Liturgiewissenschaftler hält Präsenz-Gottesdienste für unverzichtbar

"Da kommen komische Diskussionen auf"

Keine Messe ohne Kommunion. Aber wie soll das bei Online-Gottesdiensten funktionieren? Für Alexander Saberschinsky steht fest: Krampfhaft ins Internet zu übersetzen, was im Kirchenraum passiert, kann nicht die Lösung sein.

Symbolbild Gestreamter Gottesdienst / © Corinne Simon (KNA)
Symbolbild Gestreamter Gottesdienst / © Corinne Simon ( KNA )

DOMRADIO.DE: Könnte es im Rahmen von Online-Gottesdiensten auch eine Wandlung von Brot und Wein direkt vom Altar über den Bildschirm nach Hause geben? So eine Art "Fern-Segnung" mit Wandlung des Brotes auf dem Esstisch?

Prof. Alexander Saberschinsky (Dozent der Erzbischöflichen Bibel- und Liturgieschule Köln und Referent für Liturgie in der Hauptabteilung Seelsorge im Erzbischöflichen Generalvikariat): Schön wäre es. Über die Frage scheiden sich tatsächlich die Geister. Die Frage ist sofort aufgeploppt beim ersten Lockdown, der ja genau auf Ostern fiel. Und da wurde das zuerst in der evangelischen Kirche aufgegriffen und auch praktiziert und hat dann aber auch Wellen geschlagen bis in die katholische Kirche. Wie gesagt, die Geister scheiden sich.

Einen Vorschlag hab ich mal gesehen oder gehört bei einem katholischen Fernsehgottesdienst im ZDF, als der Hauptzelebrant vorgeschlagen hat, Brot und Wein vor den Monitor zu stellen. Die wären dann nicht gewandelt, aber gesegnet – also eine interessante Abstufung, die er da vornimmt.

Das suggeriert die Vorstellung, als ob es jetzt hier um die Frage ging: Wie weit reicht die Konsekrationsvollmacht, also die Wandlungskraft des Priesters? Vom großen Altar geht das bestimmt. Aber geht das auch noch bis auf einen Altar, der etwas weiter weg ist? Und jetzt die Frage: Geht das halt auch noch übers Internet auf die Ferne? Und dann kommt der Eindruck auf – wenn ich sage, das ist dann nicht gewandelt, aber gesegnet, also so eine Wandlung "light" – wenn da so viel Kraft verloren geht unterwegs, dann bleibt noch ein bisschen Segen über. Also da kommen ganz komische Diskussionen auf.

Und deswegen würde ich auch anders ansetzen und nicht so dogmatisch argumentieren. Sondern als Liturgiewissenschaftler würde ich eher von der Feier her gucken. Und da muss ich dann sagen, das Zeichen des Mahles funktioniert –so wie es in der Eucharistiefeier vor Ort gefeiert wird – über das Internet nicht mehr.

Denn das Zeichen ist ja eigentlich, dass das eine Brot genommen wird. Es wird gebrochen und unter die vielen verteilt, damit die zu einer Einheit in Christus zusammenwachsen können. Also haben alle Anteil am Zeichen diesen einen gebrochenen Brots. Und was machen wir, wenn wir zu Hause Brot und Wein vor den Monitor stellen? Jeder bringt das, was er selber zu Hause hat und isst auch sein Eigenes.

Und da, wenn wir in die Bibel gucken, hat der Paulus schon die Korinther für ausgeschimpft. Da haben nämlich die Reichen das gegessen und getrunken, was sie sich mitgebracht haben, anstelle das untereinander in der Gemeinschaft zu teilen. Und da hat er gesagt, das ist nicht mehr die Eucharistie, die ihr hier feiert.

Daran erinnert mich das. Ich wäre der Meinung, wir müssten dann andere Zeichen suchen und nicht versuchen, krampfhaft das ins Internet zu übersetzen, was in der Kirche im Kirchenraum funktioniert.

DOMRADIO.DE: Der Segen oder die Wandlung auf digitalem Weg ist schwierig. Aber was für Möglichkeiten bieten Online-Gottesdienste denn?

Saberschinsky: Da ist ja einiges möglich. Es ist auch einiges nicht möglich, aber es gibt ja andere Zeichen. Einmal gibt es dann so Sachen, die sich kreative Menschen – und das meine ich jetzt positiv – ausgedacht haben.

Also Gemeinden zum Beispiel haben kleine Gottesdienst-Care-Pakete an die Haushalte geschickt, die sich dafür interessiert haben. Da war zum Beispiel eine Kerze drin. Und dann wusste man im Gottesdienst – das war so verabredet –jetzt zünden alle, die hier mitfeiern, zu Hause bei sich – und teilweise konnte man es auf den Monitoren sehen – diese Kerze an, die alle gemeinsam haben. Das ist zum Beispiel so ein schönes Zeichen.

