Benedikt XVI. ehrt Helmut Kohl

Der Heilige Vater und der Ewige Kanzler

Papst Benedikt XVI. ist am Samstag in Freiburg mit Altbundeskanzler Helmut Kohl zusammengetroffen. Die Begegnung fand im Priesterseminar statt und war auf 20 Minuten angesetzt, wie die katholische Deutsche Bischofskonferenz zuvor mitteilte.

Autor/in:
Christoph Arens
 (DR)

"Wer mich verstehen will, muss auf meine Herkunft schauen", hat Kohl einmal betont. Und nie verhehlt, dass für ihn die katholische Sozialisation entscheidend war. Sein Elternhaus charakterisiert der gebürtige Ludwigshafener als tolerant-katholisch. Vor allem für seine Mutter habe der Glaube "den Mittelpunkt ihres Daseins gebildet". Dieses Grundvertrauen habe Kohl geprägt, schreibt auch Erich Ramstetter, Pfarrer und Freund der Familie.



Dass für den Menschen nicht nur materielle Dinge lebensnotwendig seien, sondern "dass der Mensch auch Zeichen der Hoffnung und Symbole dringend braucht", das habe Kohl im Bombenkrieg und den Hungerjahren nach 1945 tief empfunden, so Ramstetter. Für die Entwicklung des jungen Politikers spielte dann Dekan Johannes Fink eine herausragende Rolle: Der Geistliche, bis zur Machtergreifung der Nazis Zentrumsabgeordneter im Bayerischen Landtag, brachte nach dem Krieg jungen Leuten im Pfarrhaus die katholische Soziallehre nahe. In ihr war Subsidiarität ein Leitgedanke - Hilfe zur Selbsthilfe und Selbstverantwortung.



Gelebte Ökumene

Fink dachte auch früh über die Gründung einer überkonfessionellen christlichen Volkspartei nach. Ein Thema, das Kohl auch privat beschäftigte. Denn 1960 heiratete er die Protestantin Hannelore Renner. Den konfessionellen Gegensatz, "den die Union auf politischem Gebiet mühsam zu überwinden versuchte, kannten wir innerfamiliär überhaupt nicht", so der Altkanzler.



Während seiner Karriere hielt Kohl enge Kontakte zur Kirche. Mit dem Mainzer Bischof Karl Lehmann traf er sich zu Wanderungen. Den Kölner Kardinal Joseph Höffner bezeichnet er als "meinen Helfer in schwierigen Zeiten". Bekannt ist auch des Altkanzlers enge Bindung an den Kaiserdom zu Speyer. Das 950 Jahre alte Gotteshaus bezeichnete er als seine "Hauskirche". 2001 trug er dort seine Frau Hannelore zu Grabe. Als Bundeskanzler verhalf er dem Dom durch Staatsempfänge zu großer Popularität: Er führte etwa Michail Gorbatschow, Jacques Chirac und Georg Bush durch die Kathedrale. Und traf sich dort auch mit Papst Johannes Paul II.



Kohl und Papst Johannes Paul II.

Kohl kannte Karol Wojtyla bereits als Erzbischof von Krakau. Die beiden lernten sich 1977 in Mainz kennen. "Seine großen Kenntnisse des deutschen Geisteslebens, der Philosophie und der Geschichte beeindruckten mich schon damals", erinnert sich Kohl. Kurze Zeit später war Wojtyla Papst. Schon im November 1982, kurz nach seiner Wahl zum Kanzler, reiste Kohl in den Vatikan.



Johannes Paul II. und Kohl begegneten sich mehrfach, etwa bei der Selig- und Heiligsprechung der jüdischstämmigen Nonne Edith Stein, die 1942 in Auschwitz ermordet worden war und eine Zeitlang in Speyer gelebt hatte. Die Einigung Europas, die Aussöhnung mit Polen und Osteuropa, das waren große Themen der beiden. Da trübte es auch nicht die Sympathie, dass Kohl im Konflikt um die kirchliche Schwangerschaftsberatung anders dachte als der Vatikan. "Von Begegnung zu Begegnung festigte sich diese wundervolle Beziehung", schreibt Kohl in seinen Memoiren.



Der Schritt durch das Brandenburger Tor

Für den polnischen Papst und den deutschen Kanzler war es deshalb ein Höhepunkt ihres Lebens, als sie 1996 gemeinsam durch das Brandenburger Tor schritten. Der Papst habe ihn bei der Hand gefasst und gesagt: "Ich stehe mit Ihnen, dem deutschen Bundeskanzler, am Brandenburger Tor, und das Tor ist offen. Die Mauer ist gefallen, Berlin und Deutschland sind nicht mehr geteilt. Und Polen ist frei."



Mit dabei war damals auch Joseph Ratzinger. Mit ihm als Münchner Erzbischof und Kardinal ist Kohl mehrfach zusammengetroffen. Mit Papst Benedikt XVI. allerdings hat der Altkanzler noch kein Wort gewechselt. In Freiburg räumt das Kirchenoberhaupt dem Altkanzler jetzt in seinem Besuchsprogramm ebenso viel Zeit ein wie zuvor Bundeskanzlerin Angela Merkel in Berlin.