In Haifa zieht die 100. Marienprozession Tausende an

Dankbar den Berg hinauf

Im Ersten Weltkrieg soll Maria Haifa und ihre Bewohner vor Schaden bewahrt haben. Zum Dank ziehen Christen jedes Jahr mit einer Statue der Gottesmutter zum Karmelberg. Jetzt jährte sich die Prozession zum 100. Mal.

Autor/in:
Andrea Krogmann
Marienprozession in Haifa / © Andrea Krogmann (KNA)
Marienprozession in Haifa / © Andrea Krogmann ( KNA )

Kein Bewohner von Haifa nahm im Ersten Weltkrieg Schaden. Für den Schutz machten die einheimischen Christen die Gottesmutter Maria verantwortlich - und trugen "Unsere Liebe Frau vom Carmel" aus ihrem Kriegsexil in der Haifaer Altstadt zurück in "ihr" Kloster Stella Maris am Fuß des Karmelgebirges. Aus dem Dankeszug wurde eine Tradition, die bis heute jedes Jahr tausende Pilger anzieht. Nach Palmsonntag in Jerusalem soll es die größte christliche Prozession in Israel sein.

Von Kerem-El, dem Garten Gottes, kommt der Name für den über 30 Kilometer langen Bergrücken aus Kreidekalk. Sanft steigt er von Südosten kommend an, bis er in Haifa, kurz hinter Stella Maris, unvermittelt zum Meer hin abfällt. Als "Berg Gottes" galt er seit alters her. Am Karmel soll der Prophet Elijah gegen die Propheten Baals gekämpft und hier soll er sich vor König Ahab versteckt haben.

Orden der Karmeliter

Hier entstand im 12. Jahrhundert der Orden der Karmeliter, die das Heilige Land bald wieder verlassen mussten. Erst im 19. Jahrhundert konnte die Gemeinschaft zurückkehren und mit dem Bau des Klosters beginnen, das sich heute über den Berg und die Höhle des Elijah erstreckt.

Noch einmal mussten die Karmeliter ihr Kloster verlassen, im Ersten Weltkrieg, auf Geheiß der osmanischen Behörden. Sie brachten sich, das liturgische Gerät und die Marienstatue in einer Pfarrei in der Bucht von Haifa in Sicherheit. Ein knappes Jahr nach Kriegsende zogen Maria und die Brüder 1919 zurück auf den Karmel, begleitet von Haifas Bewohnern und ihren Gebeten. Bis heute wird beim "Aufstieg Mariens", wie das Fest bei den arabischen Christen heißt, eine Replik dieser Statue zum Karmel gebracht.

Schweiß steht auf der Stirn der zahlreichen Teilnehmer, die den Wagen mit der Marienstatue ziehen, nicht nur wegen der sommerlichen Temperaturen, die in dieser Jahreszeit in der israelischen Küstengegend herrschen. Der Aufstieg nach Stella Maris ist eine Herausforderung: Gut 160 Höhenmeter gilt es auf dem rund drei Kilometer langen Prozessionsweg zu überwinden, vorbei an der Templerkolonie und an den Bahai-Gärten, den Blick über das Häusermeer, den Hafen und die Bucht. Pfadfindergruppen mit Trommeln und Dudelsack geben den Takt, und je stärker die Steigung wird, desto lauter und rhythmischer erklingen die Mariengebete.

Haifa ganz im Zeichen Mariens

Hellblaue Schals mit Mariendarstellungen, große und kleine Christinnen in marianischem Gewand, ein überdimensionaler Rosenkranz auf weiß-blauen Luftballons: Die multireligiöse Stadt Haifa steht an diesem Tag ganz im Zeichen Mariens. Die Prozession zum Karmel gehöre zu ihnen wie Maria zu Jesus, sagen die beiden Christinnen Faiza und Suhair.

Anders als zu Palmsonntag in Jerusalem sind es vor allem einheimische Christen, die sich aufgemacht haben. Auch Mathilda aus Nazareth kommt jedes Jahr zur Prozession nach Haifa, "um Maria zu danken für ihren Schutz". Als Haifa im Ersten Weltkrieg von französischen und britischen Schiffen unter Beschuss geriet, soll die Gottesmutter vom Karmel die schützende Hand über die Hafenstadt und ihre Bewohner gehalten haben.

Dass Schutz und Beistand in der von verschiedenen Konflikten geprägten Region auch hundert Jahre später noch dringend benötigt werden, betonte der Leiter des Lateinischen Patriarchats in Jerusalem, Erzbischof Pierbattista Pizzaballa, in seiner abschließenden Ansprache. "In diesen Tagen bitten wir besonders für unsere Brüder und Schwestern im Süden des Landes um Schutz", sagte er zu der feiernden Menge auf dem Klostervorplatz. Dort, an der Grenze zum Gazastreifen, forderte die jüngste Gewalteskalation seit Samstag auf beiden Seiten Menschenleben.

Prozession

Prozessionen (lat. voranschreiten) sind feierliche Umzüge aus religiösem Anlass, verbunden mit Gebet und Gesang. Am bekanntesten ist die Prozession an Fronleichnam. Bei den Christen entstanden Prozessionen aus dem bürgerlichen Brauchtum. Selbst in Verfolgungszeiten durften Tote in Prozessionen zum Begräbnis geleitet werden; seit der Zeit des Kaisers Konstantin (306-337) wurden Papst und Bischöfe wie hohe Staatsbeamte zu ihrem Sitz in der Kathedrale geleitet.

Ministranten schwenken bei einer Fronleichnamsprozession in Köln Weihrauchfässer. / © Bilderstoeckchen (shutterstock)
Ministranten schwenken bei einer Fronleichnamsprozession in Köln Weihrauchfässer. / © Bilderstoeckchen ( shutterstock )
Quelle:
KNA