Domdechant Kleine würdigt Adenauer als Christ und integren Staatsmann

"Wie Verantwortung Gestalt annimmt"

Als Kölner Oberbürgermeister und erster Bundeskanzler prägte Konrad Adenauer die deutsche Geschichte wie kein anderer. Dabei war sein katholischer Glaube stets leitend für ihn. Nicht nur daran erinnerte Robert Kleine im Kölner Dom.

Autor/in:
Beatrice Tomasetti

Für die Familie des Gründungskanzlers der Bundesrepublik Deutschland schließt sich fast 60 Jahre nach dessen Tod wieder ein Kreis. Denn damit sich die Stadtbevölkerung von Konrad Adenauer, 1876 in Köln geboren und am 19. April 1967 in seinem Haus in Bad Honnef-Rhöndorf gestorben, gebührend verabschieden und ihm die letzte Ehre erweisen konnte, wurde sein Sarg, an dem Zigtausende vorbeidefilieren sollten, damals kurz nach seinem Tod im Kölner Dom aufgebahrt. Nur sechs Tage später zelebrierte Erzbischof Joseph Kardinal Frings dann in Anwesenheit führender Staatsgäste ein Pontifikal-Requiem. Und nun kamen wieder – am Vorabend des 150. Geburtstages dieses berühmtesten Sohnes der Stadt Köln – so viele Menschen bei einem Gottesdienst in Kölns Kathedrale zusammen, dass die Kirche bis auf den letzten Platz besetzt war. Selbst sechs Jahrzehnte später noch versammelte sich eine derart große Schar – darunter die vielen Enkel und Urenkel, aber auch Oberbürgermeister Torsten Burmester und seine Vorgängerin Henriette Reker – im gemeinsamen Gedenken, um sich noch einmal vor diesem großen Staatsmann und Politiker zu verneigen und seiner zu erinnern.

Eingeladen hatten die Familie, namentlich Enkel Konrad Adenauer, gemeinsam mit der Stiftung Bundeskanzler-Adenauer-Haus. Denn aus Anlass des 150. Geburtstags von Konrad Adenauer an diesem Montag haben beide ein Jubiläumsjahr initiiert, zu dem eine bunte Palette an Veranstaltungen geplant ist und nochmals wichtige politische Weichenstellungen und Verdienste des 91-jährig Verstorbenen in den Fokus gerückt werden sollen – mit dem Ziel, eine prägende historische Gestalt – nicht zuletzt als Wegbereiter der europäischen Einigung – zu würdigen, aber gleichzeitig auch ein Stück deutscher Zeitgeschichte in Vorträgen, Ausstellungen und Lesungen lebendig werden zu lassen.

Mit nur 41 Jahren Oberbürgermeister von Köln

Dieses Anliegen leitete auch den Kölner Dom- und Stadtdechanten Monsignore Robert Kleine, der dem Gottesdienst vorstand und, wie er in seiner Predigt erklärte, die Abstraktion von Geschichte konkret werden lassen wollte, indem er mithilfe eines Steins, eines Apfels und einer Rose den Lebensweg Adenauers nachzeichnete. So verwies er anhand des Symbols des Steins unter anderem darauf, dass Adenauer 1937 das Haus in Rhöndorf am Fuß des Siebengebirges bezogen hatte, dessen Steinbruch ab 1248 für den Bau des Kölner Doms genutzt worden sei, allgemein der Stein aber für alles Schwere stehe und für das, was nicht weggeräumt werden könne – um mit seinen Ausführungen gleichzeitig biografische Daten und Stationen Adenauers zu verknüpfen: seine Kindheit im Deutschen Kaiserreich, das Miterleben des Ersten Weltkriegs, den Zusammenbruch der Monarchie, die Weimarer Republik und sein frühes politisches Engagement, das 1917 in der Übernahme des Amtes des Oberbürgermeisters mit nur 41 Jahren seinen vorläufigen Höhepunkt erreichte.

Monsignore Robert Kleine

"Glaube, Gewissen und Haltung zeigen sich gerade in schweren Zeiten."

