Wie alt der Junge ist, weiß Khattu nicht. "Vielleicht eineinhalb Jahre", schätzt die junge Frau. Doch Roshan sieht so winzig aus wie ein wenige Monate altes Baby. Er hat hohes Fieber und Durchfall bekommen in dieser Nacht im Flüchtlingscamp, wo Khattu sich mit ihrer Familie vor dem Wasser gerettet hat. "Alles ist zerstört", sagt sie.
In einer provisorischen Arztpraxis in einer Schule haben die Ärzte Roshan an den Tropf gehängt. "Er ist stark ausgetrocknet", erklärt Navid, ein junger Arzt aus Karachi, der für die pakistanische Hilfsorganisation Aman-Foundation in der Stadt Thatta und Umgebung die unzähligen Vertriebenen der Flutkatastrophe behandelt.
Auf der schwarzen Tafel im Schulzimmer führt Manager Adil eine Statistik über die Patienten. Seit Beginn der Überschwemmung vor drei Wochen hat die Stiftung über 12.500 Menschen ärztlich betreut. Hautkrankheiten, Fieber, Erkältung, Durchfall, aber auch Malaria und Typhus suchen die Menschen in den Camps heim. "Wir haben Probleme über Probleme. Hunger, Krankheiten, Geldnot", sagt Khattu. "Und in dieser Situation können wir nicht mal arbeiten, um Geld zu verdienen."
"Der Mangel an Bildung ist ein großes Problem"
Die Hochwasserkatastrophe in Pakistan ist die schlimmste seit 80 Jahren. Ein Gebiet, das mehr als dreimal so groß ist wie die Schweiz, ist überflutet. Millionen sind obdachlos und auf Hilfe angewiesen. "Die Menschen hier sind schon in normalen Zeiten unterernährt, erklärt Adil. Zu Navid, dem Arzt, kommen viele Leute, die nachtblind sind, weil sie an Vitamin-Mangel leiden. Manche sind abergläubisch und wollen die Medizin, die ihnen die Ärzte geben, nicht nehmen. "Der Mangel an Bildung ist ein großes Problem", sagt Adil.
Thatta liegt nur 80 Kilometer von der Hafenmetropole Karachi entfernt, doch Lichtjahre trennen die Menschen auf dem Land vom Alltag in der modernen Großstadt. Gerade das Gebiet um Thatta ist bettelarm. Der Boden ist wegen der Nähe zum Meer karg und salzig, außerhalb der Regenzeit wachsen wenig mehr als dorniges Gestrüpp und ein paar Grasbüschel. Wo der Boden fruchtbar ist, haben Großgrundbesitzer ihre Güter, auf denen die Bauern oft noch wie Leibeigene im Mittelalter rackern. Die Leute sprechen meist kein Urdu, die Landessprache Pakistans, sondern Sindhi, den lokalen Dialekt. Wenn die Ärzte mit den Patienten sprechen, ist ein Übersetzer dabei.
"Selbst die lokalen Politiker kümmern sich nicht"
Auch für Asif, der ein Flüchtlingslager in Thatta leitet, ist fehlende Bildung ein Problem. "Ich habe einem Jungen ein Geldstück gegeben, eine Rupie. Er sagte: Sir, gib mir lieber ein Bonbon." Asifs Camp ist vorbildlich. Es ist sauber, es gibt genug zu Essen. Kinder spielen, Frauen backen Roti, dünnes Fladenbrot, über kleinen Holzfeuern. Asif hat einen Wettbewerb ausgelobt: Gewinner ist die Familie im Lager mit dem schönsten und saubersten Zelt. "Die Menschen langweilen sich hier doch. Man muss ihnen was zu tun geben".
Doch außerhalb des Lagers hausen Zehntausende Flüchtlinge unter freiem Himmel. Oftmals haben sie nur ein paar Tücher über Büschen und Bäumen aufgespannt, unter denen ganze Großfamilien sitzen. Manche wollen nicht in ein Lager, weil sie ihre Tiere nicht mitbringen dürfen. Viele von ihnen sind trotz der Flut in ihren Dörfern geblieben und haben sich auf Hausdächer und höheres Gelände gerettet, weil sie Esel und Kühe nicht alleinlassen wollten.
Andere finden schlicht keinen Platz, denn immer noch mangelt es an provisorischen Unterkünften. Pakistanische Firmen, Hilfsorganisationen und das Militär haben Camps errichtet, doch die Regierung sucht man vergebens. "Selbst die lokalen Politiker kümmern sich nicht", erzählt ein Mitarbeiter eines Hilfswerkes.
Vor ein paar Tagen ist Asif ist von einer wütenden Menge angegriffen worden. Er und seine Mitarbeiter waren in der Umgebung von Thatta unterwegs, um Reis und Mehl an hungrige Flüchtlinge zu verteilen. Die Leute an der Straße bewarfen das Auto mit Steinen. "Es geht nicht, dass meine Mitarbeiter nicht mehr sicher sind, " sagt Asif bestimmt. Er ist nicht der Einzige mit solchen Erfahrungen. Von einer "sehr beunruhigenden Entwicklung" sprach der Leiter des Internationalen Roten Kreuzes für Südasien, Jacques de Maio.
Die Sonderkollekte für Pakistan erreicht Menschen in bitterster Not
Obdachlosigkeit, Hunger, Krankheit
Wieviel katholische Gottesdienstbesucher am Wochenende in Deutschland bei der Sonderkollekte für Pakistan gespendet haben, steht noch nicht fest. Sicher ist: Das Geld wird dringend benötigt. Noch immer sind Millionen obdachlos und von Krankheit und Unterernährung bedroht.
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