WunderBar

Der Herbst ist herb

Mal rauscht mit Macht Regen gegen meine Scheiben, mal senkt sich trübes Grau über dem Garten. Der Herbst ist herb.

Herbststimmung / © Sergey Peterman (shutterstock)

Und mir scheint: In diesem Herbst steckt irgendwie besonders viel herb, andauernd stemmt der kleine Hund, den ich doch vor die Türe führen soll, alle vier Beine entschieden gegen die Leine, will keinen Schritt mehr gehen.

Also suche ich, um den Hund auszuführen, die Pausen zwischen dem Regenrauschen. Dazwischen wandere ich am Schreibtisch entlang.

In meinem E-Mailpostfach steckt auch der Herbst.

Grüße und Neuigkeiten für einen lichtvollen Herbst, schreibt eine Studienfreundin in den Betreff ihrer E-Mail. In der E-Mail selbst zitiert sie aus dem Gedicht Herbstgang von Johann Heinrich Voss:

Natur, wie schön in jedem Kleide! Auch noch im Sterbekleid wie schön!  

Johann Heinrich Voss ist in der Mitte des 18. Jahrhunderts in Mecklenburg-Vorpommern geboren. Ich stelle mir vor, wie er spazierend die viele Natur, die es da oben gibt „in jedem Kleide“, also zu jeder Jahreszeit, betrachtet.

Wie unverblümt der Dichter bei einem einfachen Herbstspaziergang vom Sterbekleid der Natur und damit vom Tod spricht.

Ich selber zögere, so direkt das Sterben anzusprechen. Ich will Ihnen ja nicht am frühen Sonntagmorgen schlechte Stimmung machen. Zumal das hier die WunderBar ist, für die ich mich im Wundern übe.

Dabei gäbe es genug Anlass, sich über den Tod zu wundern.

Er ist mächtig. Niemand von uns entkommt ihm. Original niemand. 100 % von Ihnen, die jetzt gerade zuhören, werden sterben.

Und ich, die ich erzähle, natürlich auch.

Und doch lebe ich meine allermeisten Tage so, als würden nur die anderen sterben. Nur die, die schon alt und sehr krank sind und von denen ich in der Zeitung lese.

Vielleicht gibt die Natur im Herbst noch mal alles, überschüttet uns mit strahlender Schönheit, um uns das Erinnern an unsere Sterblichkeit zu erleichtern.

Vielleicht ist es ja wie bei unserem Zierahorn im Garten. Mitten im herben Herbst leuchten seine Blätter fast schon überirdisch rot und um seinen Stamm sammeln sie sich zu einem leuchtenden Teppich.

Kaum kann ich die Augen lassen von diesem, wie der Dichter sagen würde, wunderschönem Sterbekleid des Ahorns.

Jedes Blatt, das da zu Boden segelt, transportiert die wunderschöne Mahnung, wenigstens für diesen Moment zu verstehen, wie zerbrechlich das Leben ist. Und gerade eben deswegen so kostbar. 

Ich wünsche einen kostbaren, herb-schönen Herbstsonntag.

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