Bischof lädt Schleswig-Holsteins Wahlkämpfer zur Kanzelrede

Kanzel statt Podium

Wahlkampf auf ungewöhnliche Art: Über ihre liebste Bibelstelle, Krieg und Frieden oder Gut und Böse haben Schleswig-Holsteins Spitzenkandidaten für die Landtagswahl im Schleswiger Dom bei sogenannten "Kanzelreden" gesprochen.

Schleswiger dom / © Markus Scholz (dpa)
Schleswiger dom / © Markus Scholz ( dpa )

DOMRADIO.DE: An fünf Sonntagen hatten Sie die Spitzenkandidaten für die Landtagswahl in Schleswig-Holstein in Ihre Predigtstätte, den Schleswiger Dom Sankt Petri, eingeladen zur Kanzelrede. Wie genau lief das ab?

Gothart Magaard / © Wolfgang Pittkowski (KNA)
Gothart Magaard / © Wolfgang Pittkowski ( KNA )

Gothard Magaard (Bischof im Sprengel Schleswig und Holstein): Das waren jeweils Gottesdienste, der erste Ende Februar, also durch die Passionszeit hindurch. Richtig liturgisch gestaltete Gottesdienste mit Gebeten, Evangelium, Lesung und allem, was dazugehört. Und das Besondere war eben, dass wir die Spitzenpolitikerinnen und -politiker zu einer sogenannten Kanzelrede eingeladen hatten, dass sie zu einem Bibelvers ihrer Wahl eine Auslegung des Textes in dieser Zeit machen würden.

Das hatten auch alle fünf übernommen und so waren es also klassisch geprägte Gottesdienste und statt einer Predigt gab es eben diese Kanzelrede. Im Anschluss gab es ein Nachgespräch. Also die Gemeinde konnte die Kanzelrednerinnen und -redner befragen, eine halbe Stunde lang. Ein ganz munteres Nachgespräch.

DOMRADIO.DE: Wie wurde diese Aktion von der Gemeinde angenommen?

Magaard: Nun, die Sonntage waren ja, anders als wir es geplant haben, durch den Ukraine-Krieg geprägt. Der erste Sonntag war der 27. Februar und das war ja drei Tage, nachdem der Krieg begann. Das heißt, dieses Thema hat schon eine große Rolle gespielt, eigentlich durch alle Sonntage hindurch.

Die Fragen der Gemeinde waren ganz unterschiedlicher Art. Sie bezogen sich manchmal auf den Bibeltext, der jeweils individuell gewählt wurde. Aber es ging auch manchmal um politische Fragen, es ging um Corona-Situationen. Es wurde schon in einer gewissen Breite gefragt, aber es wurde doch immer wieder etwas nach Hintergründen gefragt oder auch nach Wertvorstellungen oder auch nach sehr konkreten Fragen, die sich auf die Bibel bezogen.

Spitzenkandidaten zur Landtagswahl Schleswig-Holstein / © Marcus Brandt (dpa)
Spitzenkandidaten zur Landtagswahl Schleswig-Holstein / © Marcus Brandt ( dpa )

DOMRADIO.DE: Gab es einen Moment, vielleicht eine der Kanzelreden oder eine der Fragen, der Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben ist?

Magaard: Zum Beispiel als jemand aus der Gemeinde heraus im Nachgespräch Thomas Losse-Müller (Spitzenkandidat der SPD, Anm. d. Red) gefragt hat: Was ist für Sie eigentlich das Böse?" Das hatte natürlich auch mit der Kriegssituation zu tun. Das war schon so ein Moment, wo ich sehr gespannt war, weil es ja eine sehr grundsätzliche Frage ist und auch vielleicht für Politiker eher eine ungewohnte Frage. Das ist so ein Beispiel gewesen, aber ich finde, es sind auch andere, zum Teil persönlich auch gefragt worden, wie sie denn zur Kirche stehen oder zum Glauben. Auch das gehörte dazu. Aber "Was ist für Sie eigentlich das Böse?" fand ich schon eine sehr, sehr prägnante Frage.

DOMRADIO.DE: Was haben Sie denn sonst für Resonanzen auf diese Aktion vernehmen können?

Magaard: Es waren jedes mal zwischen 150 und 400 Menschen, die da waren. Da habe ich sehr viele positive Rückmeldungen bekommen. Wir haben es auch im Internet übertragen, sodass man auch digital verfolgen konnte. In diesen Corona-Zeiten und in einem Flächenland wie Schleswig-Holstein ist das sicherlich auch hilfreich gewesen.

Es gab ein paar vereinzelte Anfragen von Menschen, die nicht dabei waren. Auch kritischer Art nach der Frage "Kirche und Politik" oder "Geht das eigentlich in einem Gottesdienst?" Die habe ich dann alle beantwortet und immer darauf hingewiesen, das es ja wirklich diesen gottesdienstlichen ganz klar geprägten Kontext hatte und ein dialogisches Format war und eine Gelegenheit war, dass Politikerinnen und Politiker auch nochmal anders erlebt werden als in einer klassischen Wahlkampfrede, sondern wirklich jeweils immer Bezug auf einen biblischen Hintergrund genommen wurde. Das glaube ich, haben viele Menschen auch sehr interessant gefunden.

Gothart Magaard

"Viele Politikerinnen und Politiker (sind) auch Christen und können als solche ja auch zu Themen Stellung nehmen."

DOMRADIO.DE: Was würden Sie denn diesen Kritikern entgegnen? Passt das zusammen? Politik und Kirche? Gibt es da Überschneidungen oder gibt es Möglichkeiten, diese beiden Pole zusammenzubringen?

Magaard: Es ist ja immer ein dialogisches Verhältnis. Und viele Politikerinnen und Politiker sind auch Christen und können als solche ja auch zu Themen Stellung nehmen. Ich mache es als Bischof an bestimmten Stellen ja umgekehrt auch, dass ich zu gesellschaftlichen Themen Stellung nehme. Hier stand ja nun der Krieg mit allen seinen Auswirkungen ganz im Mittelpunkt. Das ist vom ersten Tag an so gewesen. Das war bei Herrn Dr. Buchholz (FDP, d. Red), dem Wirtschaftsminister so. Frau Heinold (Grüne, d. Red.) hat auch das auch getan. Also alle haben sich wirklich gerade in den ersten Wochen doch mit diesem Thema sehr, sehr ernsthaft beschäftigt. Und das ist ein Thema, wo wir ja ganz stark nicht nur um politische Antworten ringen, sondern auch um ethische Fragen, wo es auch darum geht, wie wir uns denn als Christenmenschen in friedensethischen Themen bewegen. Aber auch bis zu der Frage: Was sind wir denn bereit, auch an Einschränkungen hinzunehmen und zu akzeptieren, die ja auch in Folge des Krieges entstehen. Also ein großes Spektrum eigentlich, und das war jetzt gar nicht so ein Gegensatz. Und es waren ja auch keine Parteireden, sondern alle hatten sich ja bemüht, wirklichen biblischen Bezug zu finden und sich damit auch auch sehr individuell, aber sehr ernsthaft beschäftigt. Und sie haben auch, das war auch bemerkenswert, ihre innere Zerrissenheit an bestimmten Fragestellungen deutlich werden lassen. Auch das ist ja bemerkenswert.

DOMRADIO.DE: In einer Woche ist dann die Landtagswahl. Was sind das für Themen, die die Menschen bei Ihnen in Schleswig-Holstein umtreiben?

Magaard: Es gibt natürlich die großen Themen, das ist auch das Thema der geflüchteten Menschen und der Begleitung und Grundversorgung. Im Land selber gibt es natürlich ein breites Spektrum von Themen, da geht es um die energiepolitischen Fragen. Aber es geht auch um Bildungsfragen, die spielen immer wieder eine große Rolle. Auch die wirtschaftliche Entwicklung spielt in Deutschland eine große Rolle, weil wir ja das Land zwischen den Meeren sind. Und der Tourismus spielt eine Rolle. Ich habe jetzt kein wirkliches Kernthema wahrgenommen, außer natürlich, dass wir auch immer noch mit den Folgen von Corona ja auch zu tun haben. Auch mit der auch Aufarbeitung. Was hat das wirklich bedeutet für die unterschiedlichen Gruppierungen von Menschen? Auch das Thema natürlich der doch massiven Einschränkungen über bestimmte Phasen. Das spielt ja immer mal wieder eine Rolle, auch teilweise auch in den Nachgesprächen hier. Aber das Thema ist eigentlich doch eher am Abklingen, sodass es, glaube ich, keinen so einen richtigen Kristallisationspunkt gibt, wo alle Kontroversen sich sozusagen andocken an der Stelle.

Das Interview führte Moritz Dege.

Quelle:
DR