Das Grün

Der Grundton des Sommers

Hinaus ins Grüne! – Dieser Satz signalisiert Frühling, Sommer, Erholung, Wohltat! Und in der Tat: Es ist das Laub von Bäumen und Gesträuch, das der Sommerzeit ihren eigentlichen Farbton verleiht: die Farbe Grün.

Kirschblüte und zartes Grün / © St.Q.
Kirschblüte und zartes Grün / © St.Q.

Was für eine Blütenpracht in diesem April, in dieser Osterzeit! Ostern so spät und die Blüte so früh, da füllte sich ein Blütenmeer, das in diesem Reichtum selten ist. Aber es macht auch ein wenig unruhig, denn so schnell wie die Blüten kommen, so schnell vergehen sie auch, längst schon blühen Glyzinie und Flieder, Rhododendron und Prachtspiere. Frühling und Frühsommer kommen im Galopp daher. Die Blüten bringen Staunen, Freude, schüren Emotionen – aber für die Ruhe, für die Dauer und Gelassenheit der Sommerzeit, für das sich Fallen-lassen-Können in die Milde und Wohltat dieser Zeit, in die Selbstverständlichkeit der Sommermonate ist nicht die Blütenpracht zuständig, sondern – das Grün. Das Grün der Bäume und Sträucher, der Grundton des Sommers.

Farbe der Hoffnung

Grün gilt als die Farbe des Lebens, als die Farbe der Hoffnung und Zuversicht. Dort wo es Grün ist, gibt es Schatten und Wasser, dort können wir säen und ernten. Grün steht für Stimmigkeit und Normalität; wenn alles im „grünen Bereich“ ist, fühlen wir uns wohl; bei Grün dürfen wir ohne Sorgen über die Ampel gehen; leuchtet das Lämpchen grün, dann ist der Akku geladen, dürfen wir reden, fährt der Zug los, ist einfach alles in Ordnung.

Dieses Einverständnis hat seinen Ursprung in der Wiederkehr des Grüns im Frühling. Das englische Wort für wachsen „grow“ hat denselben Wortstamm wie das Grün. Zaghaft und hellgrün sprießt das erste Grün an Laub und Strauch, mal keck wie Tänzerinnen, so am Mispelbaum, mal bedeutungsschwer wie bei der Kastanie. Mal lugt das erste Grün verzagt aus den Blüten hervor wie bei der Kirsche, mal lässt es sich vornehm Zeit wie bei der Buche. Immer ist es das Chlorophyll, das im Laub das Grün hervorzaubert und fortan für den Kreislauf des Lebens in der Pflanze sorgt – einen ganzen Sommer lang.

Grün kann auch giftig sein

Doch es gibt auch das giftige Grün. Lange Zeit ließ sich die Farbe Grün als Anstrich für die Wände nur mit giftigen Pigmenten herstellen. Das kupfer- und arsenhaltige „Schweinfurther Grün“ war im 19. Jahrhundert weit verbreitet. Bis es schließlich verboten wurde, weil ein Arzt die grünen Tapeten als Ursache für die Vergiftungssymptome seiner Patienten entdeckte. Die Produzenten machten aus der Not eine Tugend. Statt als Farbe auf die Tapete kam es als Pflanzenschutzmittel auf den Acker. Schweinfurther Grün wurde so eines der ersten chemisch hergestellten Insektizide.

Einst war die Liebe grün

Das ist Gott sei Dank vorbei. Heute ist man allenfalls grün hinter den Ohren oder grün vor Neid. Ansonsten aber steht das Grün seit dem Mittelalter für die Hoffnung und für die Liebe. Hildegard von Bingen hat dieser Farbe eine so existenzielle Bedeutung zugemessen, dass sie den Begriff der Viriditas, der Grünkraft, entwickelte. Diese in allem steckende Grundkraft war nach ihrer Ansicht die Basis jeder Heilung. Und das Grün war im Mittelalter die Farbe der Liebe. Die Minne, der Mai, das Grün – all das war eins, die Geliebte trug ein grünes Kleid.
Das schützte allerdings nicht vor Liebesschmerz, so wie im berühmten und äußerst melancholischen Lied vom grünen Kleid „Greensleeves“ besungen:

Greensleeves was all my joy
Greensleeves was my delight
Greensleeves was my heart of gold
And who but my lady greensleeves?

(Greensleeves war all mein Freud'
Greensleeves war mein Entzücken
Greensleeves war mein golden Herz
Wer sonst außer meiner Lady Greensleeves?)

(Claudia Vogelsang / St.Q.)

Buchtipp:
Wer sich in viele schöne Verse über das Grün des Sommers vertiefen will, findet sie in dem Reclam Bändchen "Grüne Gedichte"