Es riecht nach Knoblauch und Kräutern, Zwiebelluft beißt in den Augen, Säckchen mit schwarzen Pfefferkörnern und anderen Gewürzen warten auf ihren Einsatz. An den Wänden der kleinen, luftigen Halle steht, in großen Einweckgläsern aufgetürmt, die Essenz, für die all die frischen Zutaten bestimmt sind: gezahnte Bühler-Klee, Black Krim, San Marzano und Froschkönigs Goldkugel.
Namen wie aus einem Märchen der Gebrüder Grimm, die alle für das gleiche stehen: Tomaten in allen Farben und Formen.
Zwischen all den roten und orangefarbenen Schätzen steht Günther Maierhofer. Seit nunmehr vier Jahren baut er - statt Hochleistungstomaten aus dem Supermarkt - alte, längst vergessene Tomatensorten an und verarbeitet sie in seiner Manufaktur "Tomate 7" im niederbayerischen Landshut zu Dips, Saucen und Brotaufstrichen für den Feinkosthandel.
Märchenhafte Geschichte
Die Geschichte des 44-jährigen Versicherungsfachmanns klingt selbst ein wenig märchenhaft. "Ich habe mich beim Kochen immer geärgert, dass die Tomaten entweder nach gar nichts schmecken oder zu sauer", sagt Maierhofer. Nach einem Fernsehbericht über die "Arche Noah", eine österreichische Gesellschaft zur Erhaltung der Kulturpflanzenvielfalt, ließ er sich Samen alter Tomatensorten kommen und experimentierte auf Fensterbank und Balkon mit Valencia, Green Zebra und Black Cherry. Das Ergebnis überzeugte ihn so, dass er sein Versicherungsbüro zur Hälfte an den Nagel hängte und sich in Eigenregie zum Tomatenspezialisten wandelte.
Heute bauen drei Bauern in seinem Auftrag alte Tomatenpflanzen an; in seinem eigens dafür gemieteten Landshuter Gewächshaus testet der Experte immer wieder neue, alte Sorten - die bei ihm in echter Erde wachsen dürfen, statt in industrieller Nährstofflösung. Aus den Feinkostanfängen in der heimischen Acht-Quadratmeter-Küche ist ein kleines, familiäres Unternehmen mit Biosiegel geworden. "Früher habe ich jeden Freitagabend um neun Uhr in meinen zwei größten Töpfen Tomatensaucen kreiert", erinnert sich der Autodidakt.
Rentabel ist das Geschäft nicht
Je nach Jahreszeit arbeiten zwischen fünf und zehn Mitarbeiter für die Manufaktur, die im letzten Jahr 17.000 Gläser Feinkost produziert hat. 90 Prozent sind Handarbeit: Tomaten pflücken, ausschneiden, einkochen, Gewürze wiegen, hacken, mahlen, Saucen abschmecken und abfüllen, die fertigen Gläser etikettieren und am Schluss noch mit einer hübschen Papierhusse schmücken.
Das alles kostet Zeit, und deshalb sind die "Tomate 7"-Produkte, die Maierhofer in über hundert bayerische Feinkostgeschäfte, Bioläden und Weinhandlungen verkauft, auch nicht ganz billig. 3,95 Euro kostet ein Gläschen "Pikato" oder "Bruschetta"; den Tomatenverkauf auf dem Landshuter Wochenmarkt hat der Unternehmer ganz eingestellt.
"Für die meisten Menschen muss eine Tomate rot und rund sein", weiß der Unternehmer - aufgeschlossene Zeitgenossen wagen sich auch mal an die gelben, gestreiften oder fast schwarzen Sorten, doch rentabel ist das Geschäft nicht. Um seinen alten, aber aufwändigen Sorten treu bleiben zu können, will Maierhofer die Produktpalette jetzt erweitern: um raffinierte Grill- und Tomatensoßen aus "normalen" bayerischen Tomaten, die dann das Geschäft mit Black Krim und Froschkönigs Goldkugel mitfinanzieren sollen.
Ein Bayer und sein Kampf für fast vergessene Tomatensorten
Die Goldkugel des Froschkönigs
Tomaten müssen rund und rot sein – so die landläufige Meinung. Weil dabei der Geschmack so häufig auf der Strecke bleibt, wurde in Bayern aus einem Versicherungsfachmann ein Experte für sonst fast vergessene Sorten des Nachtschattengewächses.
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