Berliner Finanzsenator rät Armen zu kühlen Zimmern und dicken Pullis

"Warm anziehen"

Der Berliner Finanzsenator Sarrazin rät Menschen, die unter den hohen Energiekosten leiden, ihren Energieverbrauch einzuschränken und die Zimmertemperatur zu drosseln. "Wenn die Energiekosten so hoch sind wie die Mieten, werden sich die Menschen überlegen, ob sie mit einem dicken Pullover nicht auch bei 15 oder 16 Grad Zimmertemperatur vernünftig leben können", sagte Sarrazin der "Rheinischen Post".

 (DR)

Sarrazin schaltete sich damit in die Debatte um steigende Energiepreise und Hilfsmaßnahmen des Staats für Bedürftige ein. Gewerkschaften, Linkspartei und Sozialverbände fordern Sozialtarife für Arme. Das lehnt der SPD-Politiker ab. "Empfängern von Arbeitslosengeld II werden die Heizkosten erstattet. Darüber hinaus sehe ich keinen Handlungsbedarf."

"Bei uns waren es zuhause immer 16 Grad. Am Morgen hat mein Vater die Koksheizung befeuert und sie erst am Abend, wenn er von der Arbeit zurückkam, wieder angemacht. Das hielt dann immer gerade für 16 Grad. Ich habe es überlebt.", will sich der Berliner Finanzsenator Thilo Sarrazin (SPD) erinnern.

Abgesehen davon, dass es bei 15 Grad wohl schon ungemütlich daheim werden dürfte, ist der Hinweis an sich nicht ganz von der Hand zu weisen. Als Faustregel gilt, dass ein Grad weniger in den Räumen zu einer Einsparung der Heizkosten von sechs Prozent führt. Für Wohnräume und Kinderzimmer wird allerdings eine Temperatur von bis zu 20 Grad empfohlen.

Bei einer Zimmertemperatur von 15 bis 16 Grad «wird die Grenze zur Gesundheitsgefährdung überschritten», sagte der stellvertretende Mieterbunddirektor Lukas Siebenkotten in Berlin. Zudem drohten Feuchtigkeitsschäden und Schimmel, wenn die Wohnung nicht ausreichend geheizt werde. Mieter hätten dann sogar mit Schadenersatzforderungen ihrer Vermieter zu rechnen.

Pendlerpauschale kürzen
Und auch mit den Pendlern hat der Berliner Finanzsenator wenig Mitleid.  «Ich meine, wir sollten es so handhaben wie es international üblich ist. Die Arbeit beginnt am Arbeitsplatz und der Weg dorthin ist Privatsache», sagte Sarrazin im Interview mit der der «Rheinischen Post» weiter.

Die Pendlerpauschale führe nur zu Verzerrungen, betonte der SPD-Politiker. «Der Pendler, der außerhalb von München im Grünen wohnt, hat nicht annähernd so hohe Kosten durch das Pendeln, wie er Mietkosten in München hätte. Wer ist benachteiligt? Es gibt keinen Anlass, den Verbrauch von Energie steuerlich zu subventionieren», sagte Sarrazin.

Mit seinen brachialen Kommentaren hat der streitbare Berliner Finanzsenator Thilo Sarrazin seine Parteigenossen in der SPD schon öfter vor den Kopf gestoßen. Sarrazin hatte wähend der Mindestlohndebatte angekündigt, er würde durchaus für fünf  Euro die Stunde arbeiten. Und an der Diskussion über die Höhe der Hartz IV-Sätze beteiligte sich der Finanzsenator mit einem "Drei-Tage-Speiseplan für Hartz-IV-Empfänger", bei dem diese sogar noch sparen könnten.

Auch diesmal ließen harsche Reaktionen nicht lange auf sich warten. Der Parlamentarische Geschäftsführer der Linken, Ulrich Maurer, betonte: «Gegen soviel soziale Kälte helfen auch keine Pullover.» Maurer unterstellte dem Senator, er habe nur in die Schlagzeilen habe kommen und schlug vor, Sarrazins Büro ins Kühlhaus zu verlegen. Dort könne er dann im Pullover versuchen, wieder einen kühlen Kopf zu bekommen.

Berlins CDU-Generalsekretär Frank Henkel betonte, mit seinem «abgehobenen Ratschlag» habe sich Sarrazin endgültig aus der Reihe der ernstzunehmenden Politiker verabschiedet. «Ihm scheint wohl die Hitze nicht zu bekommen», mutmaßte Henkel. Der Berliner Grünen-Energieexperte Michael Schäfer empfahl Sarrazin eine kalte Dusche. Dies spare Energie, rege die Durchblutung an und könne helfen, wieder auf bessere Ideen zu kommen.

"Ich hab das selbst schon gemacht"
Sarrazin hat seine umstrittenen Äußerungen zum Energiesparen gegen Kritik verteidigt. Jedes Wort sei «wohl abgewogen» gewesen, sagte Sarrazin am Dienstag. Gegen steigende Energiepreise könne der Staat gar nichts ausrichten. Insofern werde vielen Menschen in einigen Jahren nichts anderes übrigbleiben, als die Heizung herunterzudrehen. Aus Ärger über die Preise habe er dies selbst schon im vergangenen Winter gemacht. Deshalb habe er jetzt im Gegensatz zu früheren Jahren noch einen stattlichen Rest Öl im Tank, betonte Sarrazin.