Die Regenbogenflagge weht auch beim Weltjugendtag

Solidarität und Anfeindungen

Wen darf ich lieben? Verstehe ich mich als Mann, Frau – oder als beides nicht? Ist die Ehe die einzige legitime Form der Beziehung? Diese Fragen bewegen und polarisieren auch katholische Jugendliche beim Weltjugendtag in Lissabon.

Autor/in:
Clara Engelien und Julia Rosner
Ein Blatt Papier mit der Aufschrift Church for every one (dt. Kirche für alle) im deutschen Pilgerzentrum in Lissabon  / © Julia Steinbrecht (KNA)
Ein Blatt Papier mit der Aufschrift Church for every one (dt. Kirche für alle) im deutschen Pilgerzentrum in Lissabon / © Julia Steinbrecht ( KNA )

Nicht nur in Deutschland wird erneut über Segnungsfeiern für Homosexuelle diskutiert. Wenn sich über eine halbe Million Jugendliche in einer nicht allzu großen Stadt tummeln wie beim Weltjugendtag (WJT) in Lissabon, prallen auch dort konträre Sichtweisen und Lebensrealitäten aufeinander. Die Regenbogenflagge – ein Symbol der Solidarität für geschlechtliche und sexuelle Vielfalt – führt zu allerhand Spannungen, doch auch zu produktiver Auseinandersetzung.

Eine Regenbogenfahne weht im Wind / © Mia2you (shutterstock)
Eine Regenbogenfahne weht im Wind / © Mia2you ( shutterstock )

Aggressive Begegnung 

"Nimm die verdammte Flagge runter", hätten zwei Unbekannte sie mitten während der Eröffnungsmesse aggressiv aufgefordert, berichtet die 21-jährige Pia Held von der Katholischen jungen Gemeinde (KjG). Ein anderer junger Mann habe ihr gesagt, Deutschland sei "eh kein Teil der katholischen Kirche mehr"; er habe ihr die Flagge entrissen, den Holzstab zerbrochen und ihr verboten, sie wieder hochzuhalten. Der Mann sei erst gegangen, als sie angefangen habe zu weinen und ihn mehrfach gebeten habe zu gehen, weil sie Angst habe.

Zunächst habe um sie herum niemand reagiert. Nach dem Gottesdienst aber seien mehrere Personen auf sie zugekommen und hätten Unterstützung angeboten; ein paar Ordensfrauen hätten ihr ein Armband geschenkt.

"Homosexualität ist Sünde"

Die 28-jährige Elli Weniger, die im Bistum Regensburg zur Gemeindereferentin ausgebildet wird, trug die große Flagge um die Schultern. Ein junger Mann hielt seinen Mittelfinger davor, machte ein Foto und teilte dies online. Als sie weinend aus einem Gottesdienst gekommen sei, hätten sich ihr zehn junge Männer genähert und ihr gesagt, Homosexualität sei Sünde. Sonst habe sie aber viel Zuspruch erhalten. "Viele sagten mir, dass es ihnen Hoffnung gibt."

Die Französin Marisol Cusis ist mit einer deutschen Pilgergruppe beim WJT unterwegs. Ein Priester, der die Gruppe begleitete, habe ihr verboten, die Flagge herauszuholen. Verschiedene Personen hätten ihr gesagt, als Frau eine Frau zu lieben sei Sünde – weil man sich dann selber lieben würde; die LGBTQ-Gemeinschaft seien Atheisten, die nichts in der Kirche suchen zu hätten. Außerdem sei sie eine politische Gemeinschaft, der WJT aber unpolitisch. Die englische Abkürzung LGBTQ steht für Menschen, die sich etwa als lesbisch, schwul oder queer identifizieren.

Michael Gerber (l.), Bischof von Fulda, beim Gespräch mit Mitgliedern der Initiative offen.katholisch beim Weltjugendtag / © Julia Steinbrecht (KNA)
Michael Gerber (l.), Bischof von Fulda, beim Gespräch mit Mitgliedern der Initiative offen.katholisch beim Weltjugendtag / © Julia Steinbrecht ( KNA )

Keine kirchenkritische Stände zugelassen

Von den Netzwerken #OutInChurch und "offen.katholisch" gab es Überlegungen, beim Großevent Weltjugendtag einen Stand anzumelden, erzählt der Pilger Clemens Kannegießer. Auf der offiziellen WJT-Internetseite stand aber, es würden keine kirchenkritischen Stände zugelassen. Die Gruppierungen hätten sich nicht willkommen gefühlt und es dann "bleiben lassen", so Kannegießer. Seine Einschätzung zur Einstellung internationaler Jugendlicher: "Ich habe das Gefühl, die wollen das Thema lieber ignorieren."

