Gaza-Christen zwischen Hoffnung und Verzweiflung

Beten für ein Leben ohne Passierschein

Bethlehem ist für viele Gaza-Christen unerreichbar. Traditionell feiert die Gemeinde deshalb mit ihrem Oberhirten schon im Advent "vorgezogene" Weihnachten. Die Stimmung schwankt dabei zwischen Freude und Traurigkeit.

Vorgezogener Weihnachtsgottesdienst mit Erzbischof Pierbattista Pizzaballa / © Andrea Krogmann (KNA)
Vorgezogener Weihnachtsgottesdienst mit Erzbischof Pierbattista Pizzaballa / © Andrea Krogmann ( KNA )

In Gaza muss man Feste feiern, wie sie fallen. Für die katholische Pfarrei "Heilige Familie" hieß das am dritten Advent: Feiern in XXL. Auf den Gaudete-Sonntag fiel die traditionelle Messe mit dem Leiter des Lateinischen Patriarchats, Erzbischof Pierbattista Pizzaballa - und bei dieser Gelegenheit feierten sie vorgezogene Weihnachten, Erstkommunion, Firmung und Segen für die Abiturienten in einer Messe.

117 Katholiken zählt die kleine Gemeinde, doch an diesem Morgen war die festlich geschmückte Kirche voll. Alle Katholiken und etliche orthodoxe Christen kamen, insgesamt etwa 500 bis 600, schätzte Gabriel Romanelli, seit zwei Monaten katholischer Pfarrer von Gaza.

Ausreiseerlaubnis bestimmt Leben in der Gemeinde

17 Erstkommunionkinder und Firmlinge in seiner Gemeinde sind für den argentinischen Ordensmann von der Gemeinschaft "Verbo Encarnado" (Fleischgewordenes Wort) ein Hoffnungszeichen in der schwierigen Lebensrealität Gazas. Zwischen Hoffnung und Verzweiflung, Depression und Aufbruch, bezeichnet er die Situation.

Ausreiseerlaubnis heißt das Wort, das in diesen Tagen ganz besonders das Leben der Gemeinde bestimmt. Es werde aus Sicherheitsgründen keine solchen Genehmigungen für Gaza-Christen geben, um an den Weihnachtsfeiern in Bethlehem teilzunehmen, hieß es zunächst von den zuständigen israelischen Behörden. Dann wurden doch wieder Genehmigungen in Aussicht gestellt. Doch in Gaza hat man davon noch nichts mitbekommen. Dort weiß bisher kaum jemand, wo er die Heilige Nacht verbringen wird.

"Ich bete und hoffe, dass wir eines Tages ganz ohne das Wort Ausnahmeerlebnis leben können", sagte Pizzaballa in seiner Predigt. "Unsere Christen sind die Nachfahren der ersten Christen und dürfen zu Ostern und Weihnachten nicht an die Orte des Geschehens", klagte Pfarrer Romanelli. "Das führt dazu, dass sie sich fremd im eigenen Land fühlen."

Realismus in Gaza

Solange der Weg nach Bethlehem so vielen Katholiken aus Gaza verstellt ist, feiert der Patriarchatsleiter weiterhin jeweils vor Weihnachten mit der Gemeinde. Dabei nahm Pizzaballa sich Zeit für "seine" Minderheit. In drei Tagen dichten Programms besuchte der Italiener kirchliche Schulen, Behinderten- und Alteneinrichtungen sowie Familien, traf Ordensleute und schenkte der Jugend seine Aufmerksamkeit. "Ich habe viel gelernt über die Probleme, die Euren Alltag hier prägen", sprach er den Christen zum Abschluss seinen Dank aus.

Gleichzeitig rief er die Gemeinde auf, nicht wie die Kinder zu fragen, "was Weihnachten uns bringt, sondern was unsere Haltung gegenüber Weihnachten ist", und warnte vor Illusionen. "Nichts wird sich ändern in Gaza, weil Weihnachten ist, auch wenn ich hoffe, dass das Wunder passiert", so der Erzbischof. In Gaza haben sie diesen Realismus längst verinnerlicht. "Es ist ruhiger jetzt als noch vor ein paar Monaten", sagt Familie Anton und genießt den Moment der Freude über die Erstkommunion der ältesten Tochter Laila.

Ungewöhnlicher Weihnachtswunsch

Die Veränderung müsse in jedem Einzelnen geschehen, ermunterte Pizzaballa die Gemeinde zu "tiefer Hoffnung im Herzen". Zudem mahnte er zu Geduld. Wie Jesus bei seiner Geburt von Hirten und Weisen, nicht aber von den Mächtigen Jerusalems beachtet worden sei, sei er auch heute in den kleinen Dingen zu finden. In Gaza an diesem Sonntag etwa im lebendigen Krippenspiel, mit dem die jüngsten Christen den Besuch aus Jerusalem verabschiedeten.

Der Weihnachtswunsch von Gabriel Romanelli dürfte unterdessen für einen Pfarrer recht ungewöhnlich sein. Der Argentinier wünscht sich für den Heiligabend: eine leere Kirche. "Wenn ich dann in aller Einfachheit mit ein paar Alten, Kranken und Ordensleuten feiern könnte, hieße das, dass meine Gläubigen in Bethlehem feiern dürfen."

Weihnachtlicher Gottesdienst in Gaza – Vorgezogener Weihnachtsgottesdienst mit Erzbischof Pierbattista Pizzaballa / © Andrea Krogmann (KNA)
Weihnachtlicher Gottesdienst in Gaza – Vorgezogener Weihnachtsgottesdienst mit Erzbischof Pierbattista Pizzaballa / © Andrea Krogmann ( KNA )
Vorgezogener Weihnachtsgottesdienst mit Erzbischof Pierbattista Pizzaballa, Apostolischer Administrator des Lateinischen Patriarchats in Jerusalem / © Andrea Krogmann (KNA)
Vorgezogener Weihnachtsgottesdienst mit Erzbischof Pierbattista Pizzaballa, Apostolischer Administrator des Lateinischen Patriarchats in Jerusalem / © Andrea Krogmann ( KNA )
Vorgezogener Weihnachtsgottesdienst mit Gabriel Romanelli, Pfarrer von der katholischen Pfarrei "Heilige Familie", am 15. Dezember 2019 in Gaza / © Andrea Krogmann (KNA)
Vorgezogener Weihnachtsgottesdienst mit Gabriel Romanelli, Pfarrer von der katholischen Pfarrei "Heilige Familie", am 15. Dezember 2019 in Gaza / © Andrea Krogmann ( KNA )
Quelle:
KNA