Chile will Missbrauchsfälle in Kirche aufarbeiten

"Auf der Seite der Opfer"

Chiles neuer linksgerichteter Präsident Gabriel Boric erwägt die Gründung einer Wahrheitskommission zur Aufarbeitung kirchlicher Missbrauchsfälle. Man müsse auf der Seite der Opfer stehen, wird Boric von chilenischen Medien zitiert.

Die Virgin Mary-Statue in Santiago de Chile / © Rosangela Perry (shutterstock)
Die Virgin Mary-Statue in Santiago de Chile / © Rosangela Perry ( shutterstock )

Ziel müsse sein, dass sich die Opfer nicht länger schutzlos fühlten. Anlass sind jüngste Missbrauchsvorwürfe gegen den prominenten Jesuiten Felipe Berrios, die eine neue Diskussion auslösten.

Die katholische Kirche in Chile

Bei 18 Millionen Einwohnern sind in Chile rund 74 Prozent der Bevölkerung katholisch. Allerdings gibt es eine zunehmende Konkurrenz durch Sekten und Nachwuchsprobleme. Auf einen Priester kommen 5838 Katholiken. Insgesamt gibt es 960 Gemeinden.

Das Land ist nach der dunklen Ära der Pinochet-Diktatur eines der demokratisch stabilsten in Südamerika, kaum ein Land hat so viele Freihandelsabkommen. Aber die starke Kluft zwischen Arm und Reich und der Widerstand der Ureinwohner der Mapuche sind auch für die Kirche große Herausforderungen, die hier als sehr konservativ gilt.

Fassade der Apostolischen Nuntiatur in der chilenischen Hauptstadt. / © Leonardo Rubilar (dpa)
Fassade der Apostolischen Nuntiatur in der chilenischen Hauptstadt. / © Leonardo Rubilar ( dpa )

Gleich zu Beginn seiner Amtszeit im März hatte Boric die katholische Kirche zu einem konsequenten Verhalten gegenüber Funktionsträgern aufgerufen, denen Missbrauch oder Vertuschung vorgeworfen wird. "Es ärgert mich, Herrn Ezzati zu sehen. Es ärgert mich, die Leute zu sehen, die als Vertuscher agiert haben", kritisierte Boric die Anwesenheit der in die Kritik geratenen Kardinäle Ricardo Ezzati (80) und Francisco Javier Errazuriz (88) bei einem ökumenischen Gottesdienst aus Anlass des Regierungswechsels. Gastgeber war Santiagos amtierender Erzbischof, Kardinal Celestino Aos (77).

Medien: Mehr als 200 Verdachtsfälle

Die chilenische Kirche wurde in den vergangenen Jahren von schweren Missbrauchsskandalen erschüttert. Eine Schlüsselrolle spielte der 2021 gestorbene und zuvor aus dem Klerikerstand entlassene Priester Fernando Karadima. 2011 wurde er wegen sexueller Vergehen verurteilt. Aus seinem Kreis gingen einige Bischöfe hervor, von denen inzwischen mehrere zurückgetreten sind. 

Medienberichten zufolge ermittelte Chiles Justiz in mehr als 200 Verdachtsfällen wegen Missbrauchs gegen rund 200 Kirchenmitarbeiter. Bei den mutmaßlichen Opfern handele es sich um etwa 240 Personen, von denen etwa die Hälfte zum Tatzeitpunkt minderjährig gewesen sein sollen. Zwischenzeitlich hatten fast alle Mitglieder der Chilenischen Bischofskonferenz dem Papst ihren Amtsverzicht angeboten. Franziskus nahm einige davon an.

Quelle:
KNA