Gender-Beauftragte begrüßt Debatte um Gott* mit Sternchen

"Eine heilsame Irritation"

Gott* mit Sternchen zu schreiben, den Vorschlag hat die Katholische junge Gemeinde (KjG) schon vor einiger Zeit gemacht und damit eine lebhafte Diskusion ausgelöst. Theologin Irene Diller begrüßt das und erkennt darin eine große Vielfalt.

Symbolbild: "Gott*" mit Gendersternchen / © Gerald Mayer (DR)
Symbolbild: "Gott*" mit Gendersternchen / © Gerald Mayer ( DR )

DOMRADIO.DE: Was haben Sie als erstes gedacht, als Sie von diesem Vorschlag gelesen haben, Gott mit einem Gendersternchen zu versehen?

Irene Diller (Stabsstelle Vielfalt und Gender der Evangelischen Kirche im Rheinland): Ich freue mich sehr, dass das jetzt auch aus der KjG kommt. Maria 2.0 hat auch schon länger gefordert, auch weibliche Gottesnamen zu nehmen. Und in der evangelischen Kirche ist das mit dem Sternchen auch im Gottesnamen durchaus schon üblich.

Ich glaube, uns hilft das. Es ist eine heilsame Irritation und wir kommen da auch wieder näher an die biblische Sprache von Gott, denn Gott lässt sich nicht festlegen.

DOMRADIO.DE: Das Bild vom alten Mann mit weißem Bart hat aber doch sowieso ausgedient, oder nicht?

Diller: Wenn Sie ein Kind fragen, wie Gott aussieht, kann es sofort Gott malen. Unsere Kirchen sind voller Bilder und leider unsere Köpfe auch und unsere Sprache. Obwohl wir in der Evangelischen Kirche schon seit 1999 in unserer Agende festgelegt haben, dass in unserer Sprache weibliche und männliche Gottesbilder vorkommen sollen, wenn sie 22 Jahre später trotzdem auch in evangelischen Gottesdiensten ganz überwiegend die Gottesnamen "Herr", "Vater", "Herrscher" hören, dann ist das zu eng.

Das kennt die Bibel auch nicht. Die Bibel kennt ganz, ganz viele Bilder für Gott. Und die sind nicht nur männlich.

DOMRADIO.DE: Aber wird Gott mit einem Sternchen, mit dem ich männlich, weiblich, divers verbinde, da nicht auch etwas übergestülpt, was da gar nicht hineinpasst?

Diller: Ich denke beim Sternchen erst mal daran, dass es sich nicht mehr gut aussprechen lässt, dass wir ein bisschen stolpern. Und jetzt kann man einerseits sagen, Gott hat kein Geschlecht. Aber dann müssen wir viel dran tun, um das auch in unserem Denken und unserer Sprache wieder so abzubilden und auch in unseren Kirchen mal ganz schön aufräumen, bis wir die männlichen Bilder von Gott da auch raus haben.

Ich wäre auch sehr damit einverstanden, wenn wir uns mehr auf abstrakte Bilder für Gott verständigen, wie "Licht" oder "Weg" oder "Quelle". Das geht auch wunderbar. Aber Gott hat ja die Menschen auch zu seinem Bilde geschaffen und die Menschen sind geschlechtliche Wesen. Und wie wir heute wissen, haben wir nicht nur zwei und auch nicht nur drei Geschlechter, sondern sind auf einer ganzen Palette geschlechtlich. Welchen Rückschluss lässt das auf Gott zu?

DOMRADIO.DE: Die Gottesnamen haben sich schon immer verändert und waren Ausdruck des Zeitgeistes. Welche Gottesbezeichnung gab es denn da im Laufe der Geschichte?

