Sechs Wochen nach dem Hochwasser im belgischen Verviers

"Bei einer Katastrophe wie dieser werden die Bande enger"

Vor sechs Wochen haben Überschwemmungen auch einen Teil der Region Ostbelgien verwüstet. Für eine vorläufige Schadensbilanz hat sich das belgische kirchliche Portal cathobel.be auf den Weg ins grenznahe Verviers gemacht.

Nach dem Hochwasser: Aufräumarbeiten im belgischen Pepinster / © Valentin Bianchi/AP (dpa)
Nach dem Hochwasser: Aufräumarbeiten im belgischen Pepinster / © Valentin Bianchi/AP ( dpa )

Die Bilder von Ahr, Erft, Urft und Mosel gingen um die Welt: Westdeutschland unter Wasser wie sonst Indien oder Regionen am Mississippi. Doch die regionalen Unwetter Mitte Juli machten natürlich nicht an der Grenze halt. Teile Ostbelgiens waren ebenso betroffen wie Eifel, Ahrtal oder das Umland von Trier: Täler um Lüttich, in Wallonisch-Brabant, im Hennegau und bei Namur.

Denkmalschutz verlangsamt Sanierungen

Mit am stärksten betroffen war das Zentrum von Verviers, rund 30 Kilometer von Aachen. Jean-Rene Tonnard, Laienmitarbeiter der Pfarrei Saint-Remacle, berichtete dem Portal "cathobel" bei einer Ortsbegehung, er sei bereits in der Nacht vor dem steigenden Wasser gewarnt worden. "Den Schaden konnte ich aber erst mittags besichtigen, da das ganze Gebiet unter Wasser stand." Zu seiner Überraschung fand er in der Kirche "nur" 25 Zentimeter Wasser vor, das von der Rückseite des Gebäudes, von der Sakristei her, eingedrungen war. Die Tür vom Pfarrhaus habe dem Wasserdruck nachgegeben.

"Schon sehr bald", berichtet Tonnard, "kamen Leute, auch junge Leute, um den Boden zu säubern und nass gewordene Möbel abzutransportieren." Sogar eine Gruppe von Muslimen, die vom Imam von Dison begleitet wurden, hätten in der Kirche geholfen. Das Gotteshaus aus dem 19. Jahrhundert steht unter Denkmalschutz. Bei vielen Entscheidungen sind die Verantwortlichen nun auf die wallonische Denkmalbehörde AWAP angewiesen. Zwei Beispiele: An der überschwemmten Rückseite der Kirche befanden sich große Schränke mit alten liturgischen Gewändern. Sie wurden zunächst in einen besser belüfteten Bereich gebracht, um Schimmelbildung zu verhindern. Die durchnässten Kirchenbänke müssen zum Trocknen auseinandergenommen und später wieder zusammengebaut werden.

All diese Vorarbeiten sind natürlich sechs Wochen nach der Flut getan. Doch für die Gemeinde gehen die Probleme weit über den Denkmalschutz hinaus. "Auch die Überschwemmungen in den von der Pfarrei gekauften und verpachteten Häusern müssen wir bewältigen", so Tonnard. "Mehrere Bewohner müssen umgesiedelt, die Gebäude repariert werden." Die allgemeine Solidarität habe auch bei der Hilfe für diese Mieter funktioniert; einer davon sei bei der evangelischen Gemeinde untergekommen. "Wir haben festgestellt, dass die Bande zwischen allen während einer solchen Katastrophe enger werden", freut sich Tonnard.

Gottesdienste derzeit nicht in Kirchen möglich

Im Tal der Weser (frz. Vesdre), einem Nebenfluss der Ourthe, wurden fünf Kirchen beschädigt. Christen aus diesen Gemeinden versammeln sich zum Gottesdienst derzeit in anderen Gebäuden. Wie es in Saint-Remacle weitergeht, steht noch in den Sternen. Die einheimische Bevölkerung des Pfarrgebietes ist überaltert, ein großer Teil der Nachbarschaft ausländischer Herkunft.

Schon die vergangenen Jahre waren schwierig: Ein früherer Dechant hatte verfügt, dass die normalen Sonntagsmessen und die Gottesdienste unter der Woche zentral für ganz Verviers in der Josephskirche stattfinden. Nur an den Hochfesten wie Weihnachten oder Ostern gab es Betrieb in Saint-Remacle. Als dann die regelmäßigen Feiern nach der Corona-Zeit in den vergangenen Monaten wieder aufgenommen wurden, kamen nur mehr rund zwei Dutzend Messbesucher.

Das Pfarrsekretariat im Erdgeschoss war überflutet, ist ruiniert. Sogar die Kirchenbücher standen unter Wasser. "Und dabei hatten wir gerade beschlossen, die verstreuten Archive an einem einzigen Ort zusammenzuführen", so Kirchenmitarbeiter Tonnard.

Keiner weiß, wie lange die Sanierung dauern wird. Und das Kirchengebäude selbst hat dabei keine Priorität. "Logischerweise müssen wir uns zuerst um Schulen, Pflegeheime, Kliniken usw. kümmern", weiß Tonnard. Da Saint-Remacle zudem unter Denkmalschutz steht, muss jede Entscheidung in Absprache mit den Behörden getroffen werden. An den für September geplanten Kulturerbe-Tagen will die Pfarrei dennoch teilnehmen. Schließlich ist der heilige Remaclus (um 600-673/79), einst Missionsbischof in den Ardennen, der Schutzpatron der Stadt.

Autor/in:
Anne-Francoise de Beaudrap und Alexander Brüggemann
Quelle:
KNA
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