Die Teilnehmer an der Wannsee-Konferenz

Bürokraten der "Endlösung"

Am 20. Januar 1942 treffen sich in einer Villa am Berliner Wannsee 15 Männer. Das Ziel ihrer Konferenz ist die Vernichtung der europäischen Juden. Als Wannseekonferenz geht sie in die Geschichte ein. Doch wer waren die Männer?

Am 20. Januar 1942 trafen sich hohe NSDAP- und SS-Funktionäre in der Villa am Berliner Wannsee  / © Annette Riedl (dpa)
Am 20. Januar 1942 trafen sich hohe NSDAP- und SS-Funktionäre in der Villa am Berliner Wannsee / © Annette Riedl ( dpa )

Vor 80 Jahren sprechen in einer Villa am Berliner Wannsee 15 Männer über die "Endlösung der Judenfrage". Die etwa anderthalbstündige Konferenz gilt als entscheidende Etappe auf dem Weg zum Holocaust, der Ermordung von rund sechs Millionen europäischen Juden durch die Nationalsozialisten. Wer aber waren die Bürokraten der "Endlösung?

In seinem Buch zur Wannsee-Konferenz spricht der Historiker Peter Longerich von drei Gruppen: den "Vertretern der 'Zentralinstanzen'", also beispielsweise Auswärtiges Amt oder Innenministerium, den "Vertretern der zivilen Besatzungsbehörden" und den "Funktionären der SS". Ein Überblick der Teilnehmer nach diesen Gruppen geordnet:

"Vertreter der 'Zentralinstanzen'"

Martin Luther (1895-1945): Unterstaatssekretär im Auswärtigen Amt. Half mit, die Judendeportationen aus besetzten und befreundeten Ländern diplomatisch vorzubereiten und abzusichern. Geboren in Berlin, ohne höheren Schulabschluss, zeitweilig als Möbelspediteur und Entrümpelungsunternehmer tätig; ab 1932 geschäftlich dem späteren Außenminister Joachim von Ribbentrop verbunden. Wegen des Versuchs, Ribbentrop zu stürzen, 1943 als "privilegierter Schutzhäftling" im KZ Sachsenhausen inhaftiert. Luthers Exemplar des Protokolls zur Wannseekonferenz hat sich offenbar als einziges erhalten.

Wilhelm Stuckart (1902-1953): Staatssekretär im Reichsministerium des Inneren; war an der Ausarbeitung aller grundlegenden Gesetze und Verordnungen gegen die im Deutschen Reich wohnenden Juden beteiligt. Geboren in Wiesbaden als Sohn eines Bahnangestellten, christlich erzogen; Promotion zum Dr. jur. mit einer Arbeit zum Handelsrecht. 1949 zu drei Jahren Haft und zehn Monaten Gefängnis verurteilt, die wegen vorangegangener Haft als verbüßt galten. Soll Mitglied der 1952 verbotenen Sozialistischen Reichspartei gewesen sein; verunglückte im November 1953 tödlich.

Gerhard Klopfer (1905-1987): Ministerialdirektor in der Parteikanzlei der NSDAP, zuständig für "Rasse- und Volkstumsfragen". Gehörte zur grauen Eminenz der Parteibürokraten. Geboren im schlesischen Schreibersdorf (Pisarzowice) als Sohn eines Landwirts. Nach Studium der Rechts- und Wirtschaftswissenschaften Promotion in Jura. Nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst interniert, 1949 aber für "minderbelastet" erklärt. Später Rechtsanwalt in Ulm; ein Ermittlungsverfahren wegen Teilnahme an der Wannseekonferenz wurde 1962 von der Ulmer Staatsanwaltschaft eingestellt.

Erich Neumann (1892-1951): Staatssekretär im Amt des Beauftragten für den Vierjahresplan; fungierte auf der Wannseekonferenz laut Peter Longerich als "Auge und Ohr" für Reichsmarschall Hermann Göring. Geboren in Forst (Niederlausitz) in einer evangelischen Familie als Sohn eines Fabrikbesitzers; "Karrierebeamter"; 1945 interniert, 1948 wegen Krankheit entlassen und kurz darauf gestorben.

Roland Freisler (1893-1945): Staatssekretär im Reichsjustizministerium, das seit 1935 mit den Nürnberger Gesetzen die Entrechtung der Juden systematisch vorantrieb. Geboren in Celle als Sohn eines Diplomingenieurs; protestantisch-reformiertes Elternhaus. Promovierter Jurist, 1925 eingetreten in die NSDAP. Von August 1942 an Präsident des Volksgerichtshofs, wo unter anderem die Prozesse gegen die Unterstützer des gescheiterten Hitler-Attentats vom 20. Juli 1944 verhandelt wurden. Starb Anfang Februar 1945 bei einem Luftangriff auf Berlin.

Wilhelm Kritzinger (1890-1947): Ministerialdirektor in der Reichskanzlei, zweiter Mann hinter Reichskanzlei-Chef Hans Heinrich Lammers. War laut Peter Longerich der einzige Teilnehmer der Konferenz, der sich nach 1945 "freimütig an den Inhalt der Besprechung erinnerte und Reue zeigte". Zuletzt Ende 1946 inhaftiert, jedoch kurz darauf Haftverschonung wegen seines angegriffenen Gesundheitszustandes. Starb wenig später. Geboren als Sohn eines Pfarrers im heute polnischen Grünfier bei Schönlanke (Trzcianka).