Diller: Das Wesentliche in unserer christlichen Tradition ist eigentlich, dass der Name Gottes mit Ehrfurcht behandelt und deshalb auch nicht ausgesprochen wurde. In der Bibel kommt der Name Gottes 7.000 mal vor, aber er wird nicht ausgesprochen, sondern er wird immer mit Ersatz-Wörtern versehen. Und diese Ersatzwörter sind kunterbunt.

Da gibt es alles, sehr viel aus der Natur, die Adlermutter oder Henne oder die Kraft, also auch weibliche Bilder, aber natürlich auch die kriegerischen Bilder, die sich bei uns sehr durchgesetzt haben, wie Herr der Heerscharen und der Schöpfergott. Da gibt es eine große Fülle.

Wenn Sie in einen Gottesdienst gehen, werden Sie diese Fülle nicht in der liturgischen Sprache finden. Und da, finde ich, sollten wir wieder hin, dass wir ein größeres Angebot machen, wo Menschen sich auch wiederfinden können in den Bildern, die wir mit Gott verbinden.

DOMRADIO.DE: Was könnte so ein kleines Sternchen heute für Christinnen und Christen, aber auch für die Nichtgläubigen bewirken?

Diller: Vor allem eine Diskussion, so wie wir sie jetzt führen, dass wir mal hinterfragen, haben wir uns Gott vielleicht doch zu sehr verfügbar gemacht und auch zu schnell einen Haken daran gemacht? Gott als alter weißer Mann mit langem Bart, das ist für viele unattraktiv.

Aber Gott, wie wir ihn bekennen, ist eine lebendige Kraft in unserem Leben, die uns zu Gerechtigkeit aufruft und gegen Ausgrenzung aufruft. Das gilt für Geschlechter, für andere Minderheiten. Da haben wir viel zu tun, auch in der Kirche und auch in der Gesellschaft.

DOMRADIO.DE: Für wie wahrscheinlich halten Sie es, dass dieses Sternchen oder sonst ein Symbol in Zusammenhang mit dem Begriff Gott kommt?

Diller: Ist es ja schon. Es ist in Veröffentlichungen schon da. Ich glaube nicht, dass es irgendwelche Dauerlösungen geben wird, weil unsere Sprache im Fluss ist. Und gerade im Bezug auf gendergerechte Sprache wird viel ausprobiert. Und das ist gut so, dass viel ausprobiert wird. Und das Sternchen ist da ein gutes Instrument, um das aufzubrechen.

Aber wir sind auf der Suche nach neuen Sprachformen, die dem besser gerecht werden, was wir sagen wollen. Man stolpert natürlich. Aber es geht ja darum, das abzubilden, was man auch sagen möchte, dass man auch verstanden wird, so wie man zum Beispiel spricht. Vor 20 Jahren hätten Sie in der Kirche noch nicht gezuckt, wenn jemand vor der Gemeinde gesagt hätte: Liebe Brüder, und da hätten aber ganz viele Schwestern gesessen.

Heute wollen wir das so nicht mehr. Da wollen wir die ansprechen, die wir auch vor uns haben.

DOMRADIO.DE: Welchen Begriff finden Sie denn am schönsten für Gott, der auch vielleicht gut sprechbar ist?

Diller: Ich muss wirklich sagen, für mich ist die Vielfalt in der Sprache wichtig. Ich möchte mich nicht auf einen Begriff festlegen. Ich finde es völlig in Ordnung, wenn Menschen persönlich zu Gott sprechen und gerne das Wort "Gottvater" nutzen oder "Gott ist mein Hirte".

Für mich ist aber auch sehr wichtig zum Beispiel ein Gottesname wie "die Ewige" oder "die Heilige". Das sind Gottesnamen, die mir viel bedeuten. Und ich hoffe, dass wir einfach eine Fülle von Gottesnamen nutzen können und anbieten können, sodass viele Menschen sich auch wieder angesprochen fühlen von unserer lebendigen Gottessprache.

Das Interview führte Dagmar Peters.

Symbolbild Gender-Deabtte (shutterstock)
Quelle:
DR
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