Gesellschaftssatire "Parasite" mit Oscar ausgezeichnet

Doppelbödige Farce

Die Gesellschaftssatire "Parasite" erhält vier Oscars und wird als bester Film ausgezeichnet - als erster nicht-englischsprachiger Film. Er ist ein Spiegel der Gesellschaft ohne Maß. Gier und Materialismus bestimmen das Verhalten.

Filmszene aus dem Film "Parasite" / ©  CJ ENM Corporation/Barunson E&A/Filmfest Cannes (dpa)
Filmszene aus dem Film "Parasite" / © CJ ENM Corporation/Barunson E&A/Filmfest Cannes ( dpa )

Der südkoreanische Film "Parasite" ist der große Gewinner: Er erhielt in der Nacht zum Montag in Los Angeles die Oscars für den besten Film und den besten fremdsprachigen Film. Ein weiterer Oscar ging an seinen Regisseur Bong Joon-ho. Er wurde zusammen mit seinem Ko-Autor Han Jin Won auch noch für das beste Drehbuch geehrt.

Hochstapler-Geschichte

"Parasite" ist eine Gesellschaftssatire und eine Hochstapler-Geschichte: Der Sohn der armen Familie Kim ergaunert sich durch einen glücklichen Zufall einen Job als Privatlehrer bei der reichen Familie Park. Die Parks wirken wie Idealvertreter einer modernen urbanen Elite: Vater Park ist Geschäftsführer in einer IT-Firma, eine Art Workaholic, seine Frau ist gut aussehend und ausschließlich mit dem Wohlergehen der Kinder, mit Diäten und Modefragen beschäftigt. Die Kinder sind ein pubertierendes Mädchen im High-School-Alter und ein Sohn auf der Grundschule.

Wie ein trauriger Spiegel dieser Verhältnisse wirkt dagegen die ebenfalls vierköpfige Familie Kim: eine arme, schlecht ernährte und wenig gepflegte und stinkende Familie aus der koreanischen Unterklasse. Mit der unverhofften Anstellung des Sohnes beginnt die Hochstapler-Geschichte: Familie Kim schleicht sich in "Parasite" in die Oberklassen-Familie hinein, manipuliert sie durch Tricks und infiltriert sie systematisch - und wird damit zum Eindringling, zum "Parasiten" am Leib der bürgerlichen Familie.

Reiche Oberklasse wird auf die Schippe genommen

Doch Regisseur Bong Joon-ho ist ein virtuoser Meister des Doppelsinnigen und Mehrdeutigen. Denn schnell ist klar, dass auch die Vertreter der reichen Oberklasse auf ihre Art Parasiten am Leib der Gesellschaft sind, Schmarotzer, die auf Kosten aller anderen leben. Die Vorstellung, dass das mitmenschliche Urvertrauen grundlegend erschüttert wird, wenn Menschen ins Innerste, Intimste - das Heim, die Familie - eindringen, die verborgenen Schwächen durchschauen und diese gnadenlos ausnutzen, spielt nicht nur mit den Ängsten und Besorgnissen des Bürgertums. "Parasite" zeigt, was mit Menschen geschieht, wenn sie nur noch auf sich achten und darauf, ihre Komfortzone zu verteidigen.

"Parasite" ist eine Komödie, die durchgängig "over the top" inszeniert ist. Der Film mokiert sich über US-Hörigkeit und US-Faszination der koreanischen Neureichen, die selbst noch das Spielzeug ihrer Kinder in den USA bestellen. Ein Running Gag sind die US-amerikanischen Namen, die sich die Koreaner geben.

Die Reichen sind hier durchweg freundlich; aber sie sind es nur, weil sie es sich leisten können. In den guten Manieren steckt auch eine Unverbindlichkeit und darin wiederum eine Abwehrhaltung: "Wäre ich reich, dann wäre ich auch freundlich", sagt der Sohn der armen Familie einmal.

Gesellschaft ohne Maß

Gleichzeitig ist "Parasite" eine in komödiantische Form gekleidete Farce. Bong Joon-ho meint das, was er zeigt, durchaus universal - darauf deuten schon die koreanischen Allerweltsnamen Kim und Park hin - und als Spiegel der ganzen Gesellschaft. Die hat ihr Maß verloren. Gier und Materialismus bestimmen das Verhalten. Vieles wird in "Parasite" zunächst wortwörtlich genommen: Die Unterklasse wohnt im unteren Teil der Stadt in einem Kellergeschoss, die Oberklasse auf dem Hügel über der Metropole Seoul in einem lichten, transparenten Haus. Auch wenn dieses - und das wird noch einen Rolle spielen - ebenfalls einen Keller hat.

Eines Tages fällt ein heftiger Regen, der sich zur wahren Flut auswächst und gewaltige Wassermassen mit sich bringt. Während sich die Parks freuen, dass der Regen den Dreck aus der Luft filtert, kämpfen die Armen ums nackte Überleben. Irgendwann steht den Bewohnern der Unterstadt das Wasser regelrecht bis zum Hals.

Geleitet von Eigeninteressen

Die Wendungen, die die Handlung nimmt, werden zunehmend abstruser. Alles schraubt sich zu einem furiosen Finale hinauf. Letztlich geht es Regisseur Bong Joon-ho um eine Kritik des westlichen Lebens-, Arbeits- und Konsummodells. Weil der Westen dieses Modell selbst schon lange in Frage stellt, da der westliche Universalismus in der Praxis überaus partikular und oft genau das ist, was man ihm seit langen vorwirft: eine Maske von Eigeninteressen - parasitär.

Autor/in:
von Rüdiger Suchsland
Quelle:
KNA