"Vertreter der zivilen Besatzungsbehörden"

Alfred Meyer (1891-1945): Staatssekretär im Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete. Geboren in Göttingen als Sohn eines Regierungs- und Baurates in einem evangelischen Elternhaus, promovierte mit einer staatswissenschaftlichen Arbeit über den belgischen "Volkskrieg", in der er die brutalen Vergeltungsmaßnahmen der deutschen Besatzer gegen belgische Widerständler im Ersten Weltkrieg rechtfertigte. Beging im Mai 1945 Suizid.

Georg Leibbrandt (1899-1982): Ministerialdirektor im Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete. Zwei Tage nach der Wannseekonferenz lud er zu einer Dienstbesprechung über die Definition des Begriffs "Jude" in den "Ostgebieten" ein. Geboren in Hoffnungsthal bei Odessa, einer deutsch-schwäbischen Siedlung; studierte Theologie, Philosophie und Volkswirtschaft, Aufenthalt in Washington als Stipendiat der Rockefeller Foundation. Promotion zum Dr. phil. mit einer Arbeit über die schwäbische Auswanderung nach Russland im frühen 19. Jahrhundert. 1945 bis 1949 interniert; starb unbehelligt von juristischer Verfolgung 1982 - laut Internet-Enzyklopädie wikipedia in Bonn.

Josef Bühler (1904-1948): Staatssekretär in der Regierung des Generalgouvernements in Krakau; seit Juni 1941 ständiger Stellvertreter von Generalgouverneur Hans Frank. Geboren im württembergischen (Bad) Waldsee als Sohn eines Bäckers in einer katholischen Familie. Doktortitel in Jura. Drängte auf der Wannseekonferenz darauf, mit der "Endlösung" im Generalgouvernement zu beginnen. Direkt beteiligt an Verbrechen gegen die polnische Bevölkerung und am Massenmord an den Juden. 1948 in Polen zum Tode verurteilt und hingerichtet.

"Funktionäre der SS"

Reinhard Heydrich (1904-1942): Chef der Sicherheitspolizei, des Sicherheitsdienstes (SD) und des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA), Reichsprotektor von Böhmen und Mähren. Geboren in Halle an der Saale als Sohn eines Komponisten und Konservatoriumsdirektors; katholisches Gymnasium, aus der Reichsmarine wegen eines gebrochenen Eheversprechens in Unehren entlassen. Der Gastgeber der Wannseekonferenz starb im Juni 1942 an den Folgen eines Attentats in Prag.

Otto Hofmann (1896-1982): Chef des SS-Rasse-und Siedlungshauptamts; forderte auf der Wannseekonferenz mit Nachdruck die Sterilisierung der "Mischlinge". Geboren in Innsbruck als Sohn eines Kaufmanns, zeitweilig als Weingroßhändler tätig. Im März 1948 wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu 25 Jahren Haft verurteilt; 1954 begnadigt. Danach als kaufmännischer Angestellter in Baden-Württemberg tätig. Starb 86-jährig in Bad Mergentheim.

Adolf Eichmann (1906-1962): Referatsleiter im Reichssicherheitshauptamt. Spielte als Organisator der Deportationen eine zentrale Rolle bei der Ermordung der europäischen Juden. Fertigte das Protokoll zur Wannseekonferenz. Geboren in Solingen als Sohn eines Buchhalters, abgebrochene Ingenieursausbildung, danach kaufmännische Lehre; Verkäufer und Reisevertreter. Nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst Flucht nach Celle und dann über Österreich und Italien nach Lateinamerika. 1962 in Israel hingerichtet.

Heinrich Müller (1900-?): Chef der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) Vorgesetzer Eichmanns. Spielte eine zentrale Rolle bei der Deportation von Juden aus den besetzen Gebieten. Geboren als Sohn eines Gendarmeriebeamten in einer katholischen Familie, später selbst zunächst als Polizist tätig; 1934 Eintritt in die SS. Gilt seit 1945 als verschollen, starb aber vermutlich um das Kriegsende herum.

Karl Georg Eberhard Schöngarth (1903-1946): Befehlshaber der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes (SD) für das gesamte Generalgouvernement. Neben Rudolf Lange einer von zwei Konferenzteilnehmern, die bereits an verantwortlicher Stelle an den Massenmorden von Juden beteiligt waren. Geboren in Leipzig als Sohn eines Bauführers; zunächst Bankangestellter, dann rechts- und staatswissenschaftliches Studium mit anschließender Promotion; 1933 Eintritt in die SS. Im Februar 1946 von einem britischen Militärgericht wegen der Erschießung eines Kriegsgefangenen zum Tode verurteilt und hingerichtet.

Rudolf Lange (1910-1945): Kommandeur der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes (SD). Mit 31 Jahren jüngster Teilnehmer der Wannseekonferenz. Führte im Baltikum zeitweilig das Einsatzkommando 2, das bis Dezember 1941 etwa 60.000 lettische und nach Lettland deportierte Juden ermordete. Geboren in Weißwasser in der Oberlausitz als Sohn eines Reichsbahnbauinspektors, Doktortitel in Jura. Beging im Februar 1945 Suizid.

Autor/in:
Von Joachim Heinz
Quelle:
KNA