Die Kirchenkrise belastet auch Seelsorger

"Dienst nach Vorschrift - oder: Jetzt erst recht!"

Wer in seinem Job frustriert ist, kündigt und sucht sich einen neuen Arbeitgeber. Der Frust über die Kirche ist inzwischen auch beim "Bodenpersonal" groß - aber gehen ist für viele Seelsorger keine Option.

Bei einer Firmung / © Harald Oppitz (KNA)
Bei einer Firmung / © Harald Oppitz ( KNA )

Priester und Ordensleute als Missbrauchstäter; Bischöfe, Kardinäle und sogar der emeritierte Papst als mögliche Mitwisser und gar Vertuscher von Missbrauchsfällen - nicht nur viele Gläubige sind zutiefst verstört über die Dinge, die im Rahmen der Missbrauchsaufarbeitung in der Kirche ans Licht kamen. Auch Seelsorger hadern mit ihrer Kirche. 

Recollectio-Haus / © Recollectio-Haus
Recollectio-Haus / © Recollectio-Haus

Der Frust habe in den vergangenen Jahren "deutlich zugenommen, vor allem 2021", sagt Corinna Paeth, Leiterin des Recollectio-Hauses in Münsterschwarzach. Priester und andere Mitarbeitende in der Seelsorge können sich dort eine Auszeit nehmen. "Klerikalismus und Macht, Unterdrückung und Überforderung sind Themen, die schon länger da sind", sagt die Expertin. Manch einer fühle sich "völlig erschöpft" und könne sich "nicht mehr mit der Kirche identifizieren".

Wachsende Selbstzweifel bei Priestern

Paeth beobachtet einen "Dominoeffekt": So seien die Anforderungen an Pfarrer in den vergangen Jahren durch Zusammenlegung von Pastoral- und Seelsorgebereichen sowie herausfordernde Verwaltungsarbeit gestiegen. Viele hätten kaum noch Zeit zum Regenerieren. Kämen dann noch die Machtfrage und Missbrauchsthematik in jener Institution hinzu, die sie repräsentierten, "dann werden die Selbstzweifel noch größer".
"Das Thema ist hochaktuell", sagt auch der Psychotherapeut und katholische Theologe Wunibald Müller. Der langjähriger Leiter des Recollectio-Hauses betreibt in Würzburg eine Praxis, wo er unter anderen Seelsorgerinnen und Seelsorger begleitet. Zwar habe es immer schon Menschen gegeben, die während ihres Berufslebens Zweifel an ihrer Berufung oder auch Sehnsucht nach einer Partnerschaft verspürt hätten. Die jüngste Entwicklung habe die Not vieler aber verschärft.

Vertreter der Täterorganisation?

Das dürfte auch eine wissenschaftliche Untersuchung zu Zufriedenheit und Problemen von katholischen Priestern zutage bringen, die das Erzbistum Freiburg jüngst gestartet hat. Für die Psychologische Studie, für die Anonymität garantiert wird, wurden die rund 840 aktiven und Ruhestandsgeistlichen des Erzbistums angeschrieben. In dem rund 60 Fragen umfassenden Fragebogen geht es unter anderem um den Umgang mit dem Zölibat, Einsamkeit, psychische Krisen und Belastungen, aber auch sexuelle Orientierung, Einschätzungen zu Homosexualität oder Pädophilie bei Priestern.
Kirche verstehe sich eigentlich als ein Ort, der Menschen eine "gute Alternative" für ein sinnstiftendes Leben anbieten möchte, sagt Psychologe Müller. Seelsorger spürten nun indes: "Wir stellen keine Alternative mehr dar, vielmehr werden wir als Vertreter der Täterorganisation gesehen und sind zu Aussätzigen geworden". Früher sei der Priesterstand mit hohem Ansehen verbunden gewesen. "Heute sagen Priester: 'Die Menschen meiden mich'. Das macht viel mit dem Selbstbewusstsein", sagt Müller.

