Priester in Ahrweiler ordnet Situation im Flutgebiet ein

Ein beschwerlicher Weg

Gut vier Monate nach der Flutkatastrophe tragen die Menschen im Ahrtal noch schwer an den Folgen des Hochwassers. Nun kommt noch die schwierige Corona-Lage hinzu. Pfarrer Heiko Marquardsen blickt auf die Lage vor Ort.

Schiefertafel mit der Aufschrift "Ahrweiler bleibt stark! Aufgeben ist nicht!" / © Harald Oppitz (KNA)
Schiefertafel mit der Aufschrift "Ahrweiler bleibt stark! Aufgeben ist nicht!" / © Harald Oppitz ( KNA )

DOMRADIO.DE: Zu allem anderen Elend verschärft sich jetzt auch noch die Corona-Lage. Wie schlimm ist das gerade bei Ihnen in Sachen Corona?

Heiko Marquardsen (Priester in der Pfarreiengemeinschaft Bad Neuenahr/Ahrweiler): Ich finde das schwierig momentan bei uns einzuschätzen. Natürlich ist das mittlerweile ein stärkeres Thema als gerade am Anfang der Flut, als sich keiner um Hygieneregeln geschert hat, weil das einfach in dem Augenblick nicht dran war. Aber ich persönlich muss ehrlich sagen, ich finde das gerade schwierig einzuschätzen.

In manchen Punkten ist auch das Problem, dass Menschen in ihren Häusern wohnen, wo die Heizung noch nicht wieder so ganz so stabil ist und auch generell vielleicht irgendwo sind, wo das Thema mit Kälte leben zu müssen seinen Platz hat. Deshalb ist es manchmal schwierig einzuschätzen: Ist es jetzt einfach wieder eine Erkältung oder ist es Corona? Das gehört auch mit dazu, aber dass das hier auch so eine große Rolle spielt, ist, glaube ich, jetzt ja auch nicht überraschend.

DOMRADIO.DE: Der Herbst ist längst da. Es ist kalt geworden. Wie sieht das jetzt bei Ihnen aus? Wie wohnen die meisten von denen, deren Häuser bei der Flut unbewohnbar geworden sind? Sind die trocken untergebracht? Haben die es warm?

Marquardsen: Da hängt auch viel davon ab, wo man denn letztlich hier im Flutgebiet gewohnt hat. Die Heizung ist fast in der kompletten Stadt wiederhergestellt. Die letzten Häuser kommen jetzt im Laufe des Monats an die Heizung. Da hängt es dann davon ab, wie die Heizung im Haus aussieht, ob da noch was gemacht werden muss. Aber im Sinne der Gasversorgung ist der größte Teil wieder da.

Und die Menschen wohnen entweder in ihren Häusern oben drüber in Stockwerken, die nicht betroffen sind, sind teilweise relativ weit weg von hier ausquartiert, haben Ferienwohnungen, also gerade das, was irgendwo zu finden war. Es lässt sich einfach nicht sagen, wie alle Flutopfer wohnen. Das ist immer eine sehr individuelle Lösung. Ich war die Tage mit einem Familienkreis zusammen und habe in der Wohnung von einem Flutopfer unten im Erdgeschoss gesessen, die hat gerade ihr Untergeschoss in den Rohbau zurückgesetzt hatten. Und sie waren dort, wohnen aber regulär nicht im Haus, sondern sind momentan woanders untergekommen.

DOMRADIO.DE: Gut vier Monate ist die schlimme Flut jetzt her. Wie schätzen Sie den Stand der Aufräum- und Bewältigungsarbeit heute ein? Wie weit sind Sie da?

Marquardsen: Wir sind, glaube ich, in vielen Dingen auf einem guten Weg. Wir sind jetzt die Tage auch durch die Presse gegangen in unserer Stadt mit dem Thema der Pop-up-Malls, sodass da so ein bisschen Normalität an manchen Punkten noch mal reinkommt. Die Dinge, die so schleichend wieder so werden wie vor der Flut, die kommen so nach und nach. Aber das Warten auf Handwerker und der Fortschritt im Haus ist naturgemäß immer noch ein großes Problem. Gerade auch, weil durch das Warten auch gewisse Folgeschäden an Häusern dadurch entstanden sind, dass es eventuell noch nicht so trocken ist und durch das Nicht-trockene und das Lüften noch Folgeschäden entstanden sind. Ich glaube, das liegt momentan an.

