Zehn Alpenpässe über 2.000 Meter

Da berühren sich Himmel und Erde

Noch ist unklar, wie sich das Reisen in der Sommersaison gestaltet. Aber Träumen wird man wohl noch dürfen - von Traumzielen wie diesen: den großen Alpenpässen über 2.000 Meter. Über den Wolken soll die Freiheit ja bekanntlich grenzenlos sein.

Autor/in:
Joachim Heinz
Großglockner Hochalpenstraße / © Harald Oppitz (KNA)
Großglockner Hochalpenstraße / © Harald Oppitz ( KNA )

Col de l'Iseran - Bettenburgen und Madonna (2.764 Meter; Frankreich)

Alpträume in Beton säumen den höchsten überfahrbaren Alpenpass. Abseits von Bettenburgen wie Tignes entschädigt die großartige Landschaft für manche Bausünde. Auf der Passhöhe dann eine Kapelle mit einer imposanten Madonnenfigur des belgischen Künstlers Edgar Delvaux.

Stilfser Joch - 48 Kehren zum Glück (2.758 Meter; Italien)

Die "Königin der Passstraßen" gehört unter Rennradlern zu den begehrtesten Trophäen. Die Nordostrampe von Prad führt in 48 nummerierten Kehren auf den Scheitelpunkt. Oben dann tummeln sich die Touristen auf dem laut eigenen Angaben größten Sommerskigebiet der Alpen.

Col Agnel - In der Bauernrepublik (2.746 Meter; Italien/Frankreich)

Abseits der großen Verkehrsströme verbindet der gut ausgebaute Col Agnel das italienische Varaita-Tal mit dem französischen Queyras. Die Gegend führte lange Zeit ein Eigenleben. Der "Bund von Briancon" begründete zwischen 1343 und 1713 eine Art "Bauernrepublik", in der die adeligen Grundherren einen Großteil ihrer Rechte abgaben. Vom Selbstbewusstsein der Talbewohner zeugen heute noch schmucke Ortskerne.

Col du Galibier - Europas höchste Ampelanlage (2.645 Meter; Frankreich)

Vor allem in den oberen Abschnitten bietet der Galibier das ganz große Bergpanorama - bis hin zum Mont Blanc. Sportbegeisterte finden hier außerdem ein Denkmal von Tour-de-France-Erfinder Henri Desgranges. Fun Fact zum Scheiteltunnel, der etwas unterhalb der eigentlich Passhöhe verläuft: Hier wird der Verkehr laut Internet-Enzyklopädie Wikipedia per Ampel geregelt, "mit ihrer Lage auf 2.556 Metern Höhe die höchstgelegene Lichtsignalanlage Europas".

Großglockner Hochalpenstraße - Die Legende vom heiligen Blut (2.504 Meter; Österreich)

Von Murmeltieren bis zu Gletscherwelten: Die 1935 eröffnete Großglockner Hochalpenstraße bietet alles, was das Herz von Bergfreunden begehrt. Schätzungsweise 900.000 Touristen im Jahr gefällt das. Zu den frühen Besuchern gehörte 914 ein gewisser Briccius, der einer Legende zufolge ein Fläschchen mit dem Blut Christi aus Konstantinopel bei sich führte. Der einsame Wanderer verunglückte in der Gegend; später fanden Bauern den Leichnam samt der Ampulle. So kam der an der Passstraße gelegene Ort Heiligenblut zu seinem Namen.

Timmelsjoch - Unter Schmugglern (2.474 Meter; Österreich/Italien)

Im ausgehenden Mittelalter buckelten schwer beladene "Kraxenträger" wertvolle Waren durch die wilde Landschaft der Ötztaler Alpen. Selbst die berühmte Kaufmannsdynastie der Fugger soll die Verbindung genutzt haben, genauso wie jede Menge Schmuggler. An letztere erinnert der Südtiroler Architekt Werner Tscholl mit einer seiner fünf begehbaren Skulpturen der 2011 fertiggestellten "Timmelsjoch Erfahrung". Ein weiteres Highlight: die spektakuläre Trassenführung auf italienischer Seite.

Großer Sankt Bernhard - Auf den Hund gekommen (2.469 Meter; Schweiz/Italien)

Ein im Mittelalter gegründetes Hospiz der Augustiner-Chorherren machte den Pass später weltweit bekannt. Das hängt mit der seit dem ausgehenden 17. Jahrhundert bezeugten Hundezucht zusammen. Als Lawinenspürhunde haben die Bernhardiner längst den Rang eines "nationalen Symbols", wie das "Historische Lexikon der Schweiz" festhält.

Furkapass - Bedrohtes Naturwunder (2.429 Meter; Schweiz)

Ein beklemmendes Gefühl stellt sich bei der Fahrt auf den Furkapass ein. Am Rhone-Gletscher offenbaren sich die Folgen des Klimawandels besonders deutlich. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts zieht sich die Eiszunge immer weiter zurück - und könnte zum Ende des Jahrhunderts ganz verschwinden. Noch allerdings können Besucher in einer Eisgrotte dem Gletscher in die Innereien schauen.

Pordoi-Joch - Krieg und Kitsch (2.239 Meter; Italien)

Zusammen mit Campolongo-Pass, Grödner Joch und Sella-Joch Teil der Fantastischen Vier rund um das Sella-Massiv in den Dolomiten. Auf dem Scheitelpunkt die übliche Ansammlung von Souvenirbuden. In scharfem Kontrast dazu erinnert ein kleinen Museum an den heute kaum mehr bekannten Horror der Stellungskämpfe in den Alpen im Ersten Weltkrieg. Etwas abseits der Passhöhe erhebt sich eine Gedenkstätte mit Überresten von 8.582 österreichischen und deutschen Toten aus jener Zeit.

Sankt Gotthard - Heiliger aus Hildesheim (2.106 Meter; Schweiz)

Schweizer Mythos, gigantischer Verkehrsknotenpunkt sowohl oberirdisch als auch unterirdisch mit dem derzeit längsten und modernsten Eisenbahntunnel der Welt. Dafür führt auf der alten Passstraße der Weg hinunter ins Tessin durch die kopfsteingepflasterte Tremola, das "Tal des Zitterns". Der Namenspatron stammt aus einer ganz anderen Ecke: der heilige Godehard (960-1038), Bischof von Hildesheim.


Quelle:
KNA