Brasilien strebt mit viel Gebet den sechsten WM-Titel an

Tore für Jesus

Wenn es um Brasilien und Fußball geht, ist Religion oft nicht fern. Die Ballartisten sind nicht nur für ihre Kicker-Kunst bekannt, sondern auch für ihre besondere Betfreude. In Fragen Frömmigkeit ist die derzeitige Nationalelf trotzdem etwas Besonderes.

Autor/in:
Thomas Milz
 (DR)

Selten zuvor haben die Spieler der Selecao derart offen ihre Religiosität zur Schau gestellt. Nationaltrainer Carlos Dunga hat etliche bibelfeste Bolzer mit nach Südafrika genommen.

Und der Glaube an Gott scheint die Zauberer vom Zuckerhut ebenso zu beflügeln wie der Glaube an den sechsten Titelgewinn. Zumindest spielt die Mannschaft von Dunga, den die Brasilianer "Alemao" also den "Deutschen" nennen, derzeit sehr erfolgreich. Spieler wie Kaka, Luis Fabiano, Lucio und Felipe Melo lesen vor und nach dem Spiel lieber in der Bibel, als um die Häuser zu ziehen.

Die vier Spieler bilden den harten Kern der bekennenden evangelikalen Pfingstkirchler in der Selecao. "Athleten für Christus" nennt sich die Gruppe, der neun Spieler angehören. Viele von ihnen stammen aus armen Verhältnissen, aus zerrütteten Familien. Halt fanden sie in ihrem Sport - und in der Religion. Während viele ihrer Jugendfreunde in die Kriminalität abrutschten, haben sie es geschafft, sich etwas im Leben aufgebaut.

Katholiken und den Pfingstkirchen angehörende Spieler
"Durch Gott wird Unmögliches möglich", ist eine der beliebtesten Botschaften, die Mittelfeldspieler Felipe Melo auf seiner Twitterseite verkündet. Und auch Abwehrchef Lucio zieht nach eigenen Aussagen seine Kraft und Überzeugung aus dem Glauben. Nach einem schwachen WM-Start 2002 ließ er sich etwa von Pastor Anselmo Reichardt aufbauen, einem Prediger aus Südbrasilien, der seither die Selecao auf Schritt und Tritt begleitet.

Zwar halten sich innerhalb der Mannschaft die Katholiken und die Pfingstkirchen angehörenden Spieler in etwa die Waage. Aber während erstere ihren Glauben eher unauffällig praktizieren, leben die anderen ihren Glauben in aller Öffentlichkeit aus. "Hast Du gerade nichts zu tun? Dann bete! Bist Du gerade beschäftigt? Bete! Bete ohne Ende!" twittert Starkicker Kaka.

Der Mittelfeldspieler ist der festen Überzeugung, dass sein tiefer Glaube ihn nach einem Badeunfall vor dem Rollstuhl bewahrt hat. Die von den Ärzten bezweifelte Heilung und sein anschließender sportlicher Erfolg haben seinen Glauben verstärkt. Gemeinsam mit seiner Ehefrau nimmt Kaka an Veranstaltungen der brasilianischen Renascer-Kirche teil, deren größter Einzelspender er ist. Demnächst will das Paar einen Tempel der Wunderheilersekte in Madrid aufbauen.

"Ich kritisiere das religiöse Merchandising"
Das Engagement für die Renascer stößt allerdings in Brasilien auch auf viel Kritik. Schließlich muss sich die Gemeinschaft dort unter anderem wegen Steuerhinterziehung vor Gericht verantworten. Zudem missfallen vielen Brasilianern und brasilianischen Medien die offensiven Glaubensbekundungen von Kaka und Co.

"Ich kritisiere das religiöse Merchandising, das er und andere Spieler stets betreiben", sagt der Sportjournalist Juca Kfouri. "Das ist derart übertrieben, dass die FIFA sich genötigt sah, solche Szenen wie die nach dem Sieg beim Konföderationen-Cup zu verbieten," führt er in Anspielung auf den Wettbewerb im vergangenen Jahr aus, bei dem die Selecao nach dem Spiel geschlossen auf dem Feld kniete und betete - in T-Shirts mit religiösen Botschaften. Die FIFA ermahnte die Mannschaft und verwies auf ihr Regelwerk, das unter anderem religiöse Botschaften auf der Sportlerausrüstung verbietet.

Solchen Vorwürfen tritt Kaka entschlossen entgegen: So wie er die Religion anderer respektiere, wünsche er sich Respekt für seinen Glauben. Und für Kapitän Lucio ist das FIFA-Verbot religiöser Bekundungen auf dem Spielfeld ohnehin kein Problem. "Ich glaube, dass uns Gott eine andere Möglichkeit auf dem Platz geben wird, damit wir seine Liebe bezeugen können." Nach seiner Kickerkarriere will der Kapitän Prediger werden. Aber erst einmal will er für die Selecao den sechsten Stern gewinnen.