Berliner Schüler halten interreligiöse Predigt

"Wie gebannt zugehört"

Am Wochenende hat in Berlin die lange Nacht der Religionen stattgefunden. Eine von vielen Aktionen war eine interreligiöse Dialogpredigt. Ute Rosenbach erklärt, wie Christen und Muslime an ihrer Schule miteinander umgehen.

Ein Mikrofon / © sumroeng chinnapan (shutterstock)

DOMRADIO.DE: Sie sind Lehrerin am Canisius-Kolleg, wo seit einiger Zeit auch Muslime aufgenommen wurden. In der Dialogpredigt sind dann ihre muslimischen und christlichen Schüler zu Wort gekommen?

Ute Rosenbach (Religionslehrerin und im Gemeinderat von Herz Jesu und St. Otto, Berlin): Es war eine ganz normale Abendmesse mit dem üblichen Ablauf. An der Stelle der Predigt habe ich dann die Schüler, die gekommen sind, nach vorne gerufen. Das waren fünf muslimische Mädchen und vier Christen, davon ein Junge und drei Mädchen.

Ute Rosenbach, Mitglied des Gemeinderates von St. Otto, Berlin  (privat)
Ute Rosenbach, Mitglied des Gemeinderates von St. Otto, Berlin / ( privat )

Die haben sich um zwei verschiedene Mikrofone gruppiert und sich gegenseitig Fragen gestellt, wie sich ihre Religion in ihrem Leben zeigt. Was machen sie deshalb, weil sie entweder Muslim oder Christ sind, was sie vielleicht sonst nicht machen würden?

Da hatten sie ganz verschiedene Themen. Ich dachte, ich müsste viel helfen und viele Zusatzfragen stellen. Aber da kam richtig ein Gespräch in Gang. Ich habe es anmoderiert und dann lief es von alleine. Wir hatten gute Fragen vorbereitet und wir haben alle viel dabei gelernt.

DOMRADIO.DE: Was macht ein junger Muslim wegen seiner Religion zum Beispiel?

Ute Rosenbach

"Das hat mich wirklich beeindruckt."

Rosenbach: Die haben zum Beispiel von ihrer Gebetspraxis erzählt und auch von den Schwierigkeiten, die sie damit in Deutschland haben. Sie erzählten zum Beispiel, dass bei ihnen zuhause früher der Muezzin gerufen hat, wenn sie fünfmal am Tag beten. Aber hier ist das nicht der Fall. Da muss man sich eine App installieren, wenn man zu einer bestimmten Zeit beten will.

Oder während des Ramadan beten manche bei allem, was sie tun. Es sind also nicht nur die fünf Gebetszeiten. Bevor sie Wasser trinken, danken sie Gott, dass sie Wasser haben. Das hat mich wirklich beeindruckt.

Christlich-muslimische Dialogpredigt in St. Otto / © Ute Rosenbach (privat)
Christlich-muslimische Dialogpredigt in St. Otto / © Ute Rosenbach ( privat )

DOMRADIO.DE: Wie ist die Dialogpredigt bei den Zuhörerinnen und Zuhörern, bei den Gläubigen angekommen?

Rosenbach: So ein Gottesdienst ist normalerweise in einer Stunde vorbei. Dieser hat viel länger gedauert, so 80 bis 90 Minuten. Die Dialogpredigt war auch länger als normal. Sie haben aber wie gebannt zugehört. Anschließend haben wir bei Getränken und Kuchen noch draußen vor der Kirche gestanden. Dann haben sie sich auch um die Jugendlichen geschart und denen Fragen gestellt, ihnen Mut gemacht.

DOMRADIO.DE: Wie läuft das in der Realität, in der Schule? Gibt es ein Gegeneinander von muslimischen und christlichen Schülern?

Ute Rosenbach

"Oft ist es so, dass Christen und Muslime zugleich in der Kapelle beten, an verschiedenen Stellen auf verschiedene Weisen."

Rosenbach: Wir haben den Arrupe-Zweig (Integrierte Sekundarschule am Canisius-Kolleg für Schülerinnen und Schüler mit Migrationserfahrung, Anm. d. Red.) noch nicht lange und es gibt verschiedene Klassen. Sie werden vom Senat zugeteilt und als erstes in die Klassen sieben und acht aufgenommen.

