Ausstellung in Hildesheim zum "Islam in Europa"

Als Europas Provinz sich der arabischen Kultur öffnete

Arabisch war in Europa einmal richtig "hip". Diesen Eindruck zumindest vermittelt seit Mittwoch die Ausstellung "Islam in Europa 1000 - 1250" im Hildesheimer Dommuseum.

Verzierungen in einer Moschee / © DmitriyRazinkov (shutterstock)
Verzierungen in einer Moschee / © DmitriyRazinkov ( shutterstock )

Neidvoll blickten einst Kunsthandwerker, Kirchenfürsten und Gelehrte aus der Provinz Mitteldeutschlands auf die großen Kulturmetropolen Cordoba, Palermo, Kairo, Bagdad und Byzanz. Vermutlich ähnlich wie heutzutage Menschen von dort nach New York, Paris und Berlin schauen. So lässt es jedenfalls eine Ausstellung im Hildesheimer Dommuseum vermuten.

Anders als der Titel "Islam in Europa 1000 - 1250" andeutet, ist das Thema weniger der interreligiöse Dialog als vielmehr der Kultur- und Wissensaustausch von Orient und Mittelmeerraum mit dem im Hochmittelalter weitgehend provinziellen West- und Mitteleuropa.

Inspiration für Europa

Ob es sich um die Kunst des Bergkristallschleifens, der Seidenproduktion und -malerei oder Bronzegießerei handelte, um Ornamentik und Design, Elfenbeinschnitzerei oder Übersetzungen antiker griechischer Philosophen - aus den arabisch-islamisch beeinflussten Regionen zwischen Persien und al-Andalus, dem einst islamischen Reich auf der iberischen Halbinsel, drang ein wahrer Fluss an Inspiration, Kunstfertigkeit und Wissenschaft nach Europa. Und wurde vor allem in Kirchenschätzen bewahrt.

Hildesheimer Dom bei Nacht / © Harald Oppitz (KNA)
Hildesheimer Dom bei Nacht / © Harald Oppitz ( KNA )

Einer der größten nördlich der Alpen ist der von Hildesheim, weswegen die Ausstellung auch hier umgesetzt wurde, wie Kurator Felix Prinz bei einer Führung durch die eigens neu eingerichteten Räume des Dommuseums erläutert. Die Sammlung zeigt Objekte aus dem Hildesheimer Domschatz, denen thematisch Leihgaben aus Florenz, London, Paris und Wien zugeordnet sind. Etliche Exponate oder Teile davon stammen aus den erwähnten Metropolen des Orients und Mittelmeerraums.

Da ist ein versilbertes Reliquiar, also ein wertvolles Behältnis zur Aufnahme von Knochenteilchen eines Heiligen, das von einer Schachfigur aus Kristall verziert wird und in dem sich der rote Stein eines ehemaligen Siegelrings befindet, auf dem noch die arabischen Schriftzeichen zu sehen sind. Ähnliche Raritäten finden sich in einem Tragekreuz, wie es im christlichen Gottesdienst verwendet wurde. "Arabisch wurde damals viel weniger mit Islam identifiziert als heute", sagt Prinz.

Über Tausend Jahre alte Schätze

Eines der wertvollsten Stücke der Ausstellung ist ein Krug aus Bergkristall des Kalifen al-Aziz (955-996). Nach Hildesheim ausgeliehen hat ihn das Museum des Markusdoms in Venedig. Nach Paris oder London hätten sie ihn nicht herausgegeben, merkt Prinz nicht ohne Stolz an. Aber weil es sich um ein kirchliches Museum handelt und der Hildesheimer Bischof Heiner Wilmer dem Patriarchen von Venedig, Francesco Moraglia, einen freundlichen Brief schrieb, machten die Venezianer eine Ausnahme.

Passend dazu stellte der Aachener Dom zwei vergoldete Platten vom Ambo Kaiser Heinrichs II. (978-1024) zur Verfügung, die ihrerseits mit wiederverwendeten Bergkristallgefäßen, darunter einer Trinkschale vermutlich aus dem Reich der Abbasiden, verziert sind. Sozusagen ein liturgisch inspiriertes Upscaling einstiger Alltagsgegenstände orientalischer Herrscherhäuser.

Handel, Geschenke und kriegerische Beute

Der Ost-West-Transfer von Kunst und Kunsthandwerk fand im Mittelalter vor allem durch Handel und diplomatische Geschenke statt. Auch kriegerische Beute ist nicht auszuschließen, machte aber eher einen kleinen Teil aus, schätzt Prinz. Bemerkenswert auch der Wissenstransfer: Belege dazu liefern Bücher aus europäischen Klöstern, in denen das Wissen und Denken der alten Griechen über die Araber ins christliche Europa gelangte. Nur so konnte etwa ein Ordensmann wie Thomas von Aquin (1225-1274) mit der Philosophie des Aristoteles (384-322 v.Chr.) seine scholastische Theologie entwickeln.

Ausstellung "Islam in Europa"

Ausstellung "Islam in Europa 1000 - 1250", 7. September bis 12. Februar, Dommuseum Hildesheim, Domhof, geöffnet Dienstag bis Sonntag von 11.00 bis 17.00 Uhr, Eintritt: 6 Euro, ermäßigt 4 Euro, freier Eintritt für Personen bis 25 Jahre und für Besuchende am 1. Dienstag im Monat

Symbol eines islamischen Halbmondes mit nach oben geöffneter Sichel auf einem Grabstein / © Markus Nowak (KNA)
Symbol eines islamischen Halbmondes mit nach oben geöffneter Sichel auf einem Grabstein / © Markus Nowak ( KNA )

Anhand eines Buches des persischen Universalgelehrten Abu'r-Raihan al Biruni (973-1048) zu den Grundlagen der Sternenkunde versuchten europäische Gelehrte, das komplexe astronomische Instrument eines Astrolabiums zu verstehen. Beispiele dazu sind im Dommuseum ebenfalls ausgestellt.

Gemeinsame Gegenwart

Bemerkenswert ist ein Kerzenleuchter aus dem Maasgebiet mit drei Frauenfiguren, Allegorien der drei damals bekannten Erdteile: Europa, Asien und Afrika. Während Frau Europa mit Krieg verbunden wird und Asien mit Reichtum, steht Frau Afrika für die Wissenschaft. Eine wahrhaft umgekehrte Welt verglichen mit heutigen Vorstellungen, die noch sehr vom Kolonialismus des 19. Jahrhunderts geprägt sind.

Die Ausstellung über interkulturellen Dialog im Mittelalter hat zudem ein aktuelles Anliegen. Kurator Prinz: "Es wäre unser Wunsch, vor dem Hintergrund der gemeinsamen Geschichte dazu beizutragen, eine gemeinsame Gegenwart von arabisch-islamischem und europäisch-christlichem Kulturraum beizutragen."

Autor/in:
Roland Juchem
Quelle:
KNA