Warum republikanische Präsidenten auf katholische Richter setzen

Coney Barrett für Supreme Court bestätigt​

Eine Woche vor der Präsidentenwahl hat der US-Senat die Juristin Amy Coney Barrett für den Supreme Court bestätigt - die sechste Katholikin am Obersten US-Gericht. Das hat vor allem mit Angebot und Nachfrage zu tun.

Donald Trump applaudiert für Amy Coney Barrett / © Patrick Semansky (dpa)
Donald Trump applaudiert für Amy Coney Barrett / © Patrick Semansky ( dpa )

Sie sind die verlässlichste Basis der Republikaner und die treuesten Anhänger von Präsident Donald Trump. Aber obwohl die Besetzung des Supreme Court für viele Evangelikale das wichtigste Thema bei den Wahlen ist, kommt nicht ein einziger Verfassungsrichter aus ihren Reihen.

Und auch die Vakanz nach dem Tod der liberalen Richterinnen-Ikone Ruth Bader Ginsburg ist nun durch eine Katholikin gefüllt worden: Amy Coney Barrett wurde am späten Montag (Ortszeit) vom US-Senat mit knapper republikanischer Mehrheit von 52 zu 48 Stimmen bestätigt und bereits vereidigt. Die Katholikin Nummer sechs im neunköpfigen Richterteam.

Katholiken dominieren den Supreme Court

Kurioserweise dominieren Katholiken den Supreme Court - oft nominiert durch republikanische Präsidenten. Joshua Wilson hat dafür eine einfache Erklärung: "Es geht um Angebot und Nachfrage", so der Politologe der Universität Denver. Während es insgesamt nur wenige evangelikale Rechtsgelehrte gebe, stehe das katholische Angebotsregal voll mit qualifizierten "Top-Juristen".

Wahre Fundgruben sind die katholischen US-Kaderschmieden von Georgetown und Notre Dame, die eine lange Tradition als Ausbildungsstätten für säkulare Rechtsprechung haben. Die 1870 gegründete Georgetown Law School in Washington gilt als führende Adresse für Verfassungs- und Völkerrecht und ist die älteste jesuitische Rechtsfakultät der USA. Im Ansehen ebenbürtig produziert auch die Notre Dame University in Indiana juristische Spitzenkräfte in Serie.

Mitte des 20. Jahrhunderts investieren Evangelikale in höhere Bildung

Dagegen stehen Juristen bei den Evangelikalen unter dem Verdacht, den Glauben auszuverkaufen. Das hat mit der wörtlichen Auslegung der Bibel zu tun, die Konflikte mit dem weltlichen Recht schafft. Ihr Selbstverständnis sei, so Wilson, geprägt durch eine "Abkehr von der Mainstream-Kultur und ihrer Ablehnung etablierter, elitärer Institutionen".

Erst Mitte des 20. Jahrhunderts investierten Evangelikale mit der Oral Roberts University, der Liberty University oder der Regent University in höhere Bildung. Im Rechtswesen kommen diese Schulen bis heute nicht an ihre katholische oder säkulare Konkurrenz heran.

Evangelikale unterstützen Katholiken aus Mangel an eigenen Kandidaten

Aus Mangel an eigenen Kandidaten begannen die Evangelikalen, Katholiken wie Antonin Scalia zu unterstützen, der 1986 ins Richterkollegium aufrückte. Wilson bezeichnet das als "ideologische Konvergenz". Traditionelle Katholiken vertreten in gesellschaftlichen Streitfragen wie Abtreibung oder "Homo-Ehe" ähnliche Ansichten.

Als katholischer Block traten die Richter allerdings nie in Erscheinung. Tatsächlich standen sie für sehr unterschiedliche Rechtsauffassungen. Der Politologe an der Princeton University, Matthew J. Franck, kategorisiert sie in Verfechter einer "lebendigen" Verfassung und Originalisten, die versuchen, die Verfassung textnah auszulegen. Diese Gruppe hat eine besondere Anziehungskraft auf die Evangelikalen, die bei der Auslegung der Bibel ähnlich vorgehen.

Republikanische Präsidenten setzen auf katholische Juristen

Deshalb setzte jeder republikanische Präsident seit Ronald Reagan bei Richterernennungen auf konservative katholische Juristen. Inhaltlich ging es um das gemeinsame Ziel, das Grundsatzurteil "Roe vs. Wade" des Supreme Court von 1973 zu kippen, das Abtreibung zur Privatsache erklärt hatte.

Der Religionswissenschaftler Randall Balmer von der Universität Dartmouth sagt, die Evangelikalen hätten ihre politischen Ziele an "konservative Katholiken ausgelagert". Daher sei es kein Wunder, dass deren Führer die Supreme-Court-Nominierung der Katholikin Barrett unterstützten.

Mit ihrer Bestätigung hoffen konservative US-Christen, ihren gemeinsamen gesellschaftspolitischen Zielen näher zu kommen. Problematisch an einem konservative Richterkollegium ist der Umstand, dass die Mehrheit am Supreme Court zunehmend in Gegensatz zu den Einstellungen der Bevölkerung zu Abtreibung, LGBT-Rechten und Umwelt steht. Schon in den kommenden Jahren wird die "Generation Z", die Geburtenjahrgänge seit 2000, den größten Wählerblock stellen - und damit zentrale Fragen von Politik und Gesellschaft anders beurteilen als die Hüter der Verfassung.

Autor/in:
Bernd Tenhage
Quelle:
KNA