Das geistliche Testament des Trappisten-Priors von Tibhirine

"Dass mein Leben Gott und diesem Land geschenkt war"

Der Prior von Tibhirine, Christian de Cherge, scheint seinen gewaltsamen Tod vorausgesehen zu haben. In seinem geistlichen Testament schließt er auch seinen Mörder in den Dank für sein Leben ein - drei Jahre vor seiner Entführung.

Staffelei mit den Porträts der sieben Mönche von Tibhirine / © Corinne Simon (KNA)
Staffelei mit den Porträts der sieben Mönche von Tibhirine / © Corinne Simon ( KNA )

Christian de Cherge lebte Mitte der 90er Jahre als Prior mit einer Handvoll französischer Trappisten im Kloster Notre-Dame de l'Atlas im Norden Algeriens, in Nachbarschaft mit der weitestgehend muslimischen Bevölkerung. Er wusste, dass ihnen dort der Tod durch islamistische Fanatiker drohte. Mit Datum vom Dezember 1993 verfasste er mit 56 Jahren ein geistliches Testament, in dem er um Differenzierung wirbt und den künftigen Tätern verzeiht. Die Katholische Nachrichten-Agentur (KNA) dokumentiert es in Auszügen:

"Mein Leben hat keinen höheren Preis als ein anderes, aber auch keinen geringeren"

"Wenn es mir eines Tages zustoßen sollte - das könnte schon morgen geschehen -, dass ich zum Opfer von Terrorismus werde, der sich inzwischen auch gegen alle Ausländer in Algerien zu richten scheint, dann möchte ich, dass meine Mitbrüder, meine Kirche und meine Familie sich daran erinnern, dass mein Leben Gott und diesem Land geschenkt war. (...) Sie sollen diesen Tod in Zusammenhang mit so vielen anderen Toden sehen, die ebenso gewaltsam waren, doch in der Gleichgültigkeit unserer Tage namenlos geblieben sind.

Mein Leben hat keinen höheren Preis als ein anderes, aber auch keinen geringeren. (...) Ich habe lange genug gelebt, um zu wissen, dass auch ich Komplize jenes Bösen geworden bin, das leider die Oberhand in der Welt zu behalten scheint; Komplize sogar dessen, der mich einst erschlagen wird. Ich will, wenn dieser Moment gekommen ist, die ruhige Klarheit haben, dass ich um die Verzeihung Gottes und meiner Mitmenschen bitten darf. Aber auch, dass ich jenem von Herzen vergeben kann, der mich töten wird.

Wichtig ist mir zu sagen: Ich kann mir einen solchen Tod nicht wünschen. Wie könnte ich mich freuen, dass dieses Volk, das ich liebe, ohne jeden Unterschied wegen meiner Ermordung angeklagt werden wird? Was man zuweilen als 'Gnade des Martyriums' bezeichnet, ist zu teuer bezahlt, wenn man sie einem Algerier schuldet - wer immer er auch sei; vor allem wenn er sagt, er handele aus Treue zu dem, was er als den Islam ansieht.

"Auch du bist eingeschlossen, Freund meines letzten Augenblicks"

Ich weiß sehr gut, wie sehr man die Gesamtheit der Algerier verachtet. Ich kenne auch jene Zerrbilder des Islam, die durch islamistischen Fundamentalismus hervorgerufen werden. Es ist leicht, sein Gewissen zu beruhigen, indem man den religiösen Weg des Islam mit fundamentalistischem Integrismus und mit Extremisten gleichsetzt. Algerien und der Islam sind für mich etwas anderes; sie sind wie Leib und Seele! (...)

Mein Tod scheint jenen Recht zu geben, die mich vorschnell als naiv oder zu idealistisch gehalten haben. (...) Doch sie müssen auch wissen, dass nun auch meine brennendste Neugier zufriedengestellt sein wird: Nun werde ich, wenn es Gott gefällt, meinen Blick mit jenem des Vaters vereinen dürfen (...)

In meinen Dank, mit dem nun alles über mein Leben gesagt ist, schließe ich euch ein, Freunde von gestern und von heute (...), hundertfach hinzugeschenkt, wie es versprochen war. Und auch du bist eingeschlossen, Freund meines letzten Augenblicks, der du nicht weißt, was du tust! Auch für dich will ich jenen Dank und jenes Adieu - zu Gott -, das du so wolltest. Möge es uns geschenkt sein, dass wir uns einst glücklich im Paradies wiedersehen, wenn es Gott, unser beider Vater, so gefällt. Amen - inschallah."

Das Kloster von Tibhirine in Algerien  (VN)
Das Kloster von Tibhirine in Algerien / ( VN )
Die Trappistenmönche von Tibhirine (VN)
Die Trappistenmönche von Tibhirine / ( VN )
Quelle:
KNA
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