In dieser Funktion habe er sich für soziale Reformen, den Wiederaufbau und die Modernisierung der Stadt eingesetzt, würdigte Kleine das einstige Stadtoberhaupt, bis Adenauer 1933, nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten als OB abgesetzt worden sei, weil er die Zusammenarbeit mit dem Regime verweigert hatte. Mehrere Verhaftungen in den Folgejahren und der Verlust von Sicherheit, Arbeit und Einfluss hätten die Konsequenzen seiner politischen Haltung gezeigt – zumal in einer Diktatur, formulierte er weiter. Trotz allem sei er zeitlebens ein tiefgläubiger und glaubwürdiger katholischer Christ gewesen. „Glaube, Gewissen und Haltung zeigen sich gerade in schweren Zeiten“, betonte der Domseelsorger voller Respekt und deutete erneut auf besagten Stein, der 1945 dann zu einem Trümmerstein geworden sei. Nach dem Zweiten Weltkrieg hätten Städte in Ruinen gelegen und Millionen Menschen alles verloren, konstatierte Kleine. „Deutschland war politisch und moralisch am Boden.“ Aber Adenauer habe gewusst: Man könne die Steine der Geschichte – Schuld, Gewalt, Zerstörung – nicht wegwünschen, sondern müsse sie aufnehmen und verantwortungsvoll mit ihnen umgehen.

1945 stand Deutschland vor völligem Neubeginn

Dann nahm er den Apfel in die Hand, der – so Kleine – für Leben, Wachstum und Zukunft stehe, für alles Elementare, „was wir im Leben brauchen: Nahrung und Kleidung, ein Zuhause und unser Auskommen, medizinische Versorgung. Aber auch das Zusammensein mit unserer Familie, mit unseren Freundinnen und Freunden, mit Kollegen und Nachbarinnen.“ Und der Apfel sei auch das Symbol für all das, „was wir in unserem Leben ernten konnten“. Nach dem Krieg 1945 sei Deutschland international isoliert gewesen, habe vor einem völligen Neubeginn gestanden – mit zerstörten Städten, Millionen Menschen auf der Flucht und in Kriegsgefangenschaft. Da sei es nicht zuerst um große Visionen, nicht nur um politische Strukturen, sondern um das tägliche Leben der Menschen gegangen.

Monsignore Robert Kleine

"Adenauers Politik zielte auf Stabilität: den Aufbau eines demokratischen Rechtsstaates, verlässliche Institutionen, wirtschaftliche Erholung, die Aussöhnung mit den ehemaligen Kriegsgegnern, besonders Frankreich und Israel, und eine feste Westbindung Deutschlands."

In dieser Zeit habe sich Konrad Adenauer am Aufbau der neuen politischen Ordnung beteiligt, sei 1949 mit 73 Jahren zum ersten Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland gewählt worden – geprägt von Erfahrung, nicht von Utopien, und von einem klaren Amtsverständnis.

„Jesus ruft seinen Jüngern, und allen, die ihm folgen, zu: Wer unter euch groß sein will, der soll euer Diener sein“, wirft Kleine ein. „Adenauers Politik zielte auf Stabilität: den Aufbau eines demokratischen Rechtsstaates, verlässliche Institutionen, wirtschaftliche Erholung, die Aussöhnung mit den ehemaligen Kriegsgegnern, besonders Frankreich und Israel, und eine feste Westbindung Deutschlands.“ Entscheidungen, die die politische Ausrichtung Deutschlands bis heute prägten. Im übertragenen Sinne erinnere der Apfel daran, „dass politische Verantwortung darin besteht, das Notwendige zu erkennen und zu tun; dass Politik immer dem Leben dienen soll. Ein Staat ist kein Selbstzweck, sondern soll den Menschen ermöglichen, wieder Hoffnung zu fassen und ihre Zukunft zu gestalten.“

Bewusst für den Weg der Versöhnung entschieden

Nicht zuletzt, richtete sich Kleine an seine Zuhörer im vollbesetzten Dom, sei Konrad Adenauer ein begeisterter Hobbygärtner gewesen, in dessen Rhöndorfer Garten Rosen eine zentrale Rolle gespielt hätten. Eine rote Edelrose mit besonders starkem Duft sei sogar nach ihm benannt. Gemeinhin stünde die rote Rose, so erläuterte er, für Freundschaft, Sympathie und Liebe, die weiße dagegen für Reinheit, Frieden und Neubeginn. Letztere Bedeutung aufgreifend argumentierte der Geistliche, dass Adenauer sich nach ´45 bewusst für den Weg der Versöhnung, besonders mit ehemaligen Feinden wie Frankreich entschieden habe. Ebenso bedeutend sei seine Haltung zur Verantwortung Deutschlands gegenüber dem jüdischen Volk gewesen. „Die Anerkennung dieser Verantwortung war kein politischer Vorteil, sondern ein moralischer Schritt mit internationaler Tragweite.“

Monsignore Robert Kleine

"Er unterstützte die europäische Einigung und legte damit einen Grundstein für das heutige Europa."

