Der beinharte Antikommunist war in Polen eine Symbolfigur

Kardinal Wyszynski auf dem Weg zur Seligsprechung

Über Jahrzehnte war Stefan Wyszynski als "Primas von Polen" das Bollwerk gegen die Kommunisten. Doch nicht er, sondern der Krakauer Kardinal Karol Wojtyla brach am Ende die Macht der Kirchenfeinde.

Papst Johannes Paul II. mit dem polnischen Primas, Kardinal Stefan Wyszynski, am 18. Oktober 1979. (KNA)
Papst Johannes Paul II. mit dem polnischen Primas, Kardinal Stefan Wyszynski, am 18. Oktober 1979. / ( KNA )

Dem sowjetischen Diktator Stalin wird das Spottwort zugeschrieben, der Kommunismus passe zu Polen wie ein Reitsattel auf eine Kuh. Soweit wird er mit dem glühenden Antikommunisten Stefan Wyszynski einer Meinung gewesen sein. Dennoch hätte derselbe Stalin, der einst höhnisch fragte, wie viele Divisionen denn der Papst habe, wohl gestaunt, was ein Papst aus Polen dann Ende der 1980er Jahre mit dem Kommunismus anstellte.

Wyszynski hatte prophezeit, sein junger Amtsbruder Karol Wojtyla werde einst "die Kirche ins 21. Jahrhundert führen". Er behielt Recht; Wojtyla wurde Papst Johannes Paul II. und später sogar heiliggesprochen. Wyszynski selbst hat nun im Vatikan eine wichtige Hürde auf dem Weg zur Seligsprechung genommen.

Werdegang Wyszynskis

Wyszynski (1901-1981) war von 1948 bis zu seinem Tod der höchste Würdenträger der Kirche in Polen. 1924 zum Priester geweiht, lehrte er zunächst Kirchenrecht und Soziologie in Wloclawek. Während der deutschen Besetzung war er Seelsorger der Untergrundarmee und versteckte wiederholt verfolgte Juden. 

Papst Pius XII. ernannte Wyszynski 1946 zum Bischof von Lublin und im November 1948, nach dem Tod von Primas August Hlond, zum Erzbischof von Warschau und Gnesen und damit Primas von Polen. Auf dem Höhepunkt der kommunistischen Kirchenverfolgung wurde Wyszynski 1953 inhaftiert und erst 1956 wieder freigelassen. Seine starken Wurzeln hatte er in der traditionellen ländlichen Frömmigkeit der Polen - und in der felsenfesten Überzeugung der Einheit von Nation und Katholizismus.

Wyszynskis wollte Wojtyla nicht

Wyszynski war ein politischer Fuchs und besaß ein sicheres strategisches Gespür. Doch bei einem lag er zunächst falsch: dem jungen Karol Wojtyla, Jahrgang 1920. Lange hatten sich die Kommunisten Zeit gelassen, um einen - in ihren Augen - geeigneten, nicht zu "politischen" Bischofskandidaten für Krakau auszuwählen. In Wojtyla sahen sie einen intellektuellen Schöngeist, der keinen Ärger macht. Ein Urteil, das sie mit Wyszynski teilten; der hielt ihn, etwas ratlos, für "einen Dichter".

Wojtyla war keineswegs Wyszynskis Wunschkandidat. Doch der junge Krakauer zeigte sich ihm gegenüber sehr loyal - zum Ärger der Kommunisten, die gehofft hatten, durch ihre Unterschiedlichkeit einen Keil zwischen die beiden treiben zu können. Der gelernte Schauspieler und Schriftsteller Wojtyla konnte die Jugend begeistern. Und er konnte auch jene städtische Intelligentsia mit der Kirche als oppositioneller Kraft verbünden, denen der bodenständige Wyszynski eher misstraute.

Mit Wahrhaftigkeit und Beharrlichkeit zum Erfolg

Der Kampf gegen den Kommunismus einte die beiden Kirchenführer trotz aller Unterschiede. Ihre Strategie war nicht offene Konfrontation, sondern Wahrhaftigkeit und Beharrlichkeit. Wie sein Krakauer Pendant nahm auch Wyszynski an allen Sessionen des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965) teil. Doch anders als Wojtyla mied der Primas kirchliche Neuerungen, um nicht das Band zwischen Kirche und Volk zu gefährden. 

Karol Wojtyla kämpfte vor allem mit den Waffen des Intellektuellen, mit Zuhören, Diskutieren und Ausloten. Die Formulierung der Religionsfreiheit durch das Konzil gab ihm ein ähnliches Dynamit in die Hand wie später die Schlussakte von Helsinki: Religionsfreiheit als positives Menschenrecht, das man einfordern kann. Deshalb konnte Wojtyla beim Konklave 1978 viele Stimmen aus den USA und Westeuropa auf sich vereinen, während Wyszynski nicht zum die Blöcke übergreifenden "papabile" taugte.

"Wir vergeben und bitten um Vergebung"

Von historischer Bedeutung ist das unter Wyszynskis Leitung 1965 verfasste "Wort der polnischen Bischöfe an ihre deutschen Brüder im Bischofsamt", mit dem ein tiefer Versöhnungsprozess startete. Zentral waren die Worte: "Wir vergeben und bitten um Vergebung". Es wirkt bis heute in den deutsch-polnischen Beziehungen fort. In Polen wird Wyszynski noch immer als "Primas des Jahrtausends" verehrt. Papst Franziskus sprach ihm nun den sogenannten heroischen Tugendgrad zu - ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Seligsprechung.

Dafür wäre nun noch die Anerkennung eines Wunders nötig, das auf Fürbitte zu ihm geschehen und vom Vatikan anerkannt sein muss. Tatsächlich soll 1988 auf Fürsprache Wyszynskis eine krebskranke junge Frau genesen sein; sie ist heute 46 Jahre alt.

Autor/in:
Alexander Brüggemann
Quelle:
KNA