Die Schüler sind in unterschiedlichem Alter, aber da geht es nach Sprachkenntnis. Wer gar kein Deutsch kann, kommt in die Klasse sieben, wer ein bisschen Deutsch kann in Klasse acht. Da geht es darum, dass sie überhaupt Deutsch lernen.

Die brauchen auch noch nicht in die Gottesdienste zu kommen. Das dürfen wir nicht, weil der Senat sie zuteilt. Aber später kommen sie auch mit in unsere Gottesdienste, zum Beispiel unsere katholischen Schulmessen. Wir haben auch eine Kapelle hier, die Schule hat Gebetsteppiche eingekauft, damit sie, wenn sie zu ihrer Zeit beten wollen, da auch hingehen können. Oft ist es so, dass Christen und Muslime zugleich in der Kapelle beten, an verschiedenen Stellen auf verschiedene Weisen.

Ute Rosenbach

"Ein religiöses Gegeneinander gibt es nicht."

DOMRADIO.DE: Das war das Miteinander, aber gibt es auch ein Gegeneinander?

Rosenbach: Ein religiöses Gegeneinander gibt es nicht. Obwohl wir am Anfang schon enttäuscht waren , dass die Muslime gar nicht in unsere Gottesdienste kamen. Ich bin ja auch Religionslehrerin und denke, dass ich damit Leuten eine Freude mache und denke, die Christen scheinen Spaß an den Gottesdiensten zu haben.

Aber man muss einfach abwarten. Man kann da nichts übers Knie brechen. Am Anfang standen die Muslime für sich auf dem Schulhof in der Ecke und haben die anderen angeguckt und umgekehrt. Das Zusammenleben musste erst wachsen.

DOMRADIO.DE: Warum ist in Berlin, aber vielleicht auch anderswo so eine lange Nacht der Religionen wichtig?

Ute Rosenbach

"Wen man so kennt, macht man nicht mehr zu seinem Feind."

Rosenbach: Allein, damit man die anderen kennt. Wenn man jemanden kennt, dann baut man keine Feindbilder mehr auf. Wenn Sie mit der S-Bahn durch Berlin fahren, dann sehen Sie Menschen in Hautfarben der unterschiedlichsten Schattierungen. Sie hören Sprachen, von denen Sie nicht mal wissen, welche es sein könnten. Sie können die gar nicht mehr zuordnen.

Dann projizieren Sie alle möglichen Gedanken, die Sie irgendwie früher mal hatten und Erfahrungen, die Sie mit jemandem früher gemacht haben, auf die und denken sich dann aus, wie die wahrscheinlich sind. Aber wenn Sie so jemanden kennen, dann ist das was ganz anderes.

Die Schülerinnen im Gottesdienst waren kopftuchtragende Mädchen. Ich stehe dazu, dass ich ganz früher Vorurteile hatte und gedacht habe, dass kopftuchtragende Frauen schüchtern sind und sich nicht zu reden trauen. Das war in dem Gottesdienst überhaupt nicht der Fall. Sie haben fließend gesprochen und überzeugend ihre Sache dargelegt. Das ändert die Einstellung zu den Menschen. Wen man jemanden so kennt, macht man ihn nicht mehr zu seinem Feind.

Das Interview führte Tobias Fricke.

Interreligiöser Dialog

Der interreligiöse Dialog ist der katholischen Kirche ein wichtiges Anliegen. Sie versteht darunter alle positiven Beziehungen mit Personen und Gemeinschaften anderen Glaubens, um sich gegenseitig zu verstehen und einander zu bereichern. Im Dialog geben die Gläubigen Zeugnis von der Wahrheit ihres Glaubens im Respekt vor der religiösen Überzeugung des Anderen. So gehören Dialog und Verkündigung zusammen.

Der interreligiöse Dialog wird auf unterschiedlichen Ebenen vollzogen:

Symbolbild: Interreligiöser Dialog / © godongphoto (shutterstock)
Symbolbild: Interreligiöser Dialog / © godongphoto ( shutterstock )
Quelle:
DR