Bei #OutInChurch ist auch Schwester Micha aktiv. Die asexuelle Transperson ist 29 Jahre alt und Teil einer norddeutschen Klostergemeinschaft, die sie in ihrer Identität voll und ganz annehme, wie sie sagt. Beim WJT trug Schwester Micha ein graues Top mit der bunten Flagge, darunter die Worte "Made by God". Und sie berichtet froh: "Ich habe durchweg positive Erfahrungen damit gemacht. So viele Leute, die mich angestupst haben und meinten: Hey, tolles Shirt!" Jugendliche, teilweise Transpersonen, etwa aus Spanien, Brasilien oder Puerto Rico hätten sich bei ihr bedankt.

Gesprächsrunde im deutschen Pilgerzentrum

Dass in Portugal derzeit Jugendliche aufeinandertreffen, deren Wege sich wohl sonst kaum überschneiden, zeigt auch eine Gesprächsrunde im deutschen Pilgerzentrum, organisiert vom Netzwerk "offen.katholisch". Als einer das Wort ergreift, der sich der Flagge gegenüber skeptisch äußert, horchen die Jugendlichen im Publikum auf, heben die Köpfe. "Ich muss gestehen, ich bin auch immer recht befremdet, wenn ich auf katholischen Veranstaltungen eine Regenbogenflagge sehe", sagt er. Zu der Veranstaltung sei er gekommen, weil er nicht über, sondern mit Menschen reden wolle.

Es ist ein knisternder Moment; denn im Saal sitzen überwiegend pro-queere Jugendliche. Der junge Mann betont wiederholt, er wolle niemanden verurteilen, akzeptiere auch Homosexuelle. Das Ideal aus biblischer Sicht sei aber die Ehe zwischen Mann und Frau; insofern sehe er einen Widerspruch zwischen der Fahne und dem Glauben. Nicht jede Neigung, die in einem sei, entspreche dem Willen Gottes. Er verstehe diese Auslegung der katholischen Lehre aber nicht als Abwertung des Menschen selbst.

Denken der anderen Position verstehen 

Auf diese Aussage hin meldet sich ein Priester zu Wort, der ihm widerspricht. Für beide Statements gibt es Applaus. "Wir haben die unterschiedlichen Positionen im Raum", betont der anwesende Bischof Michael Gerber. Das könne eine Hilfe sein, das Denken der jeweils anderen Positionen zu verstehen.

Der Bischof von Fulda, Michael Gerber / © Angelika Zinzow (KNA)
Der Bischof von Fulda, Michael Gerber / © Angelika Zinzow ( KNA )

Von den ranghohen Bischöfen wünschen sich viele Jugendliche im Raum eine klare Positionierung zur Sexualmoral. Doch auch unter den Geistlichen gibt es Meinungsverschiedenheiten, wie Gerber erklärt. "Ich spüre aber eine wachsende Sensibilität durch den Synodalen Weg."

Kirchenlehre ist nicht statisch 

Aus Sicht des Bischofs müssten Theologie und Wissenschaft miteinander in Dialog gebracht werden. Zudem sei Kirchenlehre nie statisch gewesen. Theologisch verweist er auf die Schöpfungsgeschichte: Auch dort gebe es Gegensätze, die einander nicht ausschlössen: "Es gibt Land und Wasser; aber es gibt auch das Wattenmeer." Dieser Übergang sei nichts "Defizitäres", sondern ein eigenständiger Bereich des Ökosystems.

Thema berührt die Jugend

Und der Papst? Der sicherte in einer Podcast-Folge, die im Vorfeld des WJT entstand, einer Transperson Gottes Liebe zu. "Gott liebt uns, wie wir sind", sagte Franziskus. "Der Herr begleitet uns immer, immer. Auch wenn wir Sünder sind, kommt er näher, um uns zu helfen."

Worin sich jene Pilgerinnen und Pilger mit mehr WJT-Erfahrung einig zu sein scheinen: Das Thema Sexualität und Geschlecht ist unter jungen Menschen beim diesjährigen WJT deutlich größer als in der Vergangenheit. Aufwühlen tut es die Jugendlichen allemal.

Quelle:
KNA