Tag der Architektur - Kunsthistoriker über Reiz von Ruinen

"Bei vielen Leuten dürfte eine Zeitreise im Kopf losgehen"

Eigentlich sind sie ja bloß Steinhaufen - und doch üben Ruinen und verlassene Orte wie aufgegebene Fabriken auf viele Menschen eine große Faszination aus. Über die Gründe dafür spricht der Kunsthistoriker Bruno Grimm.

Ruine der Sankt Ulrichs Kapelle / © Christopher Beschnitt (KNA)
Ruine der Sankt Ulrichs Kapelle / © Christopher Beschnitt ( KNA )

Zum Tag der Architektur am 27. und 28. Juni erklärt Kunsthistoriker Bruno Grimm von der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, warum die "Lost Places"-Begeisterung keine Erfindung des Instagram-Zeitalters ist.

KNA: Herr Grimm, was reizt Menschen am Verfall von Gebäuden?

Grimm: Da gibt es mehrere Gründe. Bei vielen Leuten dürfte zunächst eine Zeitreise im Kopf losgehen: Gerade der nur als Ruine erhaltene Bau regt die menschliche Fantasie dazu an, sich den Originalzustand möglichst prächtig auszumalen. Dazu kommt sicher das Staunen, wie Menschen so etwas früher ohne schwere Maschinen gebaut haben. Auch ein Exklusivitätsgedanke dürfte eine Rolle spielen, nach dem Motto: Ich stehe gerade in einer einmaligen, vielleicht versteckten Stätte, die es womöglich gar nicht mehr lange gibt, die also nur wenige Menschen je sehen werden. Ich hoffe, dies geht auch einher mit einem gewissen Verantwortungsgefühl für diese Stätten.

KNA: Manche Menschen werden an verlassenen Orten indes zu Vandalen. Warum?

Grimm: Meist dürften das Jugendliche sein, die ihre Stärke ausprobieren wollen. Hinzu kommt das fehlende Bewusstsein für die Einmaligkeit historischer Schätze. Manchmal werden Ruinen auch illegal abgerissen, weil jemand das Grundstück nutzen möchte. An sakralen Orten gibt es außerdem bilderstürmerische Motive. Wobei man allen Ruinen gewissermaßen Metaphysisches zuschreiben kann. Wenn ich mir denke, Ruinen speicherten sozusagen als Zeitkapsel Vergangenheit in sich, ordnet dies den Menschen auch in die Vorstellung eines größeren Ganzen ein und weist über seine eigene Existenz hinaus.

KNA: Ist die "Lost Places"-Begeisterung eigentlich eine Erfindung des Instagram-Zeitalters?

Grimm: Nein. Gerade zum Aufkommen der Romantik um 1800 war das Thema in höheren Gesellschaftskreisen und in der Kunst sehr lebendig. Maler wie Hubert Robert, William Turner und Thomas Couture oder zuvor der Kupferstecher Giovanni Battista Piranesi widmeten sich der Ästhetik des Verfalls. Dieses Interesse am Überkommenen mit Fokus auf die römische Antike war seinerzeit in Europa en vogue, besonders nach der Veröffentlichung von "Verfall und Untergang des Römischen Reiches", dem Hauptwerk des englischen Historikers Edward Gibbon. So war es damals für junge Adelige etwa aus England und Frankreich ein Muss, Italien bei einer "Grand Tour" auf den Spuren der Antike zu bereisen.

KNA: Woher rührte das?

Grimm: Neben dem bekannten Interesse des Klassizismus an der Antike ließ sie sich auch als Spiegel des eigenen englischen oder französischen "Empire" lesen: "Wenn das große Römische Reich untergehen konnte, wie sieht es dann mit unserem eigenen aus?" Später war die Antiken-Faszination wohl auch Ausdruck einer Gegenbewegung zu Aufklärung und Klassizismus, eben der Romantik. Streng geformte barocke Gartenanlagen wichen sogenannten englischen Gärten, es wurde nunmehr Wildwuchs inszeniert, man verteilte Torsi vermeintlich antiker Statuen und gestaltete falsche Mauer- und Torbogenreste. Noch bei Bayerns "Märchenkönig" Ludwig II. ist dieses Interesse zu finden.

KNA: Inwiefern?

Grimm: Er wollte ja auf der Burgruine Falkenstein im Ostallgäu nach Neuschwanstein ein weiteres romantisches Schloss errichten lassen. Zu diesem Plan - der nie umgesetzt wurde - gibt es einen Entwurf, der von Bäumen und Ranken bewachsene Wehrtürme zeigt. Da sollte also schon der Neubau Ruinen-Anmutung bekommen.

KNA: Heute gibt es wieder einen Hype um die Verfalls-Ästhetik, zig Bildbände und Fotos in den sozialen Netzwerken zeugen davon. Könnte sich das auf die moderne Architektur auswirken?

Grimm: Bei Restaurierungen alter Gebäude ist es längst gang und gäbe, offen mit der Geschichte umzugehen, etwa, indem man im Innenraum Teile historischer Mauern aufgedeckt lässt oder Balken freilegt. Aber dass man ein Haus komplett als Ruine erbaut? Kann ich mir schwer vorstellen, man will ja auch darin wohnen.

Bruno Grimm, Kunsthistoriker / © Christopher Beschnitt (KNA)
Bruno Grimm, Kunsthistoriker / © Christopher Beschnitt ( KNA )
Ruine der Burg Hopfenbach / © Christopher Beschnitt (KNA)
Ruine der Burg Hopfenbach / © Christopher Beschnitt ( KNA )
Autor/in:
Christopher Beschnitt
Quelle:
KNA