DOMRADIO.DE: Was hat es mit den Pop-up-Malls auf sich?

Marquardsen: Die Geschichte mit den Pop-up-Malls ist die, dass viele unserer Geschäfte ja auch durch die Flut betroffen sind und in den ursprünglichen Geschäftsstandorten nicht mehr existieren. Und unsere Stadt hatte die Idee, ein Stück auch noch mal die eigene Wirtschaft hier in unserem Gebiet anzukurbeln und Ausweichquartiere für die Geschäfte zur Verfügung zu stellen. In Bad Neuenahr ist das so eine Art großes zweistöckiges Zelt mit den Geschäften, die dort rein wollten. Und in Ahrweiler ist das quasi rund um die Stadtmauer so eine kleine Ladenzeile, wo die Menschen ihre Geschäfte, die sie ursprünglich in der Stadt hatten, hin ausquartiert haben. Das hat letzte Woche gut angefangen.

DOMRADIO.DE: Da müssen Sie sich dann wahrscheinlich bald die passenden Corona-Regeln zu ausdenken. Wie nehmen Sie das als Seelsorger jetzt wahr? Was sind gerade die größten Sorgen der Leute?

Marquardsen: Ich glaube, das ist so, wie es im November ist. Es ist so eine gewisse Müdigkeit, Müdigkeit im Kopf, aber auch körperlich, weil dieses triste Novemberwetter so ein bisschen aufs Gemüt schlägt und man so langsam das Warten auf irgendwelche Dinge satthat – hinzu kommt eine gewisse Angespanntheit und Gereiztheit. Man braucht auch in vielen Dingen Geduld miteinander. Und man muss auch manchmal aufpassen, wie man Menschen dann irgendwo mit irgendwelchen Worten eventuell auf die Füße tritt, die vielleicht gar nicht so gemeint waren, aber momentan in der angespannten Situation falsch angekommen sind.

Das Bild vom Anfang, was wir immer für uns klar hatten, ist, dass das hier ja kein Sprint ist, der sehr schnell geht, sondern ein Stück Marathon, für den wir ein bisschen länger Geduld brauchen und lange warten müssen. Und es ist momentan so ein bisschen ein beschwerliches Stück Weg. Gerade mit dem Thema dunkle Jahreszeit/November – diese Geschichten. Wenn ich aus meinem Fenster raus gucke, ist es nicht sonnig und trüb. Und wenn es ohnehin zu Hause ein bisschen angespannt ist, macht es das Ganze momentan auch nicht einfacher.

DOMRADIO.DE: Gibt es etwas, was sich bei diesem Marathon die Flutbetroffenen vom Rest der Republik wünschen? Mehr Anteilnahme vielleicht? Mehr Spenden auf lange Sicht?

Marquardsen: Ich finde wichtig für die Menschen ist, dass sie nicht vergessen sind, dass sie wissen, es wird an sie gedacht. Klar, das Thema Helfer ist immer noch wichtig. Ich habe gerade auch noch mal einen Spendenaufruf vom Helfershuttle gesehen, dass noch Unterstützung gebraucht wird in vielen Dingen.

Ich muss ehrlich sagen, beim Thema Spenden sehe ich es in manchen Punkten eher so ein bisschen zweischneidig. Finanzielle Unterstützung im Sinne von Spenden ist wichtig, aber diese Hilfsangebote momentan – gerade mit Blick auf den Advent, das ist eine Fülle an Angeboten, die wir auch hier vor Ort wirklich auch gut koordinieren müssen. Jemand sagte mal, das wäre gefühlt, das klingt jetzt komisch, aber eine Art zweite Welle an Flut, die hier auf uns zukommt. Eine Flut an nett gemeinten Hilfsangeboten, die wir einfach auch vor Ort nicht immer so gut koordinieren können und die vielleicht auch manchmal einfach ein Stück zu viel sind.

Es gab jetzt die Tage ein Angebot von – ich glaube, es waren Hilfstüten, die an eine Schule gehen sollten. Die hat aber abgewunken mit dem Gedanken: Wir sind total überhäuft mit Spenden. Wir wissen gar nicht, wie wir die alle an unsere Leute verteilen sollen. Das ist auch so ein so ein Thema, was ich auch beobachte momentan.

Das Interview führte Hilde Regeniter.

Pfarrer Heiko Marquardsen (privat)
Pfarrer Heiko Marquardsen / ( privat )
Quelle:
DR
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