Der Abendmahlsaal in Jerusalem ist ein beliebtes Pilgerziel

Evangelien schweigen über den genauen Ort

Pilger zieht es immer wieder an jene Orte, an denen sich einst wichtige Ereignisse ereignet haben sollen. So ein eigentlich eher unscheinbarer Ort ist der Abendmahlsaal auf dem Zionsberg in Jerusalem. Seine Geschichte liegt im Dunkeln.

Autor/in:
Fabian Brand
Abendmahlssaal auf dem Zionsberg
 / © Elisabeth Schomaker (KNA)
Abendmahlssaal auf dem Zionsberg / © Elisabeth Schomaker ( KNA )

Viele Pilger kommen während der Kar- und Ostertage wieder nach Jerusalem, um in der Heiligen Stadt die Gottesdienste mitzufeiern. Es hat seinen besonderen Reiz, die Feste dort zu begehen, wo sie sich der Überlieferung nach einst ereignet haben. Ob der Besuch der Osternacht in der Grabeskirche oder das gemeinsame Gebet in der Nacht vom Gründonnerstag am Ölberg - Jahr für Jahr ziehen diese Feiern die Menschen aus allen Teilen der Welt an.

Pilger das ganze Jahr über

Doch nicht nur in der Osterzeit, sondern das ganze Jahr über kommen die Pilger vor allem auf den Zionsberg im Süden der Jerusalemer Altstadt, um dort jenen Raum aufzusuchen, der als Abendmahlsaal Jesu verehrt wird. Es ist ein schlichter, kleiner Saal, in den sich die Pilger oft hineindrängen. Doch welche Geschichte steckt eigentlich hinter dieser heiligen Stätte?

Ernüchterung beim Blick ins Neue Testament

Zunächst ruft ein Blick in das Neue Testament Ernüchterung hervor: Über den Ort, an dem Jesus mit seinen Jüngern das Mahl am Vorabend seiner Kreuzigung gefeiert haben soll, wird beinahe nichts gesagt. So heißt es beispielsweise im Lukasevangelium lediglich: "Und der Hausherr wird euch einen großen Raum im Obergeschoss zeigen, der mit Polstern ausgestattet ist" (Lk 22,12).

Wo sich dieses Obergemach aber genau befunden hat und wer sein Eigentümer war, darüber schweigen sich die Evangelien aus. Daher ist eine Lokalisation des Abendmahlsaals grundsätzlich auch auf der Basis des neutestamentlichen Textbefundes nicht möglich.

Das letzte Abendmahl in Obergemach

Die Tradition hat nicht nur das letzte Abendmahl im Obergemach verortet, sondern auch das Pfingstgeschehen. Da der Herabkunft des Heiligen Geistes auf die Apostel schon sehr früh auf dem heutigen Zionsberg gedacht wurde, dauerte es nicht lange, bis auch das Gedächtnis des Abendmahls dort seine heilige Stätte erhielt.

Ein armenisches Lektionar aus dem 5. Jahrhundert berichtet jedenfalls bereits davon, dass das Gedenken des Abendmahls Jesu in der Hagia Sion-Kirche auf dem Zionsberg stattfand. Jedoch konkurrierten zu dieser Zeit auch noch andere Stätten mit dem Ort des letzten Abendmahls: So wurde die Erinnerung an dieses Ereignis zum Beispiel auch in einer Grotte am Ölberg oder in der Verratsgrotte im Garten Gethsemani gefeiert. Aufgrund des mangelhaften neutestamentlichen Zeugnisses hat sich so bis zur Jahrtausendwende eine sehr vielfältige Erinnerung an das Abendmahl entwickelt.

Neuer Ort für die Tradition

Nachdem die Hagia Sophia-Kirche auf dem Zion, in welcher unter anderem auch des Abendmahls gedacht wurde, 1219 zerstört worden war, musste sich diese Tradition einen neuen Ort suchen. Gemäß archäologischer Untersuchungen ist der Abendmahlsaal, wie ihn die Pilger heute auf dem Zionsberg besuchen können, in der Kreuzfahrerzeit erbaut worden. Wahrscheinlich war es zu Beginn des 13. Jahrhunderts, nach der Schleifung der Hagia Sophia-Kirche, als die Kreuzfahrer mit der Errichtung dieses Gedächtnisortes begannen, wobei alte Bauteile aus der zerstörten Kirche wiederverwendet wurden.

Erinnerung an das Abendmahl

Dieser Raum, mit dem bis heute die Erinnerung an das Abendmahl Jesu und seiner Jünger im Obergemach behaftet ist, ist von der Bausubstanz relativ schlicht. Es handelt sich um einen sehr nüchternen zweischiffigen Raum mit frei stehenden Säulen und Wandpfeilern. Da der Saal wahrscheinlich im 15. Jahrhundert als Moschee genutzt wurde, befindet sich in einer Wand des Raumes ein Mihrab, also eine kleine Wandnische, welche die Gebetsrichtung anzeigt. Das einzig christliche Symbol, das auf eine sehr unauffällige Weise auf das Geschehen hinweist, an das in diesem Raum gedacht wird, findet sich am Kapitel einer Säule: Hier ist ein Pelikan dargestellt, der sich die Brust aufreißt, damit die Jungen daraus fressen können.

Die christliche Ikonografie hat diese Legende als Bild für Christus verwendet, der sich selbst für das Leben der Welt hingibt. Das Brechen des Brotes beim Abendmahl und die Deuteworte Jesu "Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird", fassen dies sehr prägnant zusammen. Aufgrund der Festlegungen des sogenannten Status quo darf im Abendmahlsaal nur dreimal im Jahr Eucharistie gefeiert werden. Dennoch kommen tagtäglich unzählige Pilger, um sich hier an das letzte Mahl Jesu und seiner Jünger zu erinnern.

Gründonnerstag

Am Gründonnerstag, dem Donnerstag vor Ostern, erinnert die Kirche an das Letzte Abendmahl Jesu mit seinen Jüngern. Der Volksbrauch will, dass "grüne Speisen" wie Spinat oder Brunnenkresse auf dem Tisch stehen. Allerdings verdankt der Tag seinen Namen offenbar nicht der Farbe, sondern dem althochdeutschen Wort "grunen" oder "greinen" für "weinen": Gründonnerstag als Tag der "Greinenden", der Weinenden, der Büßer.

Papst Franziskus feiert Messe zum Gründonnerstag im Vatikan / © Andrew Medichini (dpa)
Papst Franziskus feiert Messe zum Gründonnerstag im Vatikan / © Andrew Medichini ( dpa )
Quelle:
KNA