Franziskus als Missionar in Tokio unterwegs

Der Papst zu Besuch beim Kaiser

An seinem zweiten vollen Besuchstag in Japan trifft Franziskus sich mit Katastrophenopfern und mit Jugendlichen, begeistert Gläubige im Baseballstadion und macht Kaiser und Ministerpräsident seine Aufwartung.

Kaiser Naruhito (r) empfängt Papst Franziskus im Kaiserpalast / © Gregorio Borgia (dpa)
Kaiser Naruhito (r) empfängt Papst Franziskus im Kaiserpalast / © Gregorio Borgia ( dpa )

"Bienvenido en Japon", begrüßt der Kaiser den Papst in dessen Muttersprache am Eingang seines Palastes. Die private Unterredung von Kaiser Naruhito mit Franziskus im Bambussaal des Tokioter Kaiserpalastes am Montagvormittag (Ortszeit) ist einer der protokollarischen Höhepunkte der Asienreise des Papstes. Wie der kaiserliche Pressesprecher später japanische Journalisten wissen lässt, dankte Naruhito Franziskus unter anderem für sein Treffen mit den Opfern der Dreifach-Katastrophe von Fukushima im März 2011.

Zusammenhalt der Gläubigen nach Fukushima-Katastrophe

Ihnen, die bei Erdbeben, Tsunami und Atomunfall im März 2011 zu Schaden kamen und Angehörige verloren, wie der übrigen Gesellschaft hatte der Papst zuvor gesagt: "Keiner baut sich von selbst wieder auf, keiner kann von allein wieder anfangen." Daher brauche es weitere Solidarität. Japan habe bereits gezeigt, "wie ein Volk in Solidarität, Geduld, Beharrlichkeit und Durchhaltevermögen zusammenstehen kann." Überlebende berichten dazu von beeindruckender Zusammenarbeit damals auch zwischen Christen, Buddhisten und Shintoisten - bis hin zu gemeinsamen Gebeten für die Opfer.

Neben der Sanierung des radioaktiv verseuchten Geländes und der von Erdbeben zerstörten Infrastruktur gelte es vor allem, das zerstörte Gesellschaftsgefüge wiederaufzubauen, mahnt Franziskus und kritisiert erneut eine "Kultur der Gleichgültigkeit". Dass die Dinge mitunter komplizierter liegen, berichtet ein kanadischer Missionar aus Fukushima. In der weiteren Region des Atomkraftwerks lebende alte Menschen wollen, dass ihre Kinder dorthin zurückkehren, auch um sich um die Eltern kümmern. Die Jüngeren indes zögern, weil sie nahe des Unglücks-AKW um das Wohl ihrer eigenen Kinder fürchten.

Nein zu Atomkraft

Der gesellschaftliche Aufbau ist laut Papst daher ebenso nötig wie "kühne und wichtige Entscheidungen zur Verwendung natürlicher Ressourcen und künftiger Energiequellen". In dem Zusammenhang erwähnt er das Nein der japanischen Bischöfe auch gegen die friedliche Nutzung der Kernenergie. Ein strittiges Thema in Japan, zu sehr hängt das Land noch an dieser Energieform.

Auf seiner 32. Auslandsreise mit erst sechs, dann acht Stunden Zeitverschiebung wirkt der fast 83-jährige Pontifex zunehmend müder. Er hinkt stärker als sonst, quält sich aus dem Fond des Autos, blickt minutenlang nahezu ausdruckslos. Sobald er aber vor Jugendlichen spricht, ist Franziskus verjüngt.

Gegen die "Kultur des Mobbings"

In Tokios moderner Kathedrale aus Beton und Edelstahl, wo er den bereitgestellten weißen Papstsessel verschmäht, wird Franziskus sehr konkret und ermutigt etwa Mobbing-Opfer, gegen ihre Peiniger aufzustehen. Es brauche aber einen gesellschaftlichen Schulterschluss gegen die "Kultur des Mobbings". Man müsse lernen zu sagen: "Es reicht! Das ist eine Seuche."

Einem spanisch sprechenden Migranten, der über seine Erfahrungen berichtet, sagt der Papst: "Leonardo, wenn dich einer als 'fett' mobbt, sag' ihm: dünn ist weniger gesund." Und auf die päpstliche Zwischenfrage, ob er sie langweile, schallt Franziskus ein lautes "Nein" entgegen.

Papst-Verehrung wie Popstar

Wie tags zuvor in Japans katholischem "Kernland", der Provinz Nagasaki mit immerhin vier Prozent Christen, so macht Franziskus auch in Tokio den Katholiken des Landes Mut. 536.000 getaufte Katholiken - so die Zahl des Vatikan - plus fast 600.000 Immigranten machen knapp ein Prozent der gut 126 Millionen Einwohner Japans aus. Rund 50.000 von ihnen empfangen ihr Kirchenoberhaupt nachmittags im voll besetzten Tokyo Dome wie einen Popstar. Selbst alte Menschen laufen Richtung Papamobil; etliche wischen sich verschämt eine Träne aus dem Auge.

In seiner Predigt geht Franziskus vor allem auf Leistungsdruck, Einsamkeit und Konsum ein, die vielen Probleme bereiten. Das Land hat eine der höchsten Suizidraten. Stattdessen gelte es, das Leben mit seiner Zerbrechlichkeit und Begrenztheit anzunehmen.

Dialog als Waffe

Anders als bei den meisten Papstbesuchen wendet sich das Kirchenoberhaupt in Japan erst gegen Ende seines Aufenthaltes an die politische Führung und andere gesellschaftliche Vertreter. Dabei würdigt er Japans Einsatz für benachteiligte und behinderte Menschen.

Mit Blick auf atomare Abrüstung, von der bereits Ministerpräsident Shinzo Abe in seiner Rede sprach, mahnt Franziskus: Dialog sei die "einzige Waffe, die des Menschen würdig ist und einen dauerhaften Frieden gewährleisten kann". Eine notwendige Mahnung angesichts zunehmend nationalistischer wie isolationistischer Tendenzen, die auch in Japan und Ostasien um sich greifen.

Papst Franziskus spricht in der Kantei, dem Amtssitz des japanischen Premierministers / © Gregorio Borgia (dpa)
Papst Franziskus spricht in der Kantei, dem Amtssitz des japanischen Premierministers / © Gregorio Borgia ( dpa )
Autor/in:
Von Roland Juchem
Quelle:
KNA