Dieses Gefühl für Beständigkeit muss Patriarch Emmanuel III. Delly von seiner Heimaterde haben. Hinter den Handwerkerläden im Ortskern von Tel Kaif ragt der Hügel mit dem Friedhof auf, und unter den Gräbern, zwischen denen im Frühling eine Wiese blüht, ruhen Schicht um Schicht Ruinen aus Epochen. Archäologen fanden eine Bewässerungsanlage des biblischen König Sanherib, Herrscher in Ninive ein paar Kilometer den Tigris abwärts.
Von der Anhöhe sieht man Kirchtürme. Tel Kaif ist ein Zentrum der chaldäischen Katholiken. Wenn Patriarch Delly immer wieder betont, die Christen gehörten zum Irak, sagt er das gewissermaßen mit dem Blick vom Friedhofshügel der Stadt, in der er als Sohn einer Familie von Landwirten am 27. September 1927, vor 85 Jahren, geboren wurde. Seitdem ist Tel Kaif gewachsen - und die Christengemeinde geschrumpft. Zu Tausenden wanderten sie nach Bagdad, San Diego oder Detroit aus.
Sein Weg führte ihn auch nach Rom
Delly verließ Tel Kaif als Jugendlicher, um Priester zu werden, zuerst nach Mossul, dann nach Rom. An der Päpstlichen Universität Urbaniana schrieb er eine Arbeit über den muslimischen Philosophen Abu Nasr Al-Farabi. Der Dialog zwischen Islam und Christentum wurde zu einem seiner Leitthemen.
Im Frühjahr 1960 kam er an den Patriarchatssitz in Bagdad, und dieser Dienststelle blieb er treu bis zur Pensionierung, mit jener ruhigen Unveränderlichkeit, die er aus Tel Kaif kannte. Dabei war die Arbeit durchaus nicht eintönig: Der damals neue Patriarch Paul II. Cheikho brauchte einen Priester als rechte Hand. In Delly fand er einen sprachgewandten Akademiker mit weltkirchlicher Erfahrung. Cheikho sandte ihn, inzwischen Bischof, zu Konferenzen und Visitationen in die arabischen Nachbarländer und den Rest der Welt. Der Vatikan suchte Dellys Fachkenntnis bei der Revision des Rechtskodex für die Ostkirchen.
Rückkehr in den Irak als Pensionär
Ein reiches Berufsleben ging zu Ende, als Delly im Oktober 2002 mit 75 Jahren seine Ämter niederlegte. Vier Monate später begann der Krieg. In den ersten Tagen der US-Offensive detonierte eine Bombe beim Patriarchatsgebäude. Delly, der dort jetzt als Pensionär lebte, wurde leicht verletzt. Im Juli 2003 verstarb Patriarch Raphael I. Bidawid. Die Invasion war vorüber, Saddam Hussein auf der Flucht, das Land vor einer ungewissen Zukunft und die Kirche führungslos.
In dieser Lage rief Papst Johannes Paul II. die chaldäischen Bischöfe Anfang Dezember nach Rom, um einen neuen Patriarchen zu wählen. Delly zählte nicht zu den Favoriten. Aber es schien jemand vonnöten, der die Kirche des Landes lange und gut kannte, über breite Erfahrung verfügte und natürliche Autorität besaß. Das zeichnete Delly vor allen Jüngeren aus. Sie wählten ihn als Übergangskandidat.
Übergangskandidat legt Gewicht auf nationale Einheit
Als solcher leitet Patriarch Emmanuel III. seitdem die Kirche mit ihren vielleicht 280.000 Mitgliedern. Er legt Gewicht auf nationale Einheit. Wenn die Muslime gute Muslime seien und dem Koran folgten, Christen hingegen gute Christen seien und dem Evangelium folgten, dann gebe es keine Probleme, sagte er nach seiner Wahl. Bei anderer Gelegenheit sprach er auch von einem "Leidensweg" der Christen im Irak. Zu den schwersten Momenten zählte, als er seinen Heimat-Erzbischof Paul Faraj Rahho aus Mossul beerdigen musste. Im Februar 2008 wurde er verschleppt; nach Wochen der Ungewissheit fand man ihn tot.
Delly hat einen Draht zum fast gleichaltrigen Benedikt XVI., und dieser hört auf ihn, seine Einschätzungen zum islamischen Fundamentalismus und zur Zukunft des interreligiösen Dialogs. 2007 erhob der Papst Delly zum Kardinal; statt des Biretts erhielt er einen purpurroten Schaschtak, die traditionelle chaldäische Kopfbedeckung.
Beim Empfang zur Kardinalsernennung im Vatikan umringten junge Chaldäerinnen und Chaldäer ihren Patriarchen, sangen und klatschten, bevor sie ihn fahnenschwenkend über den Petersplatz geleiteten. Der schmächtige, betagte Mann ließ sich mit freundlicher Geduld feiern, wie im Bewusstsein der tausendjährigen Geschichte des alten Hügels von Tel Kaif.
Das chaldäische Kirchenoberhaupt Emmanuel III. Delly wird 85
Ein zweites Leben als Patriarch
Der Dialog zwischen Islam und Christentum gehört zu seinen Leitthemen: Patriarch Emmanuel III. Delly, das Kirchenoberhaupt der chaldäischen Christen feierte am Donnerstag seinen 85. Geburtstag. Geboren wurde er in der Nähe von Mossul. Immer wieder betont er, dass die Christen zum Irak gehören.
Share on