Hilfswerk missio über die Terrororganisation Boko Haram

Diffuses Feindbild

Am Wochenende sind in Nigeria bei einem schweren Anschlag mindestens 60 Menschen ums Leben gekommen. Die Struktur und Motivation der islamistischen Terrororganisation Boko Haram sind verworren, erklärt Bettina Tiburzy vom katholischen Hilfswerk missio.

Nigerias Armee kämpft gegen Boko Haram / © Str (dpa)
Nigerias Armee kämpft gegen Boko Haram / © Str ( dpa )

DOMRADIO.DE: Medien berichten davon, dass es der bislang größte Anschlag des Jahres war. Ist das richtig?

Bettina Tiburzy (missio-Expertin für Nigeria): Das Problem sind eher die Anschläge von denen wir nichts erfahren. Es gibt gerade im Nordosten immer wieder Anschläge von Boko Haram, die sich gegen Zivilisten und auch gegen die Polizei und Soldaten richten. Ziel der Terroristen ist es dabei sehr oft, möglichst viele Menschen zu ermorden. Das passiert dann auf Märkten, an Bushaltestellen, während eines Fußballspiels, wo die Leute zugucken und sich versammeln. Das ist eine Strategie von Boko Haram.

DOMRADIO.DE: Lassen Sie uns mal über die Hintergründe sprechen: Seit zehn Jahren spielt sich dieser Konflikt dort schon ab - Zehntausende wurden ermordet, Millionen Menschen wurden vertrieben. Das sind ja eigentlich unvorstellbare, unfassbare Zahlen. Wie kommt es dazu?

Tiburzy: In Nigeria gibt es immer wieder große Probleme, was Armut und Korruption betrifft. Und es gibt dann immer wieder Gruppen, die sich dagegen wenden. Boko Haram versteht sich als eine Organisation, die sich gegen den Staat Nigeria und gegen alles Westliche richtet. Die Terrororganisation vertritt die Auffassung, dass der Staat Nigeria quasi die Inkorporation dieser Korruption ist. Und damit verbinden sie alles, was westlich ist: Sowohl das Staatensystem als auch die christliche Religion. Sie sagen, wenn wir ein Kalifat gründen und diesen Staat zerschlagen, können wir die wahren Werte leben und in denen gibt es dann keine Korruption mehr. Eines der größten Probleme ist die wirtschaftliche Entwicklung. Das Land ist sehr arm und es gibt für viele junge Menschen keine Perspektiven. Da bietet Boko Haram den Leuten Geld, dass sie mitmachen. Sie meinen außerdem, dass die Menschen sich gegen diesen Staat, der sie unterdrückt, wehren sollen. Viele Leute glauben das.

DOMRADIO.DE: Boko Haram hat das Ziel, ein Kalifat aufzubauen. Das ist ja auch das Ziel des Islamischen Staats gewesen. Kann man das denn wirklich vergleichen oder ist das zu einfach angesetzt?

Tiburzy: Boko Haram hat es in den vergangenen Jahren geschafft, einen Teil im Nordosten Nigerias zu besetzen und zudem einen großen Teil des Staates Borno. Dort hat Boko Haram versucht, ein Kalifat einzurichten. Es ist allerdings der nigerianischen Regierung und den Nachbarländern gelungen, das auch wieder zu zerschlagen. Boko Haram musste sich dann wieder zurückziehen. Das kann man durchaus schon vergleichen mit der Situation, wie es sie in Syrien gab.

DOMRADIO.DE: Das heißt, dass man jetzt auch an dem Punkt angekommen ist, wo es dann mehr einzelne terroristische Angriffe gibt und es nicht ein Gebiet ist, was kontrolliert wird?

Tiburzy: Man muss einfach sagen, es gibt halt nicht nur eine Gruppe, die unter diesem Namen bekannt ist, sondern es gibt wahrscheinlich mehrere Gruppen. Eine Gruppe hat zum Beispiel versucht, möglichst viele Leute umzubringen. Da war dann ein anderer Teil, der sich geweigert hat mitzumachen und kritisiert hat, dass viel zu viele Muslime getroffen werden. Sie wollten, dass der Terror sich eher gegen staatliche Institutionen und vor allen Dingen gegen Polizei und Soldaten richtet. Das ist also keine ganz geschlossene Gruppe mit nur einer Ideologie, sondern das sind verschiedene Teile, die sich in ganz Westafrika bilden und sich untereinander nicht immer sehr einig sind. Diese Gruppen passen ihre Taktiken und Strategien auch an. Sie versuchen auch im Nordosten durch gezielte Bombardierungen von Einzelzielen, durch Kidnapping, Erpressungen und Entführungen ihr Ziel zu erreichen.

DOMRADIO.DE: Welche Rolle spielt denn die Religion in dieser Auseinandersetzung?

Tiburzy: Boko Haram hat auch immer wieder versucht, Christen anzugreifen, Kirchen anzugreifen bei Gottesdiensten - besonders an Weihnachten und Ostern. Natürlich sehen sie die Christen als Feindbild. Das ist aber letztlich nicht ihr einziges Feindbild, sondern auch das System in Nigeria. Und zum System gehört, nach deren Ansicht, beispielsweise auch der muslimisch geprägte Norden. Dort hat Boko Haram Emire angegriffen, die sie als Teil des Systems betrachten.

Das Interview führte Renardo Schlegelmilch.

Quelle:
DR