Die Bischofsversammlung von Münster war ein Einschnitt

Mehr als bloß ein neues Gesicht an der Spitze

Erzbischof Robert Zollitsch ist verabschiedet, Reinhard Kardinal Marx der neue starke Mann an der Spitze der Bischofskonferenz. Mit welchen Folgen? Ein Kommentar von Ludwig Ring-Eifel, Chefredakteur der KNA.

Reinhard Kardinal Marx (dpa)
Reinhard Kardinal Marx / ( dpa )

Als bei der Abschlusspressekonferenz der Bischofsvollversammlung in Münster der alte und der neue Vorsitzende noch einmal nebeneinandersaßen, war der Unterschied unübersehbar. Raumfüllend in Gestalt, Gestik und Rhetorik erklärte Reinhard Kardinal Marx den Journalisten die Lage der Kirche in der Gegenwartskultur und benannte griffig die Herausforderungen an sich und seine Mitbrüder. Zuvor hatte Erzbischof Robert Zollitsch in seiner donauschwäbischen Sprachmelodie von der "Unsicherheit der Situation des Übergangs, die in der Kirche allgemein festzustellen ist", gesprochen. Aus ihr folge "eine gewisse Pluralität der Beurteilungen, die gelegentlich wohl auch zu Vorbehalten gegenüber manchen Themen führen kann".

Auch wenn es unwahrscheinlich klingt: Diese tastende Art der Annäherung an komplexe Fragestellungen haben viele Bischöfe an ihrem alten Vorsitzenden geschätzt. Ebenso sein echtes Bemühen, jedem zuzuhören und geduldig den Ausgleich herbeizuführen. Dass dies unter Marx anders werden könnte, fürchten nicht wenige. Sein forsches Auftreten und seine Neigung zum "Abräumen" von Problemen haben ihm die Mehrheit insbesondere bei den Weihbischöfen eingebracht. Zugleich gibt es wohl Befürchtungen, auch bei Konservativeren, dass unter ihm die von Zollitsch gepflegte Debattenkultur der Bischöfe einer Macher-Mentalität weichen könnte.

Eine gewisse Verbissenheit

Als am Dienstag die Bischöfe ein letztes Mal unter dem alleinigen Vorsitz von Zollitsch diskutierten, war dies zwar keine Debatten-Sternstunde, doch die Diskussion war ernsthaft und offen. Die erste große Debatte nach Marxens Wahl hingegen verlief dem Vernehmen nach streckenweise mit einer gewissen Verbissenheit. Beim dornigen Thema der wiederverheirateten Geschiedenen leisteten die Konservativen hartnäckigen Widerstand gegen Ideen, die aus ihrer Sicht auf eine Preisgabe der Unauflöslichkeit der Ehe hinauslaufen. Marx hatte sich bei diesem Thema zuletzt offen für Veränderungen gezeigt und damit Widerspruch des römischen Glaubenshüters, Kardinal Gerhard Ludwig Müller, provoziert.

Nach der scharfen Debatte in Münster wurde er nachdenklicher. Hier gehe es um theologische Grundsatzfragen, erklärte er und verwehrte sich gegen populäre Forderungen nach einer beschleunigten Liberalisierung. Hier zeigte sich das schon aus seiner Trierer Zeit bekannte Phänomen, dass Marx zwar oft massiv an Probleme heranrollt, bei ernsthaften Einwänden dann aber durchaus zu Kurskorrekturen fähig ist.

Neue Töne und neue Debatten haben sich auch um das Sekretariat der Bischofskonferenz und um die Präsenz in Berlin entwickelt. Die unlängst vom Augsburger Bischof Konrad Zdarsa aufgeworfene Frage nach Standort und Struktur des Sekretariates der Bischofskonferenz fand ein lebhaftes Echo. Eine Umstrukturierung der katholischen "Zentralbehörde" scheint nun ebenso denkbar wie die Reform der Kurie in Rom.

Umzug nach Berlin?

Das Thema der "Berlin-Präsenz" entfaltete in Münster eine eigene Dynamik. Nicht nur Ost-Bischöfe sehen mit Unbehagen, dass die Kirche im Norden und Osten Deutschlands aus ihrer extremen Minderheitensituation nicht herauskommt, während gleichzeitig im Westen katholische Milieus im ländlichen Raum zerbröseln. Der Wunsch nach mehr sichtbarer und auch institutioneller Präsenz in der Hauptstadt entspringt offenbar der Furcht, gesellschaftlich nicht mehr ernst genommen zu werden. Das Fehlen katholischer Persönlichkeiten in der einst katholisch geprägten CDU-Führung mag dieses Gefühl der Marginalisierung verstärken.

Marx betonte in Münster wiederholt, dass er ein katholisches "Reconquista-Denken" für verfehlt hält. Der Verlust einer Deutungshoheit, wie sie die Kirche zuletzt in den 1950er Jahren beanspruchen konnte, scheint für ihn unwiederbringlich zu sein. Umso lauter fordert er die Besinnung auf die eigenen geistlichen, aber auch materiellen und organisatorischen Stärken. "Hausgemachte Hindernisse" müssten überwunden werden  um dann den neuen gesellschaftlichen Realitäten ins Auge zu sehen.

 


Quelle:
KNA