Wie gläubige Menschen aussehen

"Bitte recht ernst"?

Wie sieht ein gläubiger Katholik aus? Und wie ein gläubiger Presbyterianer? Der Fotograf Martin Schoeller wollte es genau wissen. Für sein Projekt "Die Gläubigen" hat er Vertreter von 54 verschiedenen Religionsgemeinschaften vor die Linse bekommen.

Bilder aus der Fotoserie "Die Gläubigen" / © Martin Schoeller (Martin Schoeller)
Bilder aus der Fotoserie "Die Gläubigen" / © Martin Schoeller ( Martin Schoeller )

DOMRADIO.DE: Wenn man sich Ihre Bilder anguckt, dann schauen die Männer und Frauen den Betrachter direkt an. Sie sind mal ernst, mal fragend, mal skeptisch. Aber keiner lacht. Warum nicht? Ist Glauben so eine ernste Angelegenheit?

Martin Schoeller (Deutscher Fotograf in New York): Ich denke, für viele Menschen ist der Glaube eine sehr ernste Angelegenheit. Außerdem wollte ich nicht urteilen. Ich wollte nicht, dass manche Gläubige lachen und andere wiederum ernst schauen und dadurch eine Wertigkeit geschaffen wird. Ziel war es, eine Plattform anzubieten, auf der sich die ganzen Glaubensrichtungen treffen und damit zum Vergleich einladen.

DOMRADIO.DE: Wie haben Sie denn die Gläubigen gefunden? Viele sind schließlich nicht durch Kleidung oder sonstige Attribute als Gläubige zu erkennen.

Schoeller: Das ist heutzutage durch das Internet relativ leicht geworden. Außerdem wollen alle Glaubensrichtungen weitere Mitglieder gewinnen. Mit Ausnahme einer Glaubensgemeinschaft. Die Rede ist von Juden im Allgemeinen oder spezifischer den orthodoxen Juden, welche den Glauben vertreten, dass man in die Religion hineingeboren werden muss und es sehr schwer ist, beizutreten. Alle anderen Glaubensrichtungen nehmen gerne neue Menschen auf.

Im Allgemeinen findet man Gläubige jedoch sehr leicht. Hinzu kommt, dass sie ausgesprochen gerne Werbung für ihren Glauben machen, da sie mehr oder weniger um neue Mitglieder konkurrieren.

DOMRADIO.DE: Aber haben Sie die Leute, denen man ihren Glauben nicht "ansieht", bewusst auch so fotografiert? Man muss auf ein Bild klicken, um die religiöse Prägung der Menschen nachzulesen. Was war Ihnen wichtig? Was soll der Betrachter über die Menschen erfahren?

Schoeller: Mein Hauptziel war, die Gläubigen so zu zeigen, wie sie sind. Ich habe die Fotos mit einer 8x10 Inch Plattenkamera gemacht. Dies ist eine altertümliche Kamera, mit der das Fotografieren sehr langsam geht, um möglichst besondere Momente einzufangen. Momente, in denen den Gläubigen nicht bewusst ist, dass sie fotografiert werden oder sie gelangweilt dreinschauen, weil der Vorgang des Fotografierens sehr langsam geht und zu lange dauert.

Dadurch werden die Menschen sozusagen "entwaffnet", um nicht bewusst zu posieren und sich nicht zu verkaufen. Ziel ist es, sie so darzustellen, wie sie wirklich aussehen.

DOMRADIO.DE: Sie wollen zeigen, wie die Leute aussehen. Aber wie macht man denn den Glauben sichtbar?

Schoeller: Man fragt sich ob man den Glauben sehen kann, wenn man diese Personen anguckt. Man hat nicht unbedingt das Gefühl, dass diese Menschen glücklicher aussehen als der Durchschnittsbürger und man ihnen den Glauben aus dem Gesicht ablesen könnte.

DOMRADIO.DE: Die Glaubensrichtungen sind jedenfalls sehr unterschiedlich. Unterschiedlich sind auch die Gesichter der verschiedenen Menschen. Haben Sie denn bei dem Fotografieren eine Gemeinsamkeit entdeckt, was es bedeuten könnte, gläubig zu sein?

Schoeller: Ich hatte bei vielen Menschen das Gefühl, dass sie den Glauben brauchen und dieser ihnen hilft, besser durchs Leben zu kommen. Viele haben den Glauben gefunden, nachdem sie schwere Zeiten durchlebt haben. Der Glaube hat ihnen sehr geholfen, schwere Schicksale zu überkommen.

Eine der Frauen, die ich interviewt habe, sagte, sie glaube nicht, dass jeder Mensch, ein starkes Gefühl des Glaubens haben muss und nicht zwangsläufig einer bestimmten Glaubensgemeinde angehören müsse. Es gebe viele Leute, welche glücklich sein können ohne einer Gemeinschaft beizutreten. Ihr persönlich helfe die Zugehörigkeit zu einer Glaubensrichtung jedoch enorm. Interessant finde ich, dass sie die Meinung vertritt, dass nicht jeder Mensch unbedingt einer Glaubensrichtung zugehören müsse. Man könne auch ein guter Mensch sein, der richtige Entscheidung trifft, ohne in die Kirche gehen zu müssen.

DOMRADIO.DE: Dieses Projekt hatten Sie schon lange vor. Es war jedoch schwierig, Abnehmer zu finden. Aufgeben kam für Sie nicht in Frage. Warum ist Ihnen denn diese Serie so wichtig?

Schoeller: Ich finde es besonders in der heutigen Zeit sehr spannend zu sehen, dass es doch sehr viele Religionsgemeinschaften gibt. Denn heutzutage sind die Kirchen und Synagogen mittlerweile leer, ausgenommen von Feiertagen. Mehr und mehr junge Leute glauben an nichts mehr, nicht mehr an Gott und nicht mehr an das Jenseits. Interessant finde ich, dass es trotzdem noch so viele verschiedene Religionsgemeinschaften gibt.

Ich denke, New York muss durch die Nähe zu Südamerika und Asien die Stadt mit der facettenreichsten Religionsvielfalt auf der ganzen Welt sein. Heutzutage werden wieder Religionskriege geführt auf dieser Welt. Ich denke Religion ist ein sehr spannendes Thema, welches auf der einen Seite verschwindet, uns jedoch auf der anderen Seite weiter begleiten wird, da es immer noch Religionskriege gibt.

Mittlerweile bringt Religionszugehörigkeit Menschen eigentlich nicht mehr zueinander, sondern treibt sie eher auseinander. Ich wollte diese gläubigen Menschen treffen, die ihre Religion heutzutage nach wie vor praktizieren.

DOMRADIO.DE: Das Projekt "Die Gläubigen" läuft schon seit einem Jahr. Wie lange machen Sie noch weiter?

Schoeller: Das Projekt ist abgeschlossen. Ich habe insgesamt 54 verschiedene Religionsgemeinschaften dokumentiert. Als Fotograf sehe ich mich auch immer als ein Mensch, der gerne etwas dokumentiert. In 20-30 Jahren kann es sein, dass diese ganzen Religionsgemeinschaften hier in New York ganz anders aussehen. Die Welt verändert sich immer weiter und ich wollte mit dem Projekt ein Zeitdokument schaffen, welches aussagt, dass es Religion heute und hier in New York ganz vielfältig gibt.

Das Interview führte Heike Sicconi.


Quelle:
DR