Die Rolle der Kirche auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos

Nicht die Welt von Papst Franziskus

Gerade in der Krise könnte die Kirche mit den verschiedenen Partnern der Weltwirtschaft Erfahrungen weitergeben. Der Vatikan-Journalist Mario Galgano war beim Weltwirtschaftsforum dabei und erklärt, wie sich die Kirche eingebracht hat.

Jahrestagung des Weltwirtschaftsforums in Davos / © Markus Schreiber/AP (dpa)
Jahrestagung des Weltwirtschaftsforums in Davos / © Markus Schreiber/AP ( dpa )

DOMRADIO.DE: Was war besonders beim diesjährigen Weltwirtschaftsforum (WEF) in Davos? Es ist ja in diesem Jahr nach Worten des Gründers Klaus Schwab das aktuellste und wichtigste Treffen seit der Gründung des Forums vor über 50 Jahren.

Mario Galgano mit Schweizergardist (privat)
Mario Galgano mit Schweizergardist / ( privat )

Mario Galgano (Journalist und Vatikanexperte): Also zunächst einmal, was ganz besonders ist, ist auch die Zeit. Normalerweise finden diese Treffen im Januar statt, also in der Winterzeit mit Schnee in einem Skiort. Diesmal ist es eben eher frühlingshaft, auch wenn es geregnet hat, muss man sagen. Also das ist schon mal so ein großer Unterschied. Das heißt, auch die Gäste, die gekommen sind, haben ein anderes Davos erlebt als sonst.

Dann aber natürlich von den Themen her. Man ist eigentlich davon ausgegangen über Nachhaltigkeit und Umwelt zu diskutieren und zu sprechen. Dann kam noch das Thema Pandemie hinzu, und jetzt noch ein Krieg. Wir haben sozusagen eine Palette von großen Herausforderungen, die die Weltgemeinschaft betrifft, die man sich eigentlich noch vor ein paar Jahren gar nicht vorstellen konnte, eben das wir über Krieg, über eine Pandemie, also eine Gesundheitskrise und über Umweltprobleme diskutieren. Das ist schon was ganz Besonderes, das sind viele heiße Eisen.

DOMRADIO.DE: Spielte die katholische oder überhaupt die Kirche irgendeine Rolle auf dem Weltwirtschaftsforum?

Galgano: Also, sagen wir mal so, die katholische Kirche hat versucht, sich ein bisschen Raum zu schaffen. Dafür gab es sogar Foren, die hießen "Vatican meets WEF". Das gab es jetzt nicht. Aber dafür haben sich Ordensfrauen stark gemacht und haben ein eigenes Forum geführt. Daran habe ich auch teilgenommen und sie haben das zusammen mit – und das ist ganz besonders – Großunternehmen gemacht.

Das heißt, Ordensfrauen haben sich sogenannten "Sister Projects" angeschlossen und haben mit Google, Unilever und anderen CEOs (Anm. d. Red.: Vorstandsmitglieder von Großunternehmen) eigene Foren gegründet und geführt. Das war schon was ganz Spannendes. Ich habe mit diesen Ordensfrauen gesprochen, sie waren am Anfang ein bisschen skeptisch, weil sie dachten, also so jetzt eine Ordensfrau aus Indien und ein CEO von Unilever, von einem Großunternehmen, wie geht das. Aber das hat doch doch irgendwie geklappt, sie hatten dann doch ihren Raum und ihren Platz.

Mario Galgano

"Der Papst spricht gerne mit Menschen direkt, die auch Verantwortungsträger sind. Aber so Treffen, die so ein bisschen "schickimicki" sind, wo VIPs und die Reichen dabei sind, das ist jetzt nicht so seine Welt."

DOMRADIO.DE: Der Papst hat aber nicht teilgenommen und überhaupt noch nie teilgenommen am Weltwirtschaftsforum. Andererseits sind viele Vertreter der Gesellschaft vor Ort gewesen, haben mitdiskutiert. Da wäre seine Stimme und Perspektive sicher auch interessant gewesen.

Galgano: Ja, aber ich denke, er persönlich mag so was nicht. Der Papst spricht gerne mit Menschen direkt, die auch Verantwortungsträger sind. Aber so Treffen, die so ein bisschen "schickimicki" sind, wo VIPs und die Reichen dabei sind, das ist jetzt nicht so seine Welt.

Er geht ja auch nicht so gerne in Konzerte und so, also von daher ist es nicht so seine Welt. Also er versucht das eher in dem Sinne, dass er Gesandte schickt, die auch gezielt seine Botschaft verbreiten. Und andererseits auch das "face to face", das Angesicht zu Angesicht, dass er sozusagen auch die Mächtigen und die Reichen zu sich im Vatikan einlädt. Das ist eigentlich sozusagen sein Programm. Darum ist eigentlich Papst Franziskus an einem solchen World Economic Treffen nicht zu sehen.

DOMRADIO.DE: Auch der Klimawandel war eines der Themen auf diesem Forum. Wir sehen es auch hier in Deutschland. Extremwetter nehmen zu. Konnte dort irgendwas bewegt werden?

Galgano: Also ehrlich gesagt nicht. Es ist auch sicherlich nicht der richtige Rahmen. Das ist nicht eine Versammlung in dem Sinne, dass man über konkrete Schritte nachdenkt und dann auch etwas beschließt. Es geht mehr darum, die Probleme anzusprechen und auch mal zu sagen, was denn Sache ist, dass dann auch ein gewisses Bewusstsein geweckt wird. Mehr als das ist auch gar nicht zu erwarten gewesen, das man was Konkretes zu Umwelt und Nachhaltigkeit beschließen könnte.

Scholz-Auftritt in Davos in der Kritik

Der ukrainische Botschafter in Deutschland, Andrij Melnyk, hat Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) nach dessen Rede auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos mangelnde Führungsstärke und eine Missachtung ukrainischer Interessen vorgeworfen.

Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) spricht beim Bundesparteitag seiner Partei zu den Delegierten / © Kay Nietfeld (dpa)

DOMRADIO.DE: Bundeskanzler Scholz hat gestern auf dem letzten Tag des Weltwirtschaftsforums gesagt, Putin werde seinen Krieg nicht gewinnen. Er hat aber auch nicht gesagt, dass die Ukraine gewinnen muss. Wie haben Sie Olaf Scholz erlebt?

Galgano: Ja, es war auf jeden Fall vielleicht der am meisten erwartete Gast in Davos, das muss man schon sagen. Weil man schon sich irgendwie ein bisschen erhofft, dass Deutschland ein bisschen auf Weltebene wieder eine gewisse Position einnimmt, diese Klarheit einnimmt, weil man doch Deutschland zumindest als eines der wichtigsten und mächtigsten Länder in Europa betrachtet – in vielerlei Hinsicht natürlich: wirtschaftlich, aber auch politisch.

Da habe ich verschiedene Stimmen gehört, Reaktionen aus dem Publikum sozusagen. Die einen fanden das okay, die anderen waren ein bisschen kritischer, was seine Haltung betrifft, auch gegenüber Russland und gegenüber auch der ganzen Situation. Das ist so ein bisschen gemischt. Da kann ich jetzt nicht sagen, einstimmig gab es Begeisterung oder einstimmig nur Kritik. Das war ein bisschen durchzogen.

Das Interview führte Tobias Fricke.

Quelle:
DR