und an die Ostfront geschickt, wo er bei einem Angriff verschüttet wurde.

Die dabei durchlittene Todesangst ließ ihn nicht mehr los; Dunkel- und Verlassenheit hielt er nicht aus. Als Orff traumatisiert im Lazarett lag, zeitweise halbseitig gelähmt, vertiefte er sich in Friedrich Nietzsches "Der Wille zur Macht", wie Rösch berichtete. Und etwas Gruseliges hatte er gleichfalls beizusteuern: Was Orff getrieben haben mag, weiß niemand. Doch belegt sei, dass er damals in eine nahe gelegene Bischofskirche gegangen sei und sich in der dortigen Gruft eines Totenschädels bemächtigt habe.

Entfremdung von der Religion

Die Entfremdung von der Religion hielt an. Seine Tochter Godela ließ der Komponist nicht taufen. Die Antike, ihre Helden und Philosophen, lagen ihm näher. Er befasste sich mit Monteverdi und vertonte die "Brecht-Kantaten", die, so manche Kritiker, durch seine Musik zu einer Art "schwarzen Messe" mutierten. Als 1937 die "Carmina Burana" uraufgeführt wurden, strich er einen bereits komponierten Teil, der am Ende alles christlich-religiös überhöht hätte.

Orff habe seine eigene Theologie geschaffen, erklärte Rösch, in der Christus nicht vorkomme. Gott aber sei für ihn nie tot gewesen. Er sehe ihn nicht als einen Strafenden, vielmehr als ein ordnendes, geistiges und liebendes Prinzip. Als der Komponist 1974 den Romano-Guardini-Preis erhielt, würdigte ihn der Münchner Kardinal Julius Döpfner als einen Mann, "der aus dem Umfeld des Glaubens heraus in ergreifender Weise den Ruf herausschreit nach Gott und seiner Antwort". Begraben wurde Orff auf eigenen Wunsch in der Schmerzhaften Kapelle von Kloster Andechs: "Die Leute sollen sehen, wo ich daheim bin."

Autor/in:
Barbara Just
Quelle:
KNA