Christen in Ägypten bezweifeln Versprechen von Salafisten

"Gesellschaft teilt sich weiter"

Monsignore Joachim Schroedel glaubt nicht an ein Entgegenkommen der Islamisten in Ägypten. "Man kann nicht Salafist sein und gleichzeitig Christen umarmen", so der katholische Pfarrer in Kairo im domradio.de-Interview.

 (DR)

domradio.de: Wie bewerten Sie die Aussagen der Salafisten?

Schroedel: Der neue Vorsitzende sagt die Dinge, von denen er meint, dass die Christen sie hören möchten. Man darf dabei aber nicht den Hintergrund vergessen: Die Salafisten sagen gegenüber den Christen immer freundliche Dinge. Aber wenn man Salafist ist, steht man auf der Grundlage des Scharia-Rechts. Und das sagt eindeutig: Man kann nicht Salafist sein und gleichzeitig Christen umarmen. Das ist gelinde gesagt eine Lüge. Da macht er uns überhaupt nichts vor. Wir brauchen nur an den Muslimbruder Mursi (den Präsidenten, die Red.), der zu Beginn seiner Amtszeit auch schöne Dinge über das Christentum gesagt hat, die sich nun nicht erfüllen.

domradio.de: Kopten und Muslime seien gleichberechtigte Bürger, Christen hätten keine Gewalt seitens der Muslime zu erwarten, so der Vorsitzende. Das klingt gut. Kann er denn wenigstens einen Teil dieses Versprechen halten?

Schroedel: Er muss das öffentlich so sagen, so steht es auch in der Verfassung. Aber was wird er den Bahais in Ägypten sagen? Deren Existenz überhaupt nicht in der Verfassung wahrgenommen wird? "An den Taten werdet Ihr sie erkennen", heißt es in der Heiligen Schrift. Das gilt besonders für Salafisten. Wir reden hier nicht von gemäßigten Muslimbrüdern. Salafisten haben das erklärte Ziel, die Scharia zur Verfassung zu erklären.

domradio.de: In etwa zwei Monaten stehen die Parlamentswahlen an, wie stehen da die Chancen der ultrakonservativen Islamisten?

Schroedel: Eines ist klar: Die Gesellschaft wird sich weiter teilen. Durch die jetzt vorliegende Verfassung ist sie schon in zwei große Teile geschnitten: Es gibt diejenigen, die den Islam für die Lösung von allem halten, dazu gehören die Muslimbrüder, die Salafisten und andere Ultra-Islamisten. Auf der anderen Seite gibt es die Säkularen, die Sozialisten, die Christen, etc. Ich gehe davon aus, dass bei den Parlamentswahlen sicherlich die Menschen nicht mehr mit einer so großen Mehrheit Salafisten und Muslimbrüder wählen werden. Denn die Enttäuschung über die vergangenen Monate unter einer Regierung der Muslimbrüder ist sehr groß. Nicht entwickelt sich positiv. Ägypten befindet sich in einer sehr schwierigen Lage: wirtschaftlich und sozial. Vor allem Armen leiden unter den Preiserhöhungen. Man ist sehr enttäuscht von den Muslimbrüdern, die nur Parolen schmettern, aber kein Interesse haben, einen Rechtsstaat aufzubauen.

domradio.de: Wie sieht die aktuelle Realität für Sie und Ihre Gemeinde aus: Können Christen in Ägypten frei ihre Religion ausleben?

Schroedel: Für Ausländer ist ohnehin alles leichter. Aber ein normaler muslimischer Ägypter ist nach wie vor freundlich, herzlich und offen. Gerade während der Weihnachtstage haben wir so viele Glückwünsche erhalten. Das erste Mal in meiner 18-jährigen Zeit hier in Ägypten haben zum neuen Jahr in Kairo die Glocken geläutet. Viele Dinge laufen glücklich und normal weiter. Diese versprengten Islamisten-Querköpfe sind die Mehrheit. Gott sei Dank nicht. Ein normaler Moslem sagt: Christen und Muslime sind Brüder.

Das Gespräch führte Verena Tröster.

Monsignore Joachim Schroedel (Bistum Mainz)