Klarheit über berufliche Zukunft gefragt

Paeth beobachtet bei manchen nur noch "Dienst nach Vorschrift"; hinter der Priesterfassade könne ein sehr zweifelnder Mensch sein.
"Manch einer braucht diese Fassade, um in der Kirche überhaupt zu überleben und den Beruf auszuüben zu können", sagt sie. Dahinter verberge sich oft großer Leidensdruck, den manch einer nicht aushalte - und krank werde. "Einige unserer Gäste nutzen die Auszeit bei uns, um Klarheit über ihre berufliche Zukunft in der Kirche zu schaffen."
Eine Auszeit nahm sich auch der Priester Thomas Frings. Als "Protest-Pfarrer" hatte er bundesweit für Aufsehen gesorgt, nachdem er 2016 im Bistum Münster zurückgetreten war. Seine Gründe: der Bedeutungsverlust von Kirche und Glauben, Service-Erwartungen an seine Person und unpersönliche Kontakte in der Großpfarrei. Während einer einjährigen Auszeit in einem niederländischen Kloster schrieb er das Buch "Aus, Amen, Ende? So kann ich nicht mehr Pfarrer sein". Heute ist der Großneffe des 1978 verstorbenen Kölner Erzbischofs Kardinal Joseph Frings Pfarrvikar in der Kölner Innenstadtgemeinde.

Jüngere hadern mit Berufswahl

Er liebt "seine" katholische Kirche nach wie vor und ist immer noch "sehr gerne" Priester, wie er betont. Aber er - Jahrgang 1960 - weiß auch, dass jüngere Seelsorger mit ihrer Berufswahl haderten. Er kenne mehrere Kollegen, die von sich sagten: "Schade, dass ich nichts Richtiges gelernt habe - ich muss weitermachen, ich kann nichts anderes!" Frings findet das "hocherschreckend".
Er kenne aber keinen Priester, der aus seinem Frust die Konsequenz zieht, den Dienst zu quittieren. Schließlich müssten auch Seelsorger ihre Miete bezahlen; auch deutliche Einbußen bei der Rente ließen sie zurückschrecken - "dann lieber noch fünf oder zehn Jahre durchhalten".

Keine Zahlen über Aussteiger

Genaue Zahlen, wie viele Priester ihren Dienst quittieren, gibt es nicht. Die Deutsche Bischofskonferenz verweist auf die einzelnen Bistümer. Nachgefragt im vom Missbrauchsgeschehen schwer angeschlagenen Erzbistum Köln - dort sind solche Zahlen "nicht bekannt". Hätten sich Seelsorger in den vergangenen Jahren beruflich verändert, sei dies aus anderen, persönlichen Gründen geschehen, heißt es von der Pressestelle.
Auch Paeth hat nicht den Eindruck, "dass durch die Missbrauchskrise vermehrt Priester ihr Amt niederlegen". Denn nicht wenige spürten bei ihrer Auszeit, "dass sie sehr wohl noch zu ihrer Berufung stehen", gerne Seelsorger seien und ihr Ideal von Kirche vor Ort "leben und erlebbar" machen möchten.
Müller kann das bestätigen. Zwar hätten innerer Exodus und Dienst nach Vorschrift "eindeutig zugenommen". Menschen, die aus Leidenschaft Priester geworden seien, fragten sich, ob sie heute nochmal den Beruf ergreifen würden, blieben aber dabei. Wie Frings sagt auch Müller: Ältere Jahrgänge, die für sich keine berufliche Alternative sehen, seien besonders betroffen; Jüngere orientierten sich eher um.

Wachsen an der Krise?

Aber: So mancher Beschäftigte sei auch an der Krise gewachsen, sagt Müller. Diese habe dazu verholfen, "mehr man selbst zu sein" und keinen "Kadavergehorsam" mehr an den Tag zu legen. "Ihre Grundloyalität zur Kirche ist da, aber sie haben kein symbiotisches Verhältnis zu ihr." Der Psychotherapeut kennt "Seelsorger, die aus Frust verstärkt zulegen, mutiger und weiter werden, ungehorsam sind - nach dem Motto: Jetzt erst recht!". Einige sähen die Krise als spirituelle Herausforderung an "und wachsen daran. Sie wagen Neues - auch mal ohne Rücksprache mit ihrem Bischof."
Müller erlebt Frust indes auch bei Bischöfen, "mehr als bisher und auch gegenüber Rom". Diese müssten "emanzipierter werden, mehr Ungehorsam wagen, sich mehr als Anwalt der Menschen erleben und sich gegebenenfalls auch mal gegenüber Rom positionieren", wünscht sich der Theologe.
Pfarrvikar Frings ist mit seiner Rolle als Seelsorger heute im Reinen. Dennoch bemerkt auch er: "Wir sind im freien Fall, und keiner hat ein Rezept, wie wir das ändern können. Wir haben keinen Fallschirm dabei, und wir fallen und fallen".

Autor/in:
Angelika Prauß
Quelle:
KNA