Aus der Ansprache von Künstlerseelsorger Sauerborn

 (DR)

Wie sehr uns doch gerade in diesen Tagen das große Zeichen der Asche an die eigene Umkehrbedürftigkeit und die Umkehrbedürftigkeit der Gesellschaft erinnert! Die Ermordeten von Hanau, Opfer des Hasses und der Ausgrenzung, trafen und treffen uns mitten ins Herz. Die Kette der tödlichen Aggression des Rechtsradikalismus will nicht aufhören. Nicht zu Unrecht fällt das Wort vom Gift, das unsere Gesellschaft bedroht. Worte sind tödlich geworden, die bis in unsere Parlamente hinein zu hören waren, Worte der Ausgrenzung und der Menschenverachtung.

Die Kunst hält sich nicht am dekorativen Rand der Gesellschaft auf. Sie ist nicht zuständig für das Gute und Schöne allein. Sie hält auch den Finger in die Wunde der gesellschaftlichen Brüche, und wo diese Wunden getarnt und verklebt werden, reißt sie diese auf. Die Kunst will nicht einschläfern. sie weckt auf. Dass hat sie mit dem Glauben gemein. Auch er ist nicht nur für die Beruhigung der Gemüter zuständig und für das, was man Kontingenzbewältigung nennt, den Trost und die Zufriedenheit. Und da Kunst und Glaube mitunter in die Mittelmäßigkeit des Dekors und der Sättigung der religiösen Bedürfnisse abrutschen, brauchen sie so ein aufrüttelndes Zeichen, wie es das Kreuz der Asche ist.

Die heutige Akademie unter dem Titel "Touristenziel oder Himmlisches Jerusalem – Kathedralen in heutiger Zeit" führt uns in die oben angesprochene Problematik unserer Gesellschaft. Was trägt und hält diese Gesellschaft? Was verbindet Sie? Die Kathedralen Europas zeugen von Sinngründen und Fundamenten, die zu verschütten drohen. Sie ragen in den Himmel wie Fremdzeichen. Sie sind Anderorts, nicht zu vereinnahmen, erratische Gebäude des Anderen in säkularisierter Gesellschaft. Der Großbrand der Pariser Kathedrale Notre-Dame hat nicht nur die französische Bevölkerung aufschrecken lassen. Ganz Europa schaute entsetzt auf die Verletzlichkeit eines großen Zeichens seiner Identität. (DOMRADIO.DE)