Betroffene sehen viel Ergriffenheit und wenig Mitarbeit

"Wir passen oft nicht in diese Blase"

Der Sprecher des Betroffenenbeirates sieht Fortschritte beim Synodalen Weg. Dass bei der Debatte ein Text nicht angenommen wurde, sei zwar bedauerlich, es habe jedoch dadurch auch einen Ruck in der Versammlung gegeben.

Johannes Norpoth / © Max von Lachner (SW)
Johannes Norpoth / © Max von Lachner ( SW )

DOMRADIO.DE: Sie sind als Vertreter des Betroffenenbeirates Sprecher für die Gruppe von den Menschen, weshalb der Synodale Weg eigentlich initiiert wurde. Was sagen Sie zu dem, was bis jetzt beschlossen wurde?

Johannes Norpoth, Sprecher des Betroffenenbeirates bei der Deutschen Bischofskonferenz / © Ingo Brüggenjürgen (DR)
Johannes Norpoth, Sprecher des Betroffenenbeirates bei der Deutschen Bischofskonferenz / © Ingo Brüggenjürgen ( DR )

Johannes Norpoth (Sprecher des Betroffenenbeirates bei der Deutschen Bischofskonferenz): Es ist eine mehr als spannende Tagung, denn das war mal keine klassische katholische glattgebügelte Blasenveranstaltung, sondern es ging auch sehr kontrovers hin und her.

Man hat schon gemerkt, dass auch heute 12-13 Jahre nach der Missbrauchskrise noch ordentlich Dampf im Kessel ist, weil wir hier um die systemischen Ursachen der Missbrauchskrise reden. Das ist schon ein hartes Ringen auch unterschiedlichster kirchenpolitischer Positionen.

Text zu Sexualethik bei Synodalversammlung durchgefallen

Das Grundsatzpapier des Synodalen Wegs für eine Liberalisierung der katholischen Sexuallehre ist an der Sperrminorität der Bischöfe gescheitert. Bei der finalen Abstimmung in Zweiter Lesung votierten in Frankfurt 82,8 Prozent der anwesenden Delegierten des Reformdialogs für den Text, die ebenfalls notwendige Zweidrittel-Mehrheit der Bischöfe wurde jedoch knapp verfehlt: 61,1 Prozent der anwesenden Bischöfe stimmten dafür, 38,9 Prozent dagegen.

Ein Gerät für die digitale Abstimmung bei der Synodalversammlung / © Julia Steinbrecht (KNA)
Ein Gerät für die digitale Abstimmung bei der Synodalversammlung / © Julia Steinbrecht ( KNA )

DOMRADIO.DE: Ein für Sie wichtiges Papier zur Frage der katholischen Sexualethik ist nicht durchgekommen. Sie haben gesagt, das, was wir hier erleben, erleben wir als Betroffene im Prinzip Tag für Tag, Jahr für Jahr, dass man ein großes Thema zu einem kleinen Knopfdrücken runter rechnet. Können Sie das erklären?

Norpoth: Der eine Punkt war, dass das Ergebnis eher überraschend war. Wir haben ehrlicherweise nicht damit gerechnet. Man muss grundsätzlich sagen, dass der Text mit über 80 Prozent der Mehrheit der gesamten Versammlung und knapp 60 Prozent der bischöflichen Stimmen verabschiedet worden ist.

Das Problem ist, dass es für einen offiziellen Text dieses Synodalen Weges die Zweidrittelmehrheit der Bischöfe braucht. Und da fehlten halt Stimmen. Der Punkt ist der, dass zu dem Zeitpunkt noch die geheime Abstimmung lief und dass ein klassisches Machtgefühl oder ein Ohnmachtsgefühl herrschte, in dem man nicht wusste, wer diese Entscheidung getroffen hat und warum diese Entscheidungen so getroffen worden sind.

Ich habe das mit dem Satz "Willkommen in der Welt der Betroffenen" kommentiert, denn vielen Betroffenen sexualisierter Gewalt, aber auch des geistlichen Missbrauchs in unserer Kirche geht es so. Absolute Ohnmacht, weil sie Opfer des Systems geworden sind.

Man muss ein noch zum Abstimmungsmodus sagen, dass mit einem digitalen Abstimmungsmodus gearbeitet wird. Da hat man eine kleine, flache Fernbedienung. Ich denke, die große Zahl der ablehnenden Bischöfe kommt aus der Gruppe, die sich weder in den synodalen Foren noch in der Versammlung hier geäußert haben und sich auf ihre Machtposition zurückgezogen haben. Mit dem Satz, ich habe die Macht, am Ende die Abstimmung maßgeblich zu beeinflussen, ohne dass ich mich inhaltlich dazu äußern und mich positionieren muss. Das ist ein reines Machtspiel und eine Machtfrage.