Doch diese Politik sei nicht selbstverständlich und auch nicht unumstritten gewesen. Konrad Adenauer aber habe aus der Geschichte gelernt: Dauerhafter Frieden entsteht nicht aus Nationalismus, Rache oder Abschottung, die Deutschland in die Katastrophe geführt hatten, sondern aus Zusammenarbeit und Vertrauen. Das Handeln des Politikers erinnere an das Wort Jesu „Selig, die Frieden stiften, denn sie werden Kinder Gottes genannt“, erklärte Kleine. Und so sei Konrad Adenauer davon überzeugt gewesen, dass Frieden in Europa nur durch Zusammenarbeit möglich sei. „Er unterstützte die europäische Einigung und legte damit einen Grundstein für das heutige Europa.“ Das Symbol der Rose erinnere daran, dass Versöhnung Mut brauche – und manchmal auch den Schmerz über Dornen nicht meide. Ihre Zerbrechlichkeit zeige, dass Frieden nicht selbstverständlich sei. „Versöhnung braucht Pflege, Geduld und Bereitschaft, alte Feindbilder zu überwinden“, unterstrich der Kölner Dom- und Stadtdechant.

Im festen Vertrauen auf Gott gehandelt

Abschließend fasste Kleine noch einmal zusammen: Der Katholik Konrad Adenauer habe stets im festen Vertrauen auf Gott gehandelt. So verstanden stehe der Stein für das Fundament seines Glaubens. Der Apfel stehe für seine Zuversicht und den Wiederaufbau, sei demnach ein Symbol für die Hoffnung. Und die Rose verweise auf Adenauers Bestreben um Versöhnung und Frieden. „Sie ist ein Zeichen für die Liebe.“ Konrad Adenauers Lebenswerk zeige, resümierte Kleine schließlich, dass Geschichte nicht nur aus Ereignissen, sondern aus Entscheidungen bestehe. Diese hätten die Bundesrepublik geprägt und wirkten bis heute fort.

1954 bekommt der damalige Kanzler Konrad Adenauer "in Anerkennung seiner klaren zielbewußten Planung und praktischen Formung der Grundlagen des europäischen Zusammenschlusses" den Karlspreis verliehen. (KNA)
1954 bekommt der damalige Kanzler Konrad Adenauer "in Anerkennung seiner klaren zielbewußten Planung und praktischen Formung der Grundlagen des europäischen Zusammenschlusses" den Karlspreis verliehen. / ( KNA )

Adenauer habe in einer Zeit gehandelt, „in der einfache Lösungen nicht existierten“, führte er aus. Gerade deshalb bleibe sein Leben „ein Beispiel dafür, wie Verantwortung in der Geschichte Gestalt annimmt“. Ein Leben in Freiheit und Frieden sei nicht selbstverständlich, von daher sei auch ein solches Gedenken viel mehr als nur ein Blick zurück. Kleine betonte mit Nachdruck: „Es ist eine Erinnerung daran, dass Demokratie, Frieden und internationale Zusammenarbeit Ergebnis menschlichen Handelns sind und immer neu geschützt und gestaltet werden müssen – und zwar von jedem Einzelnen von uns.“ Konrad Adenauer sei ein Mensch gewesen, der Verantwortung übernommen habe – vor seinem Gewissen, vor den Menschen und vor Gott. Sein Glaube, seine Hoffnung und seine Liebe ermutigten dazu, auch den eigenen Weg verantwortungsvoll zu gehen.


DOMRADIO.DE hat am zweiten Sonntag nach Weihnachten ab 18:30 Uhr die Festmesse anlässlich des 150. Geburtstags von Konrad Adenauer im Kölner Dom mit Stadtdechant Robert Kleine übertragen. Der Kölner Männer-Gesang-Verein gestaltet den Gottesdienst mit Werken u. a. von Franz Biebl, Felix Mendelssohn Bartholdy und Franz Schubert. An der Domorgel ist Matthias Wand. 

In diesem Gottesdienst wird besonders des 150. Geburtstages von Konrad Adenauer gedacht. Dazu laden die Stiftung Bundeskanzler-Adenauer-Haus sowie für die Familie Konrad Adenauer, Enkel des ersten Bundeskanzlers, ein.

2026 wird ein Adenauer-Jahr: Mit Veranstaltungen, Gottesdiensten und Ausstellungen wird bundesweit an den 150. Geburtstag des ersten Kanzlers der Bundesrepublik erinnert. Adenauer war am 5. Januar 1876 in Köln geboren worden. Er starb mit 91 Jahren am 19. April 1967 in seinem Haus in Bad Honnef-Rhöndorf.

 

Quelle:
DR

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