BVB-Gemeindereferent über Rassismusdiskussion im Fußball

Aufstehen und protestieren

Der frühere Bundesliga-Schiedsrichter Babak Rafati fordert bei Rassismus und Diskriminierung einen sofortigen Spielabbruch. Gemeindereferent Karsten Haug ist bei Borussia Dortmund in der Fan-Pastoral tätig. Er hält das für keine gute Idee.

Fans im Fußballstadion / © A_Lesik (shutterstock)

DOMRADIO.DE: Rassismus im Fußball nimmt offenbar immer mehr zu. Wie sehen Sie die Entwicklung an und auf den Fußballplätzen?

Karsten Haug (Gemeindereferent in der Gemeinde Heilige Drei Könige Dortmund und in der Fan-Pastoral des BVB tätig): Ich würde nicht zustimmen, dass der Rassismus zunimmt. Aber man nimmt das Thema wahr. Es sind, glaube ich, Wenige. Und ja, irgendwas muss getan werden. Das steht auf jeden Fall fest.

Ich kann schwer einschätzen, was Babak Rafati und Max Eberl, der Sportmanager von Mönchengladbach, gesagt haben: Spiele direkt abzubrechen, das halte ich für relativ problematisch. Ich finde immer, dass das eine Kollektivstrafe darstellt. 30 Leute machen Unsinn, wirklich unsägliche Bemerkungen. Gerade wir in Dortmund haben ja auch da besondere Beziehungen zu Hoffenheim und zu Herrn Hopp (SAP-Mitbegründer und Geldgeber der TSG Hoffenheim, Anm. d. Red.). Das kann ich alles gar nicht nachvollziehen. Und jetzt ist ja das eingetreten, wovor wir uns in Dortmund gefürchtet haben: Zwei Jahre lang dürfen keine Auswärtsfans von uns mehr nach Hoffenheim.

DOMRADIO.DE: Wie sind denn Ihre Erfahrungen gerade mit dem Thema Rassismus in Dortmund? Beim BVB?

Haug: Ich glaube, dass Dortmund da auf einem ganz guten Wege ist, auch mit dem Fanprojekt. Sie fahren ja auch mit Jugendlichen nach Auschwitz, nach Lublin, um denen dieses Thema Rassismus, Fanatismus näherzubringen und die Konzentrationslager zu besuchen. Es gab außerdem die Aktion "kein Bier für Rassisten" im Stadion. Ich glaube schon, dass da viel getan wird.

Ich bin der Meinung, jetzt ist es an den übrigen Fans aufzustehen, wenn sowas vorkommt wie in Mönchengladbach (Dort haben Anhänger von Borussia Mönchengladbach ein Plakat mit dem Konterfei von Dietmar Hopp mit einem Fadenkreuz über dem Gesicht hochgehalten, Anm. d. Red.). Da haben ja übrigens Fans auch das getan, was ich eigentlich viel mehr erwarte, dass sie aufstehen und dagegen lautstark protestieren.

DOMRADIO.DE: Der deutsche Nationalspieler Antonio Rüdiger, auch dunkelhäutig, hat gerade erst in einem Interview gesagt, der Rassismus habe gewonnen. Die Leute werden nicht bestraft und können weiter ins Stadion gehen. Hat da jemand offensichtlich schon resigniert? Wie würden sie das bewerten?

Haug: Für so eine Person ist das natürlich doppelt schwierig. Das Stadion ist kein rechtsfreier Raum. Jetzt geht es darum, dass alle hinschauen und dann, dass wir auch wirklich die Personen benennen. Wenn ich neben einem stehe, dann muss ich den benennen. Aber ich glaube auch zu verstehen: Das Stadion ist ein Spiegel der Gesellschaft. Es geht jetzt nicht nur um das Stadion, sondern wir erleben ja überall eine Verrohung der Sprache. Wir erleben überall, dass an Theken oder Biertischen einfach so über Menschen herabwürdigend gesprochen wird, dass Menschen diffamiert werden – in den sozialen Medien sowieso. Und ich glaube, auch da gilt es hinzuschauen und nicht nur im Stadion.

DOMRADIO.DE: Was schlagen Sie vor? Was kann man gegen Rassismus und Diskriminierung im Sport und im Fußball tun? Sie haben schon ein paar Punkte genannt. Also, die anderen müssen aufstehen, müssen sich dagegen wehren, müssen laut werden?

Haug: Genau das ist das Erste, und das können ja Menschen auch wirklich tun, die im Stadion sind, die erstmal ein Spiel der Freude und des Lebens erleben wollen, der Leidenschaft, einfach ein begeisterndes Spiel, was ja erstmal gar nichts mit Politik zu tun hat und das man eigentlich auch nicht missbrauchen sollte.

Ein zweiter Punkt ist sicherlich, dass die Vereine auch nochmal in Hinblick darauf gucken können: Wie können sie Jugendliche oder auch Erwachsene dafür sensibilisieren, dass dieses Thema einfach nicht hochkocht, dass nicht 30 Leute ein Fußballspiel kaputtmachen? Sicherlich liegt da auch eine Verantwortung in der Gesellschaft und auch für uns als Kirche.

Das Gespräch führte Carsten Döpp.

Banner mit der Aufschrift "Rassismus tötet! - Alle(s) gegen Rassismus!" (dpa)
Banner mit der Aufschrift "Rassismus tötet! - Alle(s) gegen Rassismus!" / ( dpa )
Ehemaliger Fifa- und Bundesliga-Schiedsrichter Babak Rafati (Archiv) / © Roland Weihrauch (dpa)
Ehemaliger Fifa- und Bundesliga-Schiedsrichter Babak Rafati (Archiv) / © Roland Weihrauch ( dpa )
Quelle:
DR
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