Auch Juden in Israel entscheiden sich gegen Beschneidung ihrer Söhne

"Brit ohne Schnitt"

Während eine breite Mehrheit der Juden in dem seit Jahrtausenden zelebrierten Ritual der "Brit Mila", also der Beschneidung kleiner Jungen, ein unaufgebbares Merkmal ihrer Religion sieht, wächst auch in Israel die Zahl seiner Gegner.

Beschneidungsgesetz kommt (KNA)
Beschneidungsgesetz kommt / ( KNA )

Sie heißen "Kahal", "Ben Schalem" oder "Brit bli Mila" (Bund ohne Beschneidung); und auch wenn ihr Spektrum vom Angebot alternativer Initiationsriten bis hin zum Streben nach einem Verbot der Beschneidung reicht, ist den verschiedenen Organisationen eines gemeinsam: In einer jüdisch-israelischen Gesellschaft, in der der beschnittene Mann den Normalfall darstellt, wollen sie Akzeptanz schaffen für die Minderheit derer, die mit einer alten Tradition brechen. Schätzungen sprechen für die vergangenen zehn Jahre von bis zu drei Prozent unbeschnittenen männlichen jüdischen Neugeborenen in Israel. Die im Land durchgeführten rituellen Beschneidungen werden in keiner Statistik erhoben; auch eine Meldepflicht gegenüber religiösen oder staatlichen Stellen gibt es nicht. Glaubt man nichtrepräsentativen Umfragen, sähen bereits heute weitaus mehr jüdische Familien ihre Söhne unbeschnitten. Während jedoch Beschneidungsgegner in den USA bereits seit den 70er Jahren Zulauf finden, ist in Israel der gesellschaftliche Druck für viele Eltern zu groß. Wie groß, das zeigt etwa der Blick auf die Internetseiten für Alternativen zur traditionellen "Brit Mila", den "Bund der Beschneidung". Wer in Israel eine "Brit ohne Schnitt" anbietet, stellt seine Adresse nicht ins Internet. Interessierten dienen anonyme Mailadressen zur Kontaktaufnahme. Mit der steigenden Zahl der Beschneidungsgegner ist auch das Hilfsangebot für Gleichgesinnte gewachsen: Elternorganisationen wie die 2002 gegründete Kahal stehen heute Betroffenen zur Seite, um dem sozialen Druck standzuhalten. Denn unentschlossenen Eltern, so Kahal-Gründerin Ronit Tamir, mangele es vor allem an Informationen. So rät die Organisation: "Informiere dich, bevor du deinem Baby das Messer anlegst!" Reformjüdische Strömungen Beschneidung und ihr Verbot sind ein heißes Thema: Diskutiert ein Land einen Beschneidungsbann, sind Antisemitismus-Vorwürfe schnell bei der Hand. Ein Totschlag-Argument, kritisiert Abschalom Zoosmann-Diskin in einem Zeitungsinterview. Auf diese Weise entziehe man sich dem "Thema der Verstümmelung und des Rechts auf einen unversehrten Körper". Der Genetiker, der Ende der 90er Jahre den Verein "Ben Schalem" gründete, gehört zu den Vorkämpfern der Bewegung. Erfolglos versuchte er, vor Gericht einstweilige Verfügungen gegen den "Menschenrechtsverstoß" der Zirkumzision zu erreichen. Die meisten Beschneidungsgegner sind überzeugte Atheisten. Aber auch in reformjüdischen Strömungen finden sich Unterstützer. Wie die Befürworter berufen sie sich auf die Bibel - in der sich neben dem Gebot zur Vorhautbeschneidung auch jener Satz findet: "Für einen Toten dürft ihr keine Einschnitte auf eurem Körper anbringen, und ihr dürft euch keine Zeichen einritzen lassen" (Levitikus 19,28). Für die jüdische Identität, so die Argumentation, sei der Bundesschnitt nicht ausschlaggebend: Ist die Mutter Jüdin, so sind es ihre Kinder. Auch unter jenen, die grundsätzlich an der religiösen Tradition festhalten wollen, wachsen das Unbehagen gegen die Art des Eingriffs und die Angst vor Komplikationen. Denn in Israel sind die große Mehrheit der rund 400 zugelassenen rituellen Beschneider keine Ärzte; der Schnitt geschieht ohne Anästhesie. Jeder sechste Israeli, so jüngere Schätzungen, zieht jedoch eine vom Arzt durchgeführte Beschneidung vor.

Autor/in:
Andrea Krogmann