Gedenken an Opfer des Anschlags am Berliner Breitscheidplatz

"Die Angst soll nicht alles überlagern"

Drei Jahre nach dem Terroranschlag auf dem Weihnachtsmarkt in Berlin wird an diesem Donnerstag der Opfer und Verletzten gedacht. Die Erinnerung sei noch präsent, meint der Pfarrer der Gedächtniskirche, jedoch sollte die Angst nicht alles überlagern.

Mahnmal für die Terroropfer vom Breitscheidplatz (shutterstock)
Mahnmal für die Terroropfer vom Breitscheidplatz / ( shutterstock )

DOMRADIO.DE: Der Anschlag auf dem Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz setzte Deutschland am 19. Dezember 2016 unter Schock. Wo und wie haben Sie diesen Tag damals erlebt?

Martin Germer (Pfarrer der Gedächtniskirche in Berlin): Ich war ganz in der Nähe. Das war reiner Zufall. Ich habe dann natürlich an dem Abend schon das Gespräch mit Schaustellern gesucht, die ich kannte und die es so unmittelbar miterlebt haben. Ich bin ansonsten einfach herumgelaufen und habe versucht wahrzunehmen, was am direkten Ort des Anschlags geschieht. Da, wo die Menschen gestorben sind und die vielen Verletzten waren, war ich nicht. Insofern habe ich es nicht ganz unmittelbar miterlebt, aber ich habe die Betroffenheit derer gespürt, die direkt dabei waren.

DOMRADIO.DE: Wie schnell war Ihnen denn das Ausmaß dieses Anschlags klar?

Germer: Es war am Abend selbst schon zu hören, dass sehr viele Menschen betroffen waren. Wie viele nun im Einzelnen, das wusste zu dem Zeitpunkt noch niemand. Insofern ist das erst im Laufe der nächsten Tage so richtig deutlich geworden.

DOMRADIO.DE: Heute Abend findet ein gemeinsames Gedenken der Opfer statt. Wie wird der Abend heute am Breitscheidplatz ablaufen?

Germer: Wir werden um 19 Uhr eine Gedenkandacht in der Kirche machen und anschließend hinausgehen. Direkt neben der Kirche ist seit zwei Jahren ein Gedenkort eingerichtet, an dem auch das ganze Jahr über immer Menschen stehen bleiben und sich innerlich darauf einlassen, was dort geschehen ist. Sie lassen es auf sich wirken und nehmen so Anteil. An dem Ort wird es dann ein öffentliches Gedenken geben, es werden keine öffentlichen oder politischen Reden gehalten.

Aus dem Kreis der Angehörigen wird eine Person sprechen. Ich selber werde die Namen der zwölf Getöteten verlesen, aber auch sagen, dass wir gleichzeitig an die vielen Menschen denken, die dabei verletzt wurden und seelisch zum Teil auch heute noch schwer traumatisiert sind. Um 20:02 Uhr werden zwölf einzelne Glockenschläge erklingen, um gewissermaßen dieses Gedenken auch über die Stadt erklingen zu lassen.

DOMRADIO.DE: Wie sieht es eigentlich aktuell mit den Sicherheitsvorkehrungen am Breitscheidplatz aus?

Germer: Der Platz ist mit Sperren ringsherum versehen, die verhindern, dass irgendwelche Fahrzeuge in die Fläche eindringen könnten. Ansonsten wird es genügend Sicherheitsvorkehrungen seitens der Polizei sowie Beauftragte privater Sicherheitsdienste geben. Sowohl Beamte und Beamtinnen, als auch privat Einsatzkräfte sind immer da und halten die Augen offen.

DOMRADIO.DE: Wie verhalten sich denn die Menschen auf dem Weihnachtsmarkt? Ist das noch ein Thema?

Germer: Auf dem Weihnachtsmarkt sind Menschen, die den Weihnachtsmarkt besuchen, so wie sie das auch in anderen Städten in Deutschland oder auch auf anderen Weihnachtsmärkten in Berlin tun.

Darunter gibt es Menschen, für die ist das, was dort geschehen ist, immer leise im Hinterkopf. Vielleicht auch als Beunruhigung. Aber ich glaube, dass es für viele kein direktes Thema ist. Wenn sie an den Gedenkort kommen und darauf aufmerksam werden, dann ist es präsent. Ansonsten lassen sie sich aber doch auch die Freude am Weihnachtsmarkt, an den Begegnungen oder auch am Glühwein in der Winterluft nicht nehmen. Ich glaube, das ist auch richtig so. Das Erinnern ist mit präsent, aber die Angst soll nicht alles überlagern.

DOMRADIO.DE: Warum ist es so wichtig, dass man an so einem Platz trotzdem abschalten sollte?

Germer: Es gibt viele Menschen, denen Weihnachtsmärkte eine Freude machen. Ich stelle mal die Gegenfrage: Warum sollte es an diesem Platz jetzt nicht mehr sein?

Man könnte ja auch pathetisch sagen, dass die Attentäter sonst ein Ziel erreicht hätten. Und das sollen sie nicht. Unabhängig davon haben wir auf diesem Platz in der Mitte die Ruine der alten Gedächtniskirche, die an die Gewalt des Krieges und die an deutsche Schuld erinnert. Das ist mit im Blick. Und trotzdem ist das ein Platz, auf dem Menschen im 21. Jahrhundert auch ganz normal alles das tun, was Menschen auf zentralen Plätzen tun können. Das gehört eben gerade zusammen. Es soll nicht verdrängt werden und aus dem Blick geraten, aber es soll sich auch nicht wie eine dunkle Decke über alles legen. 

Das Interview führte Carsten Döpp.


Pfarrer Martin Germer / © Paul Zinken (dpa)
Pfarrer Martin Germer / © Paul Zinken ( dpa )
Quelle:
DR