25 Jahre nach der Apartheid ist Südafrika noch immer getrennt

Ein Land voll Schönheit, Schrecken, Stacheldraht

1994 endete in Südafrika die Rassentrennung. Doch bis heute durchfurchen riesige Risse das Land. Bei einem Kapstadt-Besuch zeigt sich das an den Wohnverhältnissen ebenso wie am Fall einer verschwundenen Katze.

Township in Kapstadt / © Christopher Beschnitt (KNA)
Township in Kapstadt / © Christopher Beschnitt ( KNA )

Jacaranda-Bäume blühen lila Wolken in die Luft - und unter diesem prächtigen Baldachin aus Farbe "wohnt" ein Mann mit lückigem Gebiss inmitten löchriger Plastikplanen. Protzige Villen mit Pools gibt es, umgeben aber von Strom- und Stacheldraht, Videokameras und Wachhunden. Draußen starrt es vor Schutt und Schmutz - und die Schwestern Renicia und Saneka schaukeln mittendrin, jauchzend und jede mit einem großen Grinsen im Gesicht.

Auch heute noch "Getrenntheit"

Zehn und fünf Jahre alt sind diese Mädchen aus Kapstadt. Sie sind lange nach 1994 geboren; nachdem ihr Land die "Apartheid" abgeschafft hat. Und dennoch erleben sie noch heute jeden Tag "Getrenntheit". Auch ein Vierteljahrhundert nach dem demokratischen Wandel ist Südafrika kein geeintes Land - sondern eines krassester Gegensätze.

Laut der Weltbank weist kaum ein Land der Erde eine so ungleiche Einkommensverteilung auf - bei einer Arbeitslosigkeit von offiziell 29 Prozent. Rund 22 Prozent der Südafrikaner leben dem Auswärtigen Amt zufolge in absoluter Armut, also von weniger als 1,90 US-Dollar am Tag.

Wer so wenig hat, haust meist in einem Township, einer Armensiedlung. Etwa in Blikkiesdorp rund 30 Kilometer außerhalb des Kapstädter Zentrums. Eine einzige weiße Familie gibt es unter den rund 10.000 Menschen dort, sonst nur Farbige. Wie Renicia und Saneka. Ihr Heim besteht wie die anderen Baracken aus Latten, Gittern und Wellblechen und ist drei mal sechs Quadratmeter groß. Acht Personen sind darin zu Hause. Toilette und Wasseranschluss teilen sie sich mit den Bewohnern dreier weiterer Hütten.

Zwischen den Blechbuden

Ob sich Renicia und Saneka wohlfühlen? Sie reden nicht, sie lächeln nur. Froh sein können sie auch, wenigstens im Vergleich zu dem Obdachlosen unter den Planen. Menschen wie ihm begegnet man in Kapstadt allenthalben.

Die grauen Gestalten fallen auf, weil Kapstadts Kulisse so farbenfroh ist. Pastellton-Häuser wetteifern mit kunterbunter Straßenkunst. Oder dem Tafelberg oder dem Löwenkopf. Bis über 1.000 Meter ragen die markanten Felsformationen am Rande der Stadt auf. Und der, zu dem sie hinzeigen, muss bei der Schöpfung Überstunden gemacht haben, so knallig erstrahlen die Hänge des Gebirges vor Blüten. Sie gleiten hinab zum azurnen Atlantik, aus dem immer wieder Robben und Wale winken und Pinguine an den Strand gewackelt kommen.

Blikkiesdorp ist von diesem Paradies nur wenige Autominuten entfernt - doch trotzdem wie von einem anderen Stern. Ursprünglich war der Ort als Übergangslager für Menschen gedacht, die die Stadt anderswo verdrängt hatte. Für sie ließ die Kommune die Verschläge hochziehen. In einer Ödnis gleich neben dem Flughafen, ohne jeden Jacaranda-Baum. Das war 2007.

Aids-Hilfsorganisation von Stefan Hippler

Renicia und Saneka kennen also gar kein anderes Leben als das zwischen den Reihen von Blechbuden, die bis zum Horizont reichen. Dazwischen schlammige Wege, gesprenkelt von grünlich schillernden Pfützen und übersät von Scherben, kaputten CDs, Kondomverpackungen. Eine Ratte flitzt vorbei. Fäulnis und Abgase süßeln die Luft. Windböen lassen nicht nagelfeste Dächer und Wände scheppern. Streuner kläffen. Jungen zielen mit dem Finger aufeinander und rufen: "Peng! Peng! Peng!"

Oft bleibt es nicht beim Spiel. "Gewalt ist hier ein schreckliches Problem", sagt Kerstin Behlau. Ständig gebe es Bandenkriege: "Kürzlich wurde eine junge Frau aus Versehen mit 17 Schüssen getötet. Sie war vor die Haustür getreten, weil sie draußen etwas gehört hatte." Behlau arbeitet für Hope, eine von dem katholischen Priester Stefan Hippler aus dem Bistum Trier gegründete Aids-Hilfsorganisation.

In Blikkiesdorp bietet Hope unter anderem eine Suppenküche und Handarbeitskurse an. "Wir wollen den Menschen Ideen vermitteln, wie man sich ein eigenes Einkommen schaffen kann", sagt Behlau. Aufmerksamkeit für die Lage der Township-Bewohner sei wichtig: "Die regelmäßigen Gewaltausbrüche sind auch Hilfeschreie."

Jeder fünfte Südafrikaner lebt von 1,70 Euro täglich

Rund 2.900 Tötungsdelikte gab es 2018 in Kapstadt - in Berlin waren es 94. Die Stadt des südafrikanischen Parlaments zählt zu den gefährlichsten der Welt, vor allem in den Townships. Kein Wunder, dass selbst die Hütte von Renicia und Saneka mit Stacheldraht bewehrt ist.

Ein Menschenleben gilt in dieser Gegend im Zweifel wenig - ein paar Meilen entfernt das einer Katze dafür umso mehr. Dort, in einem besseren Viertel, hängen alle paar Meter Plakate, mit denen jemand sein verschwundenes Haustier sucht. Belohnung: umgerechnet 250 Euro. Jeder fünfte Südafrikaner lebt am Tag von unter 1,70 Euro. Immerhin: Die Zettel kleben an Bäumen, aber nicht an Jacarandas; es wohnt auch niemand unter ihnen. So krass ist nicht mal Kapstadt.

Miteinander trotz Verschiedenheit / © Harald Oppitz (KNA)
Miteinander trotz Verschiedenheit / © Harald Oppitz ( KNA )
Allee von Jacaranda-Bäumen (shutterstock)
Leben hinter Zäunen: Township bei Kapstadt / © Hanno Gutmann (epd)
Leben hinter Zäunen: Township bei Kapstadt / © Hanno Gutmann ( epd )
Autor/in:
Christopher Beschnitt
Quelle:
KNA
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