Das Gebetsanliegen des Papstes für den März dieses Jahres spricht sicher vielen Menschen aus dem Herzen. Es steht damit in einer alten Tradition, denn schon das Volk Israel hegte die Hoffnung, dass Gott selbst den Frieden in die Welt bringen werde.
So heißt es im Buch Micha: "Er wird Recht schaffen zwischen vielen Völkern und mächtige Nationen zurechtweisen bis in die Ferne. Dann werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen um schmieden und ihre Lanzen zu Winzermessern. Sie erheben nicht mehr das Schwert, Nation gegen Nation, und sie erlernen nicht mehr den Krieg."
Viele wollen den Frieden suchen, aber es soll ein gerechter Friede sein, der die eigenen Interessen wahrt. Auch diese Tendenz ist bereits im Alten Testament erkennbar, wenn Propheten das Gericht über die Feinde ankündigten.
Im Buch Joel gibt es sogar eine spiegelbildliche Aussage zur berühmten Micha-Stelle: "Ruft dies aus unter den Völkern: Bereitet euch zum Heiligen Krieg! [...] Macht aus euren Pflugscharen Schwerter und aus euren Sicheln Spieße! Der Schwächling sage: Ein Held bin ich!"
Wenn bei Abrüstung Gefahr droht
Aber kann man von Völkern, die sich durch mächtige Nachbarn bedroht sehen, wirklich eine "wirksame Abrüstung" verlangen, ohne sie in Gefahr zu bringen? Auf Drängen Russlands und der NATO-Staaten verzichtete die Ukraine 1994 auf ihre aus der Sowjetzeit stammenden strategischen Atomraketen und gab sie gegen die Zusicherung ihrer territorialen Integrität an Moskau ab – ein Fehler, wie manche Ukrainer 2014 und erst recht 2022 dachten.
In den vergangenen Jahren setzen sich pazifistisch denkende Menschen zunehmend dem Verdacht aus, die Realität zu verleugnen und sogar der Gewalt Vorschub zu leisten – ein Vorwurf, der bereits im Kalten Krieg eine große Rolle spielte. Nicht umsonst behauptete damals CDU-Politiker Heiner Geißler, der Pazifismus habe Auschwitz erst möglich gemacht.
Die Logik des Krieges
Als 1914 die mächtigsten Staaten Europas gegeneinander in den Krieg zogen, erklärten alle beteiligten Regierungen, nur das Lebensrecht des eigenen Volkes verteidigen zu wollen. Aus zahlreichen Feldpostbriefen und Tagebucheintragungen ist heute bekannt, dass viele Menschen diese Einschätzung teilten und sich in einem gerechten Existenzkampf wähnten.
Der jeweilige Gegner hatte für sie alle Schuld auf sich geladen; territoriale Zugewinne für das eigene Land und eine ansehnliche Kriegsentschädigung sollten den vielen Mühen einen Sinn verleihen. Als 1916 und 1917 Friedenssondierungen neutraler Mächte stattfanden – darunter auch eine Initiative von Papst Benedikt XV. – war diese Einstellung ein schweres Hindernis.
Ein "Verzichtsfriede" erschien als Verrat an den unzähligen Opfern auf allen Seiten, der Sieg als Wiederherstellung des Rechts und als Würdigung der Leiden, die so man auf sich genommen hatte.
Der Friede hielt so erst Einzug, als mehrere Länder militärisch besiegt waren. Ist eine solche Haltung wirklich rationaler als die christliche Hoffnung auf Versöhnung und Gottes Geist des Friedens?
Es soll gewiss nicht von oben herab auf Menschen geblickt werden, die von Kriegen betroffen sind und darin standzuhalten versuchen – oder aus dem Abstand eines guten Jahrhunderts darüber ein Urteil fallen, was die Regierungen zwischen 1914 und 1918 hätten besser machen sollen.
Verzerrte Wahrnehmung
Der Blick in die Vergangenheit kann aber vielleicht sensibler dafür machen, dass wir Menschen dazu neigen, die eigenen Vorstellungen für gerecht zu halten und anderen Böses zuzutrauen. Konflikte können schnell eskalieren und nur schwer wieder eingehegt werden. Was wäre wohl eine gerechte Würdigung der Opfer eines Atomkrieges, ein Friede, der nach dem Einsatz dieser unvorstellbaren Waffen als gerecht und dauerhaft erscheinen könnte?
Der Aufruf des Papstes, für wirksame Abrüstung, besonders im nuklearen Bereich, und den Vorrang der Diplomatie vor militärischer Gewalt zu beten, ist also weder naiv noch wohlfeil; er gründet auf der christlichen Hoffnung, dass Gottes Geist die Menschheit auch in der Politik führen und leiten kann und dass Versöhnung sogar dort möglich ist, wo die Feindschaft unüberwindlich wirkt – wie einst zwischen Deutschland und Frankreich.
Eine Vision, wie dies geschehen könnte, hatte der Theologe Dietrich Bonhoeffer. Bei einer Morgenandacht äußerte er 1934 die Hoffnung, "dass die Welt zähneknirschend das Wort vom Frieden vernehmen muss und dass die Völker froh werden, weil diese Kirche Christi ihren Söhnen im Namen Christi die Waffen aus der Hand nimmt und ihnen den Krieg verbietet und den Frieden Christi ausruft über die rasende Welt." Vielleicht kann diese Hoffnung auch der heutigen Zeit eine neue Richtung geben.