Nikodemus Schnabel wird Migrantenseelsorger in Jerusalem

Der "Robin Hood des Nahen Ostens"

Der Benediktinerpater Nikodemus Schnabel hat eine neue Aufgabe. Er wird Patriarchalvikar für die Migranten-Seelsorge in Jerusalem. Im Interview spricht er über seine kommende Aufgabe und erklärt, was diese mit Robin Hood zu tun hat.   

Nikodemus Schnabel / © Julia Steinbrecht (KNA)
Nikodemus Schnabel / © Julia Steinbrecht ( KNA )

DOMRADIO.DE: Corona vermiest uns momentan zum Teil noch das Reisen. Wie ist das mit Israel, kommen Sie da bald wieder rein? 

Pater Nikodemus Schnabel (Benediktinermönch in der Jerusalemer Dormitio-Abtei, neuer Patriarchalvikar für die Migrantenseelsorge des Lateinischen Patriarchats in Jerusalem): Momentan ist es offiziell nicht möglich. Israel hat gesagt, sie wollten darüber nachdenken, ab 1. August einzelne Reisen möglich zu machen. Die planen sozusagen von Woche zu Woche. Die Delta-Variante macht Israel gerade Sorgen. Natürlich gibt es aber sicher für mich auch nochmal Individuallösungen, was aber bedeuten kann: Obwohl ich doppelt geimpft bin, mus ich dennoch eventuell 14 Tage in Quarantäne. Das kann der Preis sein, den ich zahlen muss. 

DOMRADIO.DE: Sie haben schon als Auslands-Seelsorger für die deutschsprachigen Katholiken in Israel und Palästina gearbeitet. Die Arbeit als Migranten-Seelsorger wird da aber nochmal ein bisschen herausfordernder, oder?

Schnabel: Ja, ein bisschen größer. Also ganz offiziell gehört ja sogar die deutschsprachige Seelsorge auch dazu. Die Deutschen sind auch Migranten, aber es ist natürlich nicht die Hauptgruppe, die man im Blick hat.

Wir reden hier wirklich von einer riesigen Gruppe: Also, das lateinische Patriarchat umfasst Jordanien, Israel, Palästina und Zypern. Und in Israel gibt es sozusagen eine wirklich große, unsichtbare Gläubigenschar - und das sind eben die Migranten und Asylsuchende. Mit Migranten meinen wir die ganzen Arbeitsmigranten, besonders aus den Philippinen, Indien und Sri Lanka. Das sind in der Regel Frauen, die oft in der Altenpflege oder in der Kinderbetreuung unterwegs sind: Legal, aber - das muss man ganz offen sagen - auch viele illegal, wo das Visum abgelaufen ist, die aber dennoch im Land schwarz arbeiten.

Schließlich gibt es die ganzen Asylsuchenden, oft Männer, Geflüchtete aus Eritrea, aus Äthiopien, aus dem Sudan, eben aus Afrika allgemein. Das ist eine große, große Gruppe, wie wir sehen. 

DOMRADIO.DE: Es wird unter dieser Gruppe vermutlich auch dramatische Fälle geben. Werden Sie dort helfen und vermitteln?

Schnabel: Fast nur. Ich habe mal scherzhaft gesagt, ich werde der Robin Hood des Nahen Ostens. Ich habe mit den Vergessenen des Nahostkonflikts zu tun. Wir reden ja oft über Israel, Palästina, aber das sind die Unsichtbaren. Allein im letzten Konflikt mit Gaza sind drei dieser Migranten durch Raketen der Hamas gestorben. Das ist durchaus eine sehr vulnerable Gruppe, die eigentlich keiner so richtig will. Sie sind keine Juden, das heißt, Israel sagt "na ja, gut, zum Arbeiten ist es okay, aber dann könnt ihr wieder gehen". Das haben wir übrigens in den arabischen Ländern auch, Stichwort Saudi-Arabien, Katar, Kuwait, Vereinigte Arabische Emirate. Da gibt es genau dasselbe Phänomen.

Die Leute sind herzlich willkommen zum Arbeiten, haben aber keinerlei Rechte und drohen immer wieder abgeschoben zu werden. Entweder machen sie das mit oder sie gehen in die Illegalität. Und die Geflüchteten, die als Infiltranten bezeichnet werden, sind überhaupt nicht erwünscht. Die werden dann in der Regel ziemlich bald in ein Flugzeug nach Ruanda gepackt oder so. Also ich werde es mit den wirklich Marginalisierten, den Diskriminierten zu tun haben. Das wird eine Aufgabe, die taff wird, definitiv.

DOMRADIO.DE: Ihre Sprachkenntnisse reichen dafür? Oder werden Sie in den verbleibenden Wochen noch ein bisschen Sprachen lernen? 

Schnabel: Englisch ist die wichtigste Sprache. Das ist sozusagen die Amtssprache dieses Vikariats. Da denke ich, kann ich mich ausdrücken. Französisch habe ich jetzt auch nochmal gut in Belgien aufgefrischt. Das ist für die französischsprachigen Afrikaner sehr hilfreich. Natürlich werde ich es nicht schaffen, die ganzen verschiedenen indischen und philippinischen Sprachen zu lernen, die es dort gibt.

Sinnvoll ist aber, wenn ich an mein Hebräisch gehe. Ich habe mich im Land immer eher auf Arabisch konzentriert. Das brauche ich jetzt eher weniger, sondern Hebräisch. Warum nicht, dann ist die nächste Sprache dran und zum Wohl dieser Menschen werde ich die sehr, sehr gerne und leidenschaftlich lernen. 

DOMRADIO.DE: Freuen Sie sich eigentlich, wieder zurück nach Israel zu kehren? 

Schnabel: Ich freue mich riesig auf diese Aufgaben. Das ist wie ein Traum, weil ich all das, was ich in den letzten Monaten gemacht habe - das Sprachenlernen, in die Welt der Diplomatie zu schauen - und all das, was ich geschenkt bekommen habe, in voller Energie für diese Menschen bündeln darf. Das ist das, was ich wirklich wichtig finde und warum ich so gerne Christ bin: Wir sind Christen durch die Taufe. Und die sogenannte illegale philippinische Gastarbeiterin wie der sogenannte illegale Inflitrant aus Eritrea haben dieselbe Taufe wie ich und gehören zur selben Kirche. Mich für diese Menschen voller Leidenschaft einzusetzen, ist ein Traum. Dafür bin ich super gerne Mönch und Priester. 

Das Interview führte Tobias Fricke.

Quelle:
DR
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