Der Musiker Tom Waits wird 60 Jahre alt

Poet der coolen Einsamkeit

Das Musikmagazin "Rolling Stone" zählt Tom Waits zusammen mit John Lennon, Elvis Presley und Bob Dylan zu den "100 weltbesten Sängern" der Rock- und Popgeschichte. Seine Stimme gehöre zu "den dramatischsten Instrumenten des Pop, ein tiefes, narbiges Bellen, halb Karnevalsgauner, halb knackendes Feuer".

Autor/in:
Holger Spierig
 (DR)

Seine Stimme klingt so, als würde er morgens schon Reißzwecken mit Whiskey gurgeln. In den ersten Jahren seiner Karriere kultivierte er sein Image als trinkender Poet der verruchten Bars im nächtlichen Los Angeles. Doch das ist nur eine Facette des Musikers, Komponisten, Songdichters und Schauspielers, der am 7. Dezember 60 Jahre alt wird.

"Viele Leute glauben, ich schlafe auf dem Billardtisch, stehe um drei Uhr mittags auf und schütte Whiskey in meine Cornflakes", hat Waits einmal gespottet. Dabei hat er nach eigenen Angaben seit fast zwanzig Jahren dem Alkohol abgeschworen und schirmt sein Familienleben auf einer Farm bei San Francisco streng ab. Wenn eines seiner Stücke für ein Auto oder einen Drink werben soll, lässt er das umgehend von seinen Anwälten verbieten.

Die Redaktion der "Süddeutschen Zeitung" kürte ihn zum "Chronisten der Außenseiter". Zum "virtuosen Lumpensammler des amerikanischen Traums" erklärte ihn die "Frankfurter Allgemeine Zeitung". Und die "LA Free Press" sah ihn auf dem besten Wege, "der Poet der coolen Einsamkeit" zu werden.

Auf dem Rücksitz eines Taxis in Kalifornien geboren
Fragen über sein Leben beantwortet Thomas Alan Waits in der Regel mit schillernden Räuberpistolen. Glaubt man Waits, wurde er am 7. Dezember 1949 auf dem Rücksitz eines Taxis in Kalifornien geboren. Seine kratzige Stimme habe er von seinem Onkel Vernon, erzählt er gerne. Bei dem sei nach einer Operation eine kleine Schere im Hals vergessen worden.

Als Waits in den frühen 70er Jahren in der Hippie-Hochburg Los Angeles durch die Nachtclubs tingelte, verkörperte er alles, was schon lange aus der Mode war. Lange Haare, Jimi Hendrix und kreisende Joints waren seine Sache nicht. Stattdessen trat er mit Ziegenbärtchen und verknautschten Anzügen aus Secondhand-Läden auf. Musikalisch orientierte er sich an der Plattensammlung seiner Eltern - beide Lehrer - mit Frank Sinatra, George Gershwin und dem Bar-Jazz der 50er Jahre.

Zu seinen literarischen Einflüssen zählen neben dem "Gossen-Poeten" Charles Bukowski die Autoren der in dieser Zeit bereits abgehakten "Beat-Generation" wie Jack Kerouac, Allen Ginsberg und William S. Burroughs. "Ich war ein Rebell gegen die Rebellen", zitiert ihn der Musikjournalist Barney Hoskyns in seiner soeben erschienen Waits-Biografie "Ein Leben am Straßenrand".

Andere machten seine Musik zu kommerziellen Hits
Stoff für seine damaligen Stücke fand der Musiker in den schummerigen Bars und 24-Stunden-Diners des nächtlichen Los Angeles. Nicht selten sah man ihn dort, wie er gerade aufgeschnappte Gespräche auf Servietten kritzelte. Seine Songs sind Miniaturen des Nachtlebens, in denen er Verlierern, kleinen Ganoven und Huren ein Denkmal setzt. Sein Stück "Eggs and Sausage" (Eier und Wurst) ist eine Hommage an die billigen Restaurants mit angebrannten Hamburgern und abgestandenem Kaffee.

Hits wurden Waits' Stücke allerdings erst durch berühmte Kollegen wie Rod Stewart ("Downtown Train") oder Bruce Springsteen ("Jersey Girl"). Internationale Bekanntheit sollte der Musiker zuerst ausgerechnet als Schauspieler erlangen. In dem Kinofilm "Down By Law" (1986) von Jim Jarmusch spielte er als Knastbruder Zack eine der Hauptrollen - und steuerte die Musik bei. Mittlerweile hat er in mehr als 30 Filmen mitgespielt.

Seit der Heirat mit Kathleen Brennan im Jahr 1980 hat Tom Waits die Rolle des trinkenden Troubadours aufgegeben. Musikalisch schlug er mit dem viel gerühmten Album "Swordfishtrombones" (1983) einen komplett neuen Kurs ein: Seine Stücke, die er seitdem gemeinsam mit seiner Frau schreibt, frönen der Lust am Theater, an schrägen Freak-Shows und am Experiment mit vergessenen oder erfundenen Musikinstrumenten. Für den Kult-Regisseur Robert Wilson komponierte er Bühnenmusiken ("The Black Rider").

Seine seltenen Live-Auftritte werden jedes Mal als Sensation gefeiert. Offensichtlich hat der frühere "Poet der Säufer" sein Gleichgewicht gefunden: "Ich bin ein verdammt glücklicher Bastard mit meinen Kindern und meiner Frau."

Buchhinweis: Barney Hoskyns: Tom Waits: Ein Leben am Straßenrand,
704 Seiten, Heyne Verlag, München 2009.