Sehr bedauerlich, dass das ausgerechnet an diesem Text passiert ist, an dem Text zur Weiterentwicklung der Sexualethik. Es hat aber, glaube ich, dazu geführt, dass sich viele der Synodalen hier im Synodalen Weg ihrer eigenen Verantwortung bewusst geworden sind. Da hat es noch mal, glaube ich, einen Ruck gegeben.

Insofern kann man es, wenn man es als Sieg der Konservativen werten will, als Pyrrhussieg bezeichnen, weil sich viele Dinge dann doch noch anders entwickelt haben.

DOMRADIO.DE: Ist das überhaupt möglich, über diese ganzen heiklen Themen zu debattieren, ohne Menschen zu verletzen, die Missbrauchsbetroffene sind? Wie gehen wir damit um?

Norpoth: Das ist schwierig. Dieses politische Geschäft auf dieser Ebene ist nichts für jeden, das muss man ehrlicherweise sagen. Ich kann jetzt zum Glück auf eine relativ lange Erfahrung zurückgreifen. Aber Sie müssen bei diesen grundsätzlichen Entscheidungen auch einfach akzeptieren, dass man austeilt und einsteckt. Ich will es mal so ausdrücken. Da ist die Rolle des Betroffenen in dem Kontext natürlich nicht einfach, aber ich glaube, die, die hier sind, haben genau das verstanden und können damit umgehen.

Das ist manchmal nicht einfach. Insbesondere, wenn Sie klassische konservative Theorien und Wortmeldungen hören, auch zur Interpretation der MHG-Studie. Da muss man ein bisschen Luft holen. Ich sage mir, das muss man wegatmen können, denn ansonsten wird es sehr, sehr schwierig.

Letzten Endes haben wir ein Ziel. Insofern haben wir uns da gut aufgeteilt. Diejenigen, die das können, sind hier, die anderen bleiben da doch besser fern.

DOMRADIO.DE: Ein Beschluss ist die Einrichtung eines synodalen Rates, beziehungsweise zunächst eines Ausschusses, der diesen Rat zusammensetzen soll. Den Satz "holt die Betroffenen da rein", hat man bisher nicht gehört.

Norpoth: Der wird auch eher selten fallen. Ich habe das gestern bei meiner Antwort auf Bischof Ackermann als "systemische Blindheit" bezeichnet. Wir haben einen hohen Betroffenheitsgrad in der Bischofskonferenz. Wir haben einen hohen Betroffenheitgrad auch bei den Kolleginnen und Kollegen des ZdK. Wenn es aber in die klassische Sitzungsarbeit geht, dann fehlen tatsächlich die Betroffenen, weil wir nicht in diese Blase passen.

Wir bringen das System zum Schwingen. Wir heben regelmäßig den Spiegel auf und halten ihn vor, denn das, muss man ehrlicherweise sagen, hat auch Professor Großbölting in Münster festgestellt. Es gibt diesen Klerikalismus der Basis. Also, die Frage der Verantwortung der Laien ist noch nicht ganz angekommen. Aber wir sind uns bewusst, dass das einerseits noch ordentlich viel Arbeit ist.

Andererseits gibt es genügend Menschen in der synodalen Versammlung, die das ansprechen und wo sichergestellt ist, dass es auch langfristig eine strukturelle Verankerung der Betroffenenarbeit im synodalen Rat geben wird. Ich glaube, das wird sich dieses Forum nicht erlauben, da nicht den entsprechenden Verfahrensvorschlag zu machen.

Das Interview führte Renardo Schlegelmilch.

Synodaler Weg

Der Begriff "Synodaler Weg" verweist auf das griechische Wort Synode. Es bedeutet wörtlich "Weggemeinschaft"; im kirchlichen Sprachgebrauch bezeichnet Synode eine Versammlung von Bischöfen oder von Geistlichen und Laien.

In ihrem Reformdialog auf dem Synodalen Weg wollen die deutschen katholischen Bischöfe und das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) über die Zukunft kirchlichen Lebens in Deutschland beraten.

Ausgangspunkt ist eine jahrelangen Kirchenkrise, die der Missbrauchs-Skandal verschärft hat.

Logo Synodaler Weg / © Julia Steinbrecht (KNA)
Logo Synodaler Weg / © Julia Steinbrecht ( KNA )
Quelle:
DR
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