Caritas im Ruhrbistum Essen fordert bessere Bildungschancen

"Da muss eine Menge passieren"

Der Paritätische Wohlfahrtsverband schlägt Alarm: Die Armut im Ruhrgebiet wächst rasant. Das beobachtet auch Christof Grätz der Paritätische Wohlfahrtsverband. Im domradio.de-Interview appelliert er an Politik und Wirtschaft.

 (DR)

domradio.de: Spüren Sie die Entwicklung bei Ihrer täglichen Arbeit?

Grätz: Wir stellen fest, dass es eine deutliche Zunahme an Angeboten wie Mittagstischen und Kleiderkammern gibt. Zusätzlich sind andere soziale Initiativen entstanden, die existenzielle Not abwenden wollen.

domradio.de: Das Ruhrgebiet gehört zu der Problemregion Nummer eins  - früher mal ein Gebiet der Arbeiter- heute ein Gebiet der zunehmenden Armut. Wie ist es zu dieser Entwicklung gekommen?

 Grätz: Das liegt natürlich auch an dem Strukturwandel, den diese Region vollzogen hat. Der versprach  zwar zunächst Erfolg, hat dann aber auch viele Verlierer erzeugt: Menschen, die aus der Erwerbslosigkeit fallen, Alleinerziehende sind häufig von Armut betroffen, genau wie Menschen mit Migrationshintergrund. Fast allen gemeinsam ist ihre geringe Qualifizierung - und damit verbunden schlechtere Chancen auf dem Arbeitsmarkt.

domradio.de: Und parallel steigen die Nebenkosten...

Grätz: ...und nicht nur die für die Miete, auch die für die Energie. Das bereitet den Menschen mit geringem Einkommen große Probleme. Eine Zahl in diesem Zusammenhang: Jeder Fünfte der Region arbeitet Vollzeit, muss aber aufstocken, also Sozialleistungen vom Staat erhalten für den Lebensunterhalt. Und es werden immer mehr. Das bereitet uns große Sorgen.

domradio.de: Was wünschen Sie sich von der Politik?

Grätz: Bessere Bildungschancen für Kinder und Jugendliche, das ist eines unserer Kernanliegen. Wir müssen in unserer Gesellschaft dafür sorgen, dass auch Kinder und Jugendliche aus wirtschaftlich schlechter gestellten Familien gleiche Chancen haben, was Bildung und Ausbildung angeht. Hier brauchen wir eine gezielte Förderung. Andererseits brauchen wir eine Entlastung von Alleinerziehenden, eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Da muss eine Menge passieren. Gesellschaftlich muss akzeptiert werden, dass Menschen neben dem Beruf auch noch eine Familie versorgen. Und ich würde mir wünschen, dass die Wirtschaft ihrer gesellschaftlichen Verantwortung gerecht wird.

Das Gespräch führte Tommy Millhome.


Quelle:
DR