Kriminologe wünscht stärkeres Vorgehen der Justiz bei Missbrauch

"Diese Leisetreterei muss aufhören"

"Ich fürchte, die deutsche Justiz ist mit den Kirchen so umgegangen, wie man eine Kirche betritt - leise, respektvoll, auf Zehenspitzen". So äußert sich der Kriminologe Christian Pfeiffer hinischtlich des Missbrauchsskandals der Kirche.

Symbolbild Richterhammer auf Gesetzbüchern / © Billion Photos (shutterstock)
Symbolbild Richterhammer auf Gesetzbüchern / © Billion Photos ( shutterstock )

"Diese Leisetreterei muss aufhören", schreibt Pfeiffer in einem Gastbeitrag für die "Zeit" (Donnerstag).

Belastetes Verhältnis zur Bischofskonferenz

Es stelle sich die Frage, warum Staatsanwälte keine Ermittlungen gegen Bistümer eingeleitet hätten und wieso Berichte von Opfern und Hinweise auf mögliche Aktenvernichtungen nicht für die Anordnung von Durchsuchungen gereicht hätten: "Wieso gab es seit 2010 nicht zahlreiche Hausdurchsuchungen in deutschen Bistümern zu den Inhalten der sogenannten Giftschränke?"

Pfeiffer warf der Deutschen Bischofskonferenz sowie ihrem früheren Vorsitzenden, dem Münchner Kardinal Reinhard Marx, vor, über Jahre Aufklärung von Missbrauch "eher verhindert als ermöglicht" zu haben. Das Verhältnis des Kriminologen zur Bischofskonferenz ist belastet. Er sollte zunächst eine große Missbrauchsstudie durchführen, doch dann überwarf er sich mit den Bischöfen über die Methoden. In dem Gastbeitrag schreibt Pfeiffer außerdem, seinem Team und ihm selbst seien "Widerstände" aus den Bistümern entgegengeschlagen, "vor allem aus München und Regensburg".

In der dann 2018 vorgelegten MHG-Studie im Auftrag der Bischofskonferenz ermittelten Forscher mehrerer Disziplinen aus Mannheim, Heidelberg und Gießen (MHG) in Personalakten von 1946 bis 2014 bundesweit mindestens 3.677 Betroffene sexueller Übergriffe durch 1.670 Priester und Ordensleute ohne Namensnennung.

Gutachten im Erzbistum München und Freising erwartet

Noch herrschten in der Kirche "Zustände, die im Rechtsstaat inakzeptabel" seien, schreibt Pfeiffer weiter und nennt etwa "autoritäre Machtstrukturen, die das Vertuschen ermöglichen" und "arrogante Bischöfe, die sich nur dem Papst gegenüber rechenschaftspflichtig fühlen". Dabei habe sich die Kirche längst zu Strafverfolgung und Sanktionierung über das Kirchenrecht verpflichtet:. "Doch die Machtprobe, ob ein Staatsanwalt an den bischöflichen Giftschrank gelangt, steht aus."

In der nächsten Woche wird die Veröffentlichung eines Gutachtens zum Umgang mit Fällen sexuellen Missbrauchs im Erzbistum München und Freising erwartet. Es wurde von der Bistumsleitung in Auftrag gegeben. Die Anwälte sollen dabei unter anderem Verantwortliche für eine mögliche Vertuschung benennen.

Es geht auch um die Jahre von 2010 bis 2019, im Wesentlichen die Amtszeit von Marx. Ein erster Bericht war nicht veröffentlicht worden. Nach Angaben des Erzbistums sprachen damals Datenschutzgründe dagegen. Zu der geplanten Veröffentlichung schreibt Pfeiffer, er sei skeptisch, ob die Wahrheit nun ans Licht komme.

Quelle:
KNA