Ein Pater hilft den Kindersoldaten Kolumbiens

Vom Klassenzimmer in den Drogenkrieg

Das karge Heim von Pater Luis Grajales ist Endstation und zugleich letzte Hoffnung: Ein paar Dutzend Kinder haben hier Zuflucht gefunden. Es sind die jüngsten Flüchtlinge des "bewaffneten Konfliktes", wie Diplomaten den jahrzehntelangen Bürgerkrieg in Kolumbien gern umschreiben. Der Pater bietet Kindern Schutz und Heim.

Autor/in:
Tobias Käufer
 (DR)

Jenen Kindern, die gegen ihren Willen in die Truppen der marxistischen Rebellenorganisation Farc oder den ultrarechten Paramilitärs gezwungen wurden. Und denen unter abenteuerlichen Umständen die Flucht gelang. Zurück zu den Eltern können die desertierten Kinder nicht, weil sie dort von den illegalen Banden gesucht werden. Hier im Heim des katholischen Priesters bleibt ihnen die Möglichkeit, zurück in ein menschenwürdiges Leben zu finden.

In San Jose del Guaviare trägt der kolumbianische Geistliche seinen ganz persönlichen Kampf gegen den Wahnsinn des Krieges aus. "Die Bewaffneten kommen in die Schulen und fragen nicht, ob sie das dürfen", berichtet der schmächtige grauhaarige Mann über die ungebetenen Besucher. "Den Lehrern bleibt nichts anderes übrig als zu schweigen." Die vorgehaltene Waffe im Klassenraum lässt keine andere Wahl.

"Die Farc macht ihnen klar, dass es ein Gesetz des Schweigens gibt"
Die Farc hat in den vergangenen Monaten Tausende Kinder an die Waffen gezwungen. Das kolumbianische Nachrichtenmagazin "Cambio" deckte vor wenigen Tagen die Machenschaften der ältesten Guerilla-Organisation Lateinamerikas auf. Bis zu 17.000 Kinder sollen derzeit in Diensten der Rebellen stehen, rechnet das Blatt vor und beruft sich dabei vor allem auf katholische Priester. Die Berichte zahlreicher Geistlicher, vor allem aus entlegenen Provinzen, sollen Grundlage der Schätzungen sein.

Statistisch zuverlässige Zahlen gibt es freilich nicht: Hector Lopez, Ombudsmann in Guaviare, weiß warum: "Die Leute haben Angst, solche Vorfälle zu melden. Die Farc macht ihnen klar, dass es ein Gesetz des Schweigens gibt." Die Dunkelziffer, so befürchten Menschenrechtsorganisationen, könnte noch viel höher ausfallen. Die Masche der Farc-Kommandanten ist immer die gleiche: Vor allem unter den Ärmsten der Armen finden sie personellen Nachschub. "Zunächst versprechen sie materielle Dinge: Geld, regelmäßiges Essen. Reicht das nicht, dann drohen sie den Familien", berichtet San Joses Bürgermeister Pedro Arenas.

Die aktuellen Zahlen sind erschreckend: Ein Viertel der Kindersoldaten sind Mädchen. In den vergangenen zehn Jahren fielen allein in Farc-Uniform 6.410 Kinder. Ihr Durchschnittsalter beträgt zwölf Jahre. Nach der Trennung der Familie übernehmen ausgesuchte Rebellen die Elternrolle. Ein Kontakt zur eigenen Familie ist den Kindern nicht mehr möglich; alle Bindungen werden gekappt. Zum neuen Lebensinhalt wird der Kampf für die sozialistische Revolution - und das bedeutet in erster Linie zu töten.

Immer wieder demonstrieren die Kolumbianer
Die Suche nach immer mehr Kindersoldaten hat ihren Grund. Seit der konservative Staatspräsident Alvaro Uribe gegen die Farc-Rebellen einen harten militärischen Kurs fährt, sind zahlreiche Kämpfer desertiert oder wurden getötet. Zudem fehlt den Rebellen der moralische Rückhalt in der Bevölkerung. Die Verstrickung in den milliardenschweren Drogenhandel, dazu die menschenverachtende Entführungsindustrie haben der vor Jahrzehnten noch bewunderten Guerilla jegliche Legitimation im Volk genommen. Im Gegenteil: Immer wieder gehen die Kolumbianer auf die Straße, um gegen die Gräueltaten der Farc zu demonstrieren.

Pater Luis berichtet von einem Dorf zwei Autostunden von San Jose entfernt. Hier, wo keine Polizeistation und keine regulären Armeeeinheiten Schutz bieten, habe die Farc versucht, auf einen Schlag 100 Kinder einer Schule zu rekrutieren. Die mutige Direktorin des "Colegio Jose Miguel Lopez Calle" stellte sich den verdutzten Milizen in den Weg und verbot den Schülern, auch nur einen Schritt in Richtung der Guerilleros zu gehen. Mit Erfolg. Wenig später versammelte sich das ganze Dorf, um gegen die Rebellen zu protestieren. "Sie sollen uns in Ruhe lassen", stand auf den Plakaten, wie sich der Pater erinnert. Es blieb eine Ausnahme.