Aber ich finde, gerade wenn ich doch übers Internet verknüpft Gottesdienst feiere, dann gibt es doch noch mal ganz medienspezifische Chancen, die man ausnutzen sollte.

Was mich zum Beispiel mal sehr berührt hat bei einem Gottesdienst ist, dass man die Möglichkeit hatte, über die Chat-Funktion seine Gebetsanliegen live zu übermitteln und die wurden dann – wahrscheinlich gab es noch mal so eine kleine Redaktion im Hintergrund – live an der Seite eingeblendet, während der Priester gebetet hat. Aber ich wusste in dem Augenblick, was für Gebetsanliegen zum Beispiel Familie S. hatte. Oder Martin. Ich habe keine Ahnung, wer Martin war, aber ich fühlte mich in diesem Augenblick diesem anonymen Martin verbunden und hatte das ganz starke Gefühl, wir sind eine Gebetsgemeinschaft.

Und der Clou ist, wenn ich sonntags in der Kirche sitze, präsentisch im Kirchenraum: Ich weiß nicht, was die rechts und links an privaten Anliegen beten. Also hier werden sogar über das Internet auf einmal Dinge möglich, die in so einem Kirchenraum gar nicht möglich sind. Und das Schöne ist, da kommen die Knackpunkte von Liturgie zu tragen, zum Beispiel Communio, Gemeinschaft.

DOMRADIO.DE: Also die Gemeinschaft, in der dann die Menschen eingebunden werden können. Was für Herausforderungen ergeben sich denn da für das Kirchenpersonal?

Saberschinsky: Ich glaube, das ist sehr unterschiedlich. Das hängt vom Setting ab.

Wenn es mir vor allen Dingen darum geht, die Menschen in meiner Gemeinde – zum Beispiel in so einer Lockdown-Situation – zu erreichen, die ich sonst nicht sehen kann, die mich nicht sehen können, dann ist es nicht so wichtig, dass ich eine hochprofessionelle Performance hinlege und dass die Übertragung tadellos ist und mit einem ZDF-.Fernsehgottesdienst konkurrieren kann. Das kriegen wir ohnehin nicht hin, wenn man sieht, was die für einen logistischen Aufwand betreiben.

Da kommt es eher auf die Nähe an. Ich sehe meinen Pfarrer und fühle mich mit ihm verbunden. Und dann ist diese persönliche Note wichtiger als ein professionelles Agieren.

Wenn allerdings Menschen überlokal einschalten oder ich Menschen nicht nur aus meiner Gemeinde erreichen will, die mich nicht mehr persönlich kennen, dann muss ich immer professioneller werden. Denn wenn wir dann hinter den Sehgewohnheiten der Menschen zurückbleiben, dann kommt das schlichtweg dilettantisch rüber. Und das Entscheidende ist, man spürt nicht die Feieratmosphäre, die ohnehin schwer zu vermitteln ist.

DOMRADIO.DE: Bei allen Neuerungen: Warum bleiben denn Präsenz-Gottesdienste trotzdem so wichtig?

Saberschinsky: Ja, das würde ich gern an dem Begriff "Präsenz" festmachen. Weil wir Menschen ja alle nur in unserem Leib präsent sind. Auch wenn wir zwar jetzt über so ein Medium sprechen (Anm. d. Red.: Das Interview wurde per Videoanruf geführt.), aber mich gibt es ja nicht ohne meinen Leib. Der sitzt zwar vor dem Monitor, aber der bleibt ja irgendwie doch ein Stück weit draußen.

Ich bin ja auch bei einem Online-Gottesdienst präsent, vor allen Dingen geistig präsent, aber körperlich kann ich da nicht so viel machen. Da kann ich im Kirchenraum mehr machen.

Und das ist doch eigentlich die Stärke gerade unserer katholischen Liturgie, dass sie so konkret wird, dass sie so sinnlich ist, dass sie den Menschen mit seiner Leiblichkeit ernst nimmt. Nicht nur die Sakramente, sondern unsere ganze Liturgie hat ja so was sakramentales, indem sie mit konkreten Zeichen arbeitet.

Und es ist auch einfach wichtig, sich als Gemeinschaft, die den Leib Christi bildet – da kommt das Wort Leib auch schon wieder rein – sich auch einfach mal konkret mit meinem Leib, mit meinen Sinnen zu erleben. Und deswegen glaube ich, Präsenz-Gottesdienste sind nach wie vor völlig unverzichtbar. Es wäre toll, wenn wir diese pastorale Chance dieser neu gewachsenen Online-Gottesdienste zusätzlich nutzen würden. Vielleicht sogar beides zusammen.

Das Interview führte Katharina Geiger.

Prof. Alexander Saberschinsky / © Tomasetti (DR)
Prof. Alexander Saberschinsky / © Tomasetti ( DR )
Quelle:
DR