domradio.de: Wie erklären Sie sich, dass Hoeneß, trotz des nicht unwesentlichen Vorwurfs der Steuerhinterziehung, in der öffentlichen Meinung relativ ungeschoren davon kommt?
Paulus: Ich glaube, dass es da andere Maßstäbe gibt. Offensichtlich sidn diese Maßstäbe so, dass selbst so ein Verhalten, wie es Uli Hoeneß anscheinend an den Tag gelegt hat, toleriert wird. Die Kirche wird mit anderen Maßstäben gemessen, und da wird eben auch anders über die Leitungsfiguren der Kirche gesprochen.
domradio.de: Das heißt, da gibt es doppelte Standards?
Paulus: Offensichtlich, anders kann ich mir das kaum erklären. Wenn man sich ansieht, wie man mit Bischof Franz-Peter Tebartz-van-Elst in der Öffentlichkeit umgegangen ist, wegen des verfahrens in Hamburg, wegen vermutlich meineidlicher Aussagen - da sieht man doch, dass da anders geurteilt wird. Hier geht es um einen Millionen-Steuerbetrug. Immerhin geht es auch an den Beutel des Steuerzahlers, und der ganzen Gesellschaft, und da ist die ganze Gesellschaft offensichtlich bereit zu sagen: "Der hatte bestimmt einen schlechten Tag, wir müssen ihm vergeben".
domradio.de: Woher kommen diese doppelten Standards?
Paulus: Ich kann mir vorstellen, dass es daran liegt, dass hier wirklich viel mehr Menschen betroffen sind,was Fußball angeht und was Bayern München angeht. Und da wir alle Menschen sind, wissen wir, dass es bei jedem einzelnen von uns menschelt, und hier gibt man sich dann auch gern mal großzügig und will auch, dass mit einem selbst großzügig umgegangen wird.
Zum Zweiten weiß man, dass es im Fußball ja auch um Millionebeträge geht - da scheint das, was Hoeneß vermutlich hinterzogen hat, doch irgendwie wie Peanuts. Dann denkt man, das sei doch irgendwie nicht so tragisch. Das sind wirklich verschobene Maßstäbe, wa sich sehr bedauere, denn am Ende geht es ja darum, dass wir uns in einer Gesellschaft aufeinander verlassen. Und da darf es für niemanden, wirklich für niemanden, irgendein Pardon geben.
domradio.de: Für andere Menschen, also den einfachen Mann, gilt da womöglich eine andere Realität - es geht ja letztendlich ums Portemonnaie?
Paulus: Es geht ums Portemonnaie. Wenn ich weiß, dass bei uns im Obdachlosenfrühstück Menschen sind, die wegen dreimal Fahrgeldhinterziehung 30 Tage ins Gefängnis müssen, weil sie eben diese 40 Euro Strafe nicht bezahlen konnten, dann finde ich schon irgendwie, dass die Maßstäbe nciht ganz stimmen. "Die Kleinen hängt man, die Großen lässt man laufen", sagt der Volksmund, da sollte man genauer hinschauen.
Ich hoffe, dass Bayern München jetzt langsam mal die Bremse zieht und sagt, zumindest muss Uli Hoeneß sein Amt ruhen lassen. Da gibt es ja keinen Papst, der ihn beurlauben kann, aber trotzdem sollte er sein Amt so lange ruhen lassen, bis die Vorwürfe geklärt sind. Denn ein Verein bayern München, dessen Präsident wegen solcher Vorwürfe vor Gericht zu erscheinen hat, scheint mir doch ein Verein zu sein, der erstmal erklären muss, warum er ansonsten doch ganz in Ordnung ist.
domradio.de: Wünschen Sie sich, dass Franz Beckenbauer sich einschaltet?
Paulus: Vielleicht wünsche ich mir, dass Franz Beckenbauer siche inschaltet; viel mehr wünsche ich mir aber, dass die Fans ein Wörtchen mitreden. Die Basis ist jetzt gefragt. Die Fans von Bayern München müssen sich fragen: Wollen wir eigentlich Fans sein von einem Verein, dessen Präsident jetzt sogar vor Gericht zu erscheinen hat. Wollen wir nicht als Fans, dass er vor Gericht so behandelt wird, wie auch wir behandelt werden. Da ist doch ein bisschen Solidarität vom Manager gefragt. Von daher hoffe ich, dass die Spitze und die Basis miteinander zu einer klugen Entscheidung finden, die fair ist - klar, man will den Mann nicht vorverurteilen - aber die andererseits der Gesellschaft auch ein Zeichen setzt: Auch wenn jemand noch so berühmt ist, und in einem noch so berühmten Verein ist, er ist Mitglied der Gesellschaft und muss sich so verantworten wie alle anderen.