Bildauswahl spielt in Kriegsberichterstattung wichtige Rolle

"Es gibt keine einfachen Antworten"

Bilder aus Kriegsgebieten, wie aus Butscha in der Ukraine, können eine traumatisierende Wirkung haben. Welche Verantwortung da bei den Journalisten liegt, erklärt Bernhard Remmers, Direktor der katholischen Journalistenschule ifp.

Journalisten im Kriegsgebiet / © PRESSLAB (shutterstock)
Journalisten im Kriegsgebiet / © PRESSLAB ( shutterstock )
Ifp-Direktor Bernhard Remmers / © Matthias Balk (dpa)
Ifp-Direktor Bernhard Remmers / © Matthias Balk ( dpa )

DOMRADIO.DE: Es wird sehr viel diskutiert über diese Fotos, weil sie eben auch traumatisieren können. Welche Verantwortung haben Journalistinnen und Journalisten da gegenüber ihren Lesern und Zuschauern?

Bernhard Remmers (Journalistischer Direktor der katholischen Journalistenschule ifp): Eine große Verantwortung, die manchmal auch sehr belastend sein kann. Ich glaube, das können wir manchmal auch merken, wenn wir vor allen Dingen bei Fernsehsendungen mitbekommen, dass Moderatorinnen und Moderatoren doch sehr angegriffen sind von dem, wozu sie aber eben auch verpflichtet sind, uns zu berichten. Die Verantwortung ist natürlich da abzuwägen zwischen dem, was wirklich den Menschen gezeigt werden muss. Denn es gibt ein wichtiges Aufklärungs- und ein Dokumentationsinteresse der Öffentlichkeit; und auf der anderen Seite muss natürlich auch die Menschenwürde der Betroffenen, in diesem Fall der getöteten und der gequälten Menschen beachtet werden.

DOMRADIO.DE: Jetzt kann man ja auch sagen, dass solche Bilder wirklich wichtig sind, um immer wieder zu zeigen, wie zerstörerisch dieser Krieg in der Ukraine ist. Kann daraus aber nicht schnell auch Voyeurismus werden?

Bernhard Remmers (journalistischer Direktor der katholischen Journalistenschule ifp)

"Das lässt sich nur leider nicht allgemein beschreiben, sondern es muss immer wieder im Einzelfall neu abgewogen werden."

Remmers: Das kann passieren. Da sehen wir, dass wir uns doch bei jedem Foto das sehr genau überlegen müssen, wenn wir es dokumentieren. Ich spreche jetzt in diesem Zusammenhang von journalistisch dargestellten Fotos, also in journalistisch verantworteten Medien. Das Phänomen, dass dann Bilder kopiert und in sozialen Medien frei verbreitet werden, ist noch mal ein anderes. Aber das ist ja leider außerhalb redaktioneller Verantwortung.

Wir in den Redaktionen und auch in der Ausbildung nehmen als Grundlage dafür den Pressekodex des Deutschen Presserates. Der gibt uns die Orientierung dafür, dass wir das immer wieder neu abwägen müssen und dann eben auch überlegen müssen, wenn wir ein Bild zu oft zeigen, wenn wir es zu groß zeigen, wenn wir es vielleicht auch wiederholt zeigen. Es gibt manchmal Videos, die werden in Dauerschleife dokumentiert, dann überschreiten wir die Grenze des Voyeurismus.

Das lässt sich nur leider nicht allgemein beschreiben, sondern es muss immer wieder im Einzelfall neu abgewogen werden. Das macht es manchmal auch so anstrengend. Aber die Anstrengung ist wichtig.

DOMRADIO.DE: Wie problematisch sind da denn eigentlich Fotos von Toten wie aus Butscha?

Remmers: Sie werden dann problematisch, wenn ich diese Fotos zum Beispiel zeige, weil ich einfach nur kurzfristig Klickzahlen oder Zustimmungszahlen mit meinem Medium erreichen möchte. Wenn ich diese Bilder aber veröffentliche, weil ich zum Beispiel der Überzeugung bin, dass dieses Unrecht, das dort geschehen ist, dokumentiert werden muss, dann kann es in diesem Moment notwendig sein, es zu zeigen.

Dann kommt es natürlich auch noch auf die Form an. Zeige ich ein Bild, auf dem ich zwar sehe, dass dort ein getöteter Mensch, ein gequälter Mensch liegt, aber ich zoome das Bild nicht zu stark heran, sodass da ein gewisser Respekt gegenüber dem getöteten Menschen zum Ausdruck kommt. Dann kann ich das machen. Wenn ich das Bild aber heranzoome und womöglich Wunden zeigen will, deformierte Körperteile zeigen will, dann wird es voyeuristisch und dann ist es eigentlich aus unserer Sicht und auch aus Sicht des Pressekodex nicht mehr zulässig.

DOMRADIO.DE: Medienethik ist ja auch ein wichtiger Bestandteil der journalistischen Ausbildung. Was geben Sie da Ihren Journalistinnen, Schülerinnen und Schülern da mit am ifp?

Remmers: Zum einen versuchen wir natürlich, unsere Schülerinnen und Schüler zu informieren, das tun wir auch zusammen mit Referentinnen und Referenten, die beim Presserat zum Beispiel arbeiten, die dort in Gremien sitzen und sich auch mit einzelnen Fällen beschäftigen. Es gibt ja auch Beschwerden an den Presserat, auch in solchen Zusammenhängen. Gelegentlich gibt es Beschwerden und die müssen dort bewertet werden.

Die Menschen, die dort solche Fälle zu bewerten haben auf Grundlage des Pressekodex, die unterrichten dann auch bei uns junge Leute, die sich auf den Beruf des Journalismus vorbereiten. Das ist einmal natürlich die Information: Was ist der Pressekodex, was steht da drin? Wie ist das zu verstehen? Das ist noch eine relativ einfache Informationsweitergabe. Der schwierige, anspruchsvollere Punkt ist, dass es natürlich keine einfachen Antworten gibt.

An meinem Beispiel erzählt: Ich habe vor vielen Jahren bei einer Tageszeitung in Norddeutschland volontiert. Da hat mir mein Ausbilder gesagt "Leichen zeigen wir nicht". Das war natürlich eine sehr einfache Regel, aber die Regel war schon damals falsch. Die entsprach auch nicht der Wirklichkeit. Natürlich wurden Bilder immer auch mal wieder gezeigt. Denken Sie mal historisch an die schrecklichen Bilder aus den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten mit den Leichenbergen. Das sind unheimlich schreckliche, unheimlich aufwühlende Bilder. Trotzdem ist es glaube ich heute unstrittig, dass es wichtig war in einer bestimmten Zeit der Geschichte, dass wir diese Bilder gezeigt haben.

Das zeigt uns, dass es immer wieder ein Abwägungsprozess ist, der uns keine einfachen Antworten gibt und der uns, glaube ich, manchmal auch in einem Dilemma zurücklässt, dass wir eine Entscheidung getroffen haben, ein Bild zu veröffentlichen oder vielleicht es auch nicht zu veröffentlichen, aber wir zwei, drei Tage später mit unserer eigenen Entscheidung nicht zufrieden sind. Da ist unser Bildungsziel, den Menschen etwas an die Hand zu geben, dass sie in diesen Abwägungsprozessen bestehen können, dass sie wissen, an was für Punkten sie sich orientieren können, um dann in ihrem Team, in ihrer Redaktion eine angemessene Entscheidung zu treffen.

Das Interview führte Julia Reck.

